Zehn Jahre im Amt

Warum Klaus Wowereit es noch einmal wissen will

Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit will weitermachen, auch wenn er mittlerweile zehn Jahre im Amt ist. Mit dieser Entscheidung hat nicht nur Konkurrentin Renate Künast zu tun.

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In diesen Tagen holt Klaus Wowereit ein Interview ein, das er gar nicht gegeben hat. Die Sätze stammen von einem Politiker, der es wie er ganz an die Spitze eines Stadtstaates geschafft hatte: Hamburgs ehemaligen Ersten Bürgermeister Ole von Beust. In einem sehr offenen Gespräch mit dem Zeit-Magazin beschrieb von Beust die letzten Jahre seiner Amtszeit – diesen Überdruss, der ihn überkam, hervorgerufen durch die immer gleichen Termine mit den immer gleichen Leuten. Nach neun Jahren sei sein „Eitelkeitssoll“ erfüllt gewesen, sagt von Beust. Der Christdemokrat hatte genug von der Politik und stieg aus.

Wowereit kennt sie auch, die Déjà-vu-Erlebnisse. Die immer gleichen roten Teppiche, die ach so ähnlichen Konferenzen und Eröffnungstermine – seit zehn Jahren. Aber er will weiter machen. Noch mal fünf Jahre. Wieso eigentlich?

Wer den Regierenden Bürgermeister im ehemaligen Schöneberger Gasometer beobachtet, der spürt, dass er wohl wirklich will. Es geht es um die Zukunft der Stadt – zumindest bei diesem pressewirksamen Termin. „Berlin kann zum nationalen Schaufenster für Elektromobilität werden“, postuliert Klaus Wowereit vor Mitgliedern des Vereins Berliner Kaufleute und Industrieller. Im nächsten Jahr will die Bundesregierung entscheiden, in welche Modellregion die Subventionsmillionen fließen sollen. Das Schaufenster dafür würde Wowereit gern selbst dekorieren. Als Regierender Bürgermeister. Immer wenn der über die Jahre etwas graumelierter gewordene Vollblutpolitiker in diesen Tagen über die Zukunft der Stadt redet, geht es auch um seine Zukunft. Der Wahlkampf kommt langsam auf Touren. Wowereit auch. Zehn Jahre ist er heute im Amt. „Eine lange Zeit“, sagt er. Was treibt ihn an, warum will er es noch einmal wissen?

Aufsteiger mit rotem Faden

Klaus Wowereit ist ein fast klassischer Aufsteiger. Und doch anders als andere Aufsteiger. Aufgewachsen in kleinbürgerlichen Verhältnissen mit einer alleinerziehenden Mutter wurde Wowereit nach Jurastudium und Jahren als Stadtrat in Tempelhof über das Abgeordnetenhaus zum Regierenden Bürgermeisters von Berlin. Eine Ochsentour, unspektakulär und geradeaus. Die SPD machte ihn schließlich sogar zum stellvertretenden Bundesvorsitzenden, zeitweise galt er als möglicher Kanzlerkandidat. Wowereit ist Dauergast in den Talkshows. Er ist populär. Zumindest in Berlin: Hier liegen seine Umfragewerte seit Jahren weit über denen der Konkurrenz.

Aber seine eigentliche Karriere begann mit einem sehr persönlichen Satz, der ihn auf einen Schlag berühmt machte.

Die Spannung auf dem Nominierungsparteitag 2001 war groß. Sein Umfeld hatte Journalisten vorgewarnt. Passt auf – da platzt gleich eine Bombe. Lange war es die normale Bewerbungsrede eines eher mäßig begabten Redners. Dann, am Ende, das Bekenntnis: „Ich bin schwul, und das ist auch gut so.“ Wowereit war der erste Spitzenpolitiker, der sich öffentlich zu seiner Homosexualität bekannte. Er riss damit Türen auf und stieß eine Diskussion an, die bis heute anhält. In der CDU, so resümiert von Beust in besagtem Interview, könne man als Schwuler maximal Ministerpräsident werden. „In der SPD kann man alles werden“, sagt heute Klaus Wowereit nicht ohne Stolz. Sein Outing machte den Stadtpolitiker zu einer Figur im Spiel der Großen, sein „…und das ist auch gut so“ wurde zum geflügelten Wort, zum Wahlkampfslogan und zu einem hundertmal kopierten Nachsatz. Er sei damals einfach aus seinem Bauch gekommen, behauptet Wowereit. Und eins ist klar: Seinem Bauch kann der SPD-Politiker dankbar sein.

Ob Kalkül oder nicht – Wowereits Einsatz gegen Homophobie und Rassismus ist ein roter Faden seiner Politik. „Andere auszugrenzen, bedeutet Menschenfeindlichkeit“, sagte er bei einer Preisverleihung im Roten Rathaus am vergangenen Mittwoch. Wowereit steht für ein offenes, tolerantes Berlin – auch mit seiner Person.

"Sparen bis es quietscht"

Aber letztlich sollte ein anderer Satz die erste Legislaturperiode kennzeichnen – und bis heute Wowereits Politik prägen: „Sparen bis es quietscht.“ Der rot-rote Senat brach mit der Subventionsmentalität des alten West-Berlins, ordnete die Finanzen und wagte den Gang zum Bundesverfassungsgericht nach Karlsruhe, um Staatshilfen zu bekommen. Dem öffentlichen Dienst trotzten Wowereit und sein Finanzsenator Thilo Sarrazin (SPD) einen Solidarpakt ab, der der Stadt jährlich 500 Millionen Euro sparte. Der Regierende Bürgermeister mutete der bankroten Stadt zunächst einiges zu. Das war eine eher kühle Realpolitik, die dem Mann, der ein linkes Bündnis mit der SED-Nachfolgepartei PDS geschmiedet hatte, kaum einer zugetraut hatte.

Der Haushalt und die anstehende Schuldenbremse werden auch in den nächsten Jahren das enge Korsett für die Politik in Berlin bilden. Wowereit, so sagen es enge Parteifreunde, will die Früchte seiner harten Sparpolitik in den nächsten Jahren selber ernten. Es soll auch wieder Geld investiert werden können. Für eine Kunsthalle beispielsweise, für die sich Wowereit so vehement einsetzt. Für Kunst und Kultur interessiert sich der gebürtige Lichtenrader im Gegensatz zum Sport tatsächlich, sein Geschmack pendelt lässig zwischen Kuschelrock und Staatsoper – und mit einer Kunsthalle würde sich Wowereit gern ein Denkmal setzen. Das Projekt durchzupauken – auch dass eine Aufgabe für den nächsten Regierenden Bürgermeister.

Andererseits: In seinen zehn Jahren hat Wowereit alle und alles erlebt. Großereignisse wie die Fußballweltmeisterschaft 2006 oder das Mauerfalljubiläum. Amerikanische Präsidenten wie Bill Clinton oder Barack Obama. Hollywoodstars auf der Berlinale, Könige und Prinzessinnen, die mit ihm durchs immer gleiche Brandenburger Tor schritten. Vor eineinhalb Jahren galt Wowereit als amtsmüde. Dem Rausch der ersten Jahre schien ein langanhaltender Kater zu folgen. Der Instinktpolitiker wirkte auf viele Sozialdemokraten Mitte 2009 lustlos. Hinzu kam, dass der zweiten Legislaturperiode von Rot-Rot das große, das übergreifende Thema fehlte. Viele Aufgaben wurden abgearbeitet: Schulreform, S-Bahn-Krise, Schneechaos. Die Arbeitslosenquote blieb hoch. Lethargie machte sich breit. In der Bundespolitik zogen andere an dem Berliner vorbei. Wenn heute über Kanzlerkandidaten der SPD die Rede ist, fallen die Namen Steinmeier und Steinbrück, aber nicht mehr Wowereit. „Er hat mit dem Thema abgeschlossen“, sagt ein enger Vertrauter.

Die ständig wiederkehrenden Termine, die Sackgasse ohne Aufstiegschancen – das alles führte bei Ole von Beust schließlich zum Rücktritt. Berlins Regierender Bürgermeister traf einen anderen Entschluss.

Ein Neustart in Südafrika

Wowereits Wende kam im Südafrika-Urlaub. Da entschied er sich, so erzählen es Parteifreunde, dass er weiter machen will. Nur einige Wochen später erlebten die Sozialdemokraten auf einer Fraktionsklausur Anfang 2010 einen anderen Wowereit. Kämpferisch. Dominierend. Selbstbewusst. Einer, der die dritte Amtszeit mit aller Macht will. Der Sätze sagt wie: „Ja, zehn Jahre sind eine lange Zeit. Aber es dauert, etwas zu Ende zu bringen.“

Konkret gemeint war der Großflughafen in Schönefeld, der nächstes Jahr an den Start gehen soll und den vor allem Wowereit als Regierender Bürgermeister und Aufsichtsratsvorsitzender der Flughafengesellschaft vorangetrieben hat. Aber so sehr Wowereit den Flughafen 2012 selbst eröffnen will – zu Ende bringen will er wohl auch noch einiges mehr, das er als unvollendet empfindet.

Der langjährige Spiegel-Korrespondent Jürgen Leinemann hat das Gefühl ganz oben an der Spitze als „Höhenrausch“ beschrieben, Politik als Droge. Leinemann beschreibt Politik wie eine Sucht, im Rampenlicht zu stehen, Entscheidungen zu treffen, wichtig zu sein – von der viele Politiker nicht lassen können. Wowereit ist jetzt seit zehn Jahren auf diesem Gipfel. Und von dort oben sieht die Welt eben klein aus. Zu viel Selbstkritik zu üben, in dieser Gefahr schwebt Berlins Regierender Bürgermeister sicher nicht. Fehler? Nun ja, einiges würde er im Nachhinein anders machen. Aber im Großen und Ganzen sieht sich Wowereit in seiner Politik bestätigt. An Selbstbewusstsein hat es ihm nie gemangelt. Und, ja, er sei auch eitel, gab Wowereit neulich in Markus Lanz’ ZDF-Talkshow zu. Aber Politiker, die Politik als Opfergang verstünden, seien ihm suspekt.

Klaus Wowereit hat es seiner Partei in der ihm unnachahmlichen Art sehr deutlich gesagt. „Die SPD hat zwar viele Gute, aber keinen wie mich“, tönte er auf dem Nominierungsparteitag der SPD. Falsch ist das nicht. Die Berliner SPD hat keinen populäreren Politiker, hinter dem Regierenden kommt nicht mehr viel. Und sie hat keinen, der im Wahlkampf die Partei mehr nach vorne bringen würde. „Ich kenne meine Berliner“, sagt Klaus Wowereit. Die 30 Prozent, die die SPD zurzeit in Umfragen bekommt, gehen zu einem guten Teil auf sein Konto. Einen Nachfolger, der Wowereits Lücke schließen könnte, hat die Partei nie aufgebaut.

Doch der entscheidende Kick kam erst Ende vergangenen Jahres. Er kam von Renate Künast. Als die Bundestagsfraktionvorsitzende der Grünen ihre Kandidatur für das Amt des Regierenden Bürgermeisters ankündigte, war Wowereits Kampfeswille endgültig geweckt. Eine echte, eine ernst zu nehmende Herausforderin. Zum ersten Mal in den zehn Jahren als Regierender Bürgermeister droht mit Grün-Schwarz eine andere Mehrheit, eine Mehrheit jenseits der SPD. „Wenn Wowereit kämpfen muss, dann war er immer besonders gut“, sagt ein Sozialdemokrat, der ihn seit Jahren begleitet. Wahr ist aber auch, dass er besonders gu ist, wenn Wowereit für Wowereit kämpft. Und so stürzt er sich in den Wahlkampf, ist beim Feuerwehrjubiläum in Köpenick, beim Sommerfest in Wilmersdorf – oder eben bei den Kaufleuten und Industriellen im Gasometer in Schöneberg.

Die Entscheidung über eine Amtszeitverlängerung fällt am 18. September.