Vernachlässigung

Mutter lässt elfjähriges Mädchen sitzen

Eine junge Mutter zieht zu ihrem Freund und lässt ihre elfjährige Tochter allein in der Lichtenberger Wohnung zurück. Niemand schreitet zunächst ein - nicht der einzige Fall in Berlin.

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Zehn Tage war ein elfjähriges Mädchen offenbar völlig auf sich allein gestellt, weil seine alleinerziehende Mutter die Wohnung verlassen und das Kind darin zurückgelassen hatte. Anscheinend war die 26-jährige Frau mit ihrer Tochter überfordert. Sie zog aus der Wohnung aus und ließ das Kind zurück. Dieser erschreckende Fall von Kindesvernachlässigung ereignete sich am vergangenen Sonnabend in Lichtenberg. Am späten Abend riefen gegen 22 Uhr Bewohner eines Mietshauses die Polizei. Sie gaben an, dass sich ein elfjähriges Mädchen allein in einer Nachbarwohnung aufhalte. Als die Polizisten eintrafen, entdeckten sie tatsächlich ein Mädchen in der stark verschmutzten Wohnung. Offenbar hatte das Kind tagelang allein zurechtkommen müssen.

Freundin der Mutter schreitet nicht ein

Nach Aussagen von Nachbarn bewohnte das Mädchen mit seiner 26 Jahre alten Mutter die Wohnung in Lichtenberg. In der Vergangenheit soll die Frau ihr Kind bereits mehrere Male allein gelassen haben. Zeugen berichteten, dass die Frau ein gestörtes Verhältnis zu ihrer Tochter habe. Wie die Ermittlungen ergaben, war die Mutter bereits am 1. Juni zu ihrem neuen Freund nach Sachsen-Anhalt gezogen – also zehn Tage bevor das Kind in der Wohnung entdeckt wurde. Die Polizisten fanden in der Wohnung keinerlei frische Lebensmittel. Zudem soll kaum noch saubere Wäsche vorhanden gewesen sein.

Auch eine Freundin der Mutter verhielt sich offenbar völlig verantwortungslos. Nach Polizeiangaben soll die Frau am vergangenen Freitag in die Wohnung gekommen sein, um die Haustiere – einige Echsen – zu versorgen. Nachdem sie die Reptilien gefüttert hatte, habe sie das Wohnzimmer verschlossen, in dem das Festnetztelefon und das Handy des Mädchens lagen. Den Schlüssel nahm die Frau mit. Offenbar wollte sie verhindern, dass das Kind Hilfe holt. Ob das Mädchen in den Tagen, in denen es auf sich allein gestellt war, sich selber versorgen konnte, ist ungewiss. Ob es die Wohnung verlassen und in die Schule gehen konnte, ist ebenfalls nicht bekannt. Nähere Einzelheiten nannte die Polizei nicht, um das Mädchen zu schützen. Es wurde dem Kindernotdienst übergeben. Gegen die Mutter leitete die Polizei Ermittlungen wegen Verletzung der Fürsorge- oder Erziehungspflicht ein. Der Fall wurde an ein spezielles Kommissariat des Landeskriminalamts übergeben, das sich ausschließlich um Fälle von Kindesvernachlässigung und -misshandlung kümmert (siehe Infokasten).

Kind droht vom Balkon zu fallen

Nur wenige Stunden bevor das Kind in Lichtenberg entdeckt wurde, alarmierten Zeugen in Wedding die Polizei. Ein Anwohner hatte am Nachmittag ein zweijähriges Kind beobachtet, das von einem Balkon im fünften Stock zu fallen drohte. Spielende Kinder auf dem Hof hatten zudem gesehen, dass der Junge auf einem Stuhl gestanden und Kleidungsstücke heruntergeworfen hatte. Die eintreffenden Polizisten mussten mehrere Male an der Wohnungstür klingeln und klopfen, ehe jemand öffnete.

In der Wohnung trafen die Polizeibeamten die „sehr verschlafen wirkende“ 26 Jahre alte Mutter und ihren 24 Jahre alten Freund an. Beide hatten offenbar nichts von dem Geschehen draußen auf dem Balkon mitbekommen. Die Wohnung der beiden soll nach Polizeiangaben unaufgeräumt und stark verschmutzt gewesen sein. Neben dem Zweijährigen sollen auch zwei weitere fünf und sechs Jahre alte Mädchen in der Wohnung leben. Sie waren zu diesem Zeitpunkt allerdings mit dem getrennt lebenden Vater unterwegs. In Absprache mit dem Kindernotdienst nahm er sowohl den zweijährigen Jungen als auch die beiden Mädchen in seine Obhut. Die Mutter muss sich nun wegen Verletzung der Fürsorge- oder Erziehungspflicht verantworten.

Weitere Fälle in der Stadt

Am frühen Montagmorgen rief um 5 Uhr morgens ein Zeuge die Polizei, nachdem ihm eine stark schwankende Frau mit einem Kind an der Hand an der Neuköllner Grenzalleebrücke auffiel. Die Frau – die Großmutter des Kindes – war so betrunken, dass sie sich beim Gehen auf ihre sechsjährige Enkelin stützen musste. Als die 43-Jährige die Polizisten sah, wollte sie mit dem Kind die stark befahrene Straße überqueren. Die Beamten konnten sie gerade noch daran hindern, sich selbst in Gefahr zu bringen, und hielten sie fest. Daraufhin schlug die Frau unvermittelt um sich, schrie lauthals los und beschimpfte die Polizisten. Dann versuchte sie, sich von ihnen loszureißen. Die Polizisten rangen sie nieder und legten ihr Handschellen an. Nach Angaben der Frau sollte sie sich einige Tage um ihre Enkelin kümmern. In der Wohnung der Großmutter trafen die Polizisten deren Lebensgefährten an. Da er ebenfalls stark angetrunken war, entschieden die Beamten, das Kind der Mutter zu übergeben. Gegen die Großmutter wird nun wegen Verletzung der Fürsorge- oder Erziehungspflicht ermittelt.

Am Dienstagnachmittag wurde schließlich eine 44-jährige betrunkene Mutter vor dem Hauptbahnhof aufgegriffen. Passanten hatten die Feuerwehr gerufen, weil ihnen die stark betrunkene Frau, die gemeinsam mit ihren sechs und acht Jahre alten Kindern an einem Imbiss saß, aufgefallen war. Die Frau wollte nach ersten Erkenntnissen mit ihren Kindern in den Urlaub fahren. Während die Mutter in ein Krankenhaus gebracht wurde, nahm der Kindernotdienst die Geschwister in seine Obhut. Auch hier leitete die Polizei Ermittlungen ein.