Radtouren rund um Berlin

Naturidyll mit stillen Seen und grünen Auen

Mit dem Rad rund um Berlin: Der letzte Teil der Radserie von Morgenpost Online führt von Bernau nach Birkenwerder - vorbei an malerische Auenlandschaften und zwei Seen, die nebeneinander liegen und doch ganz unterschiedlich sind.

Foto: Reto Klar

Hohe Laubbäume werfen ihren Schatten über das stille Wasser des Liepnitzsees. Es heißt, er sei der klarste aller Seen um Berlin und der tiefste obendrein. Aufgewühlt dagegen ist das Wasser des Wandlitzsees. Über seine weite, ungeschützte Fläche segeln Surfer hart am Wind. Wandlitzsee und Liepnitzsee liegen dicht beieinander und sind doch ganz unterschiedlich. Die Berliner lieben sie beide seit jeher als Ausflugsort. Unsere Tour zu den beiden Seen beginnt in der historischen Altstadt Bernaus und klingt aus am kleinen Fluss Briese mit seinen reizvollen Auen. Fast 40 Kilometer Fahrt warten auf uns – für ungeübte Radfahrer nicht wenig. Aber eine sehr schöne Möglichkeit, zu entdecken, wie viele Facetten die Mark Brandenburg bietet. Und wer merkt, dass es ihm zu viel wird für einen Tag, der steigt auf halber Strecke am Bahnhof Wandlitzsee in die Heidekrautbahn nach Berlin.

Wir starten am Bernauer Bahnhof, wo wir auf das Steintor – Wahrzeichen der Stadt – und den daneben gelegenen Hungerturm blicken. Die glatten Backsteinfassaden sind ohne jeden Schnörkel, nur ganz oben sind schmale Fensterschlitze eingelassen. Besonders der runde Hungerturm mit seinen breiten Zinnen wirkt wie aus einem Ritterfilm. Das aufgesetzte Türmchen mit der Uhr am Steintor sieht im Vergleich dazu fast verspielt aus.

Im Schatten der Stadtmauer

Bernau ist mit seinen Schutzwällen und Gräben gut befestigt. Die Stadt musste in ihrer mittelalterlichen Blütezeit, die sie vor allem ihren Tuchmachern und dem Schwarzbier verdankte, vielen Eroberungsversuchen standhalten. So belagerten etwa die Pommern und die Hussiten Bernau. Das Heimatmuseum im Steintor beherbergt eine interessante Waffensammlung (siehe auch Text links unten). Wir steigen noch die schmalen Stufen hinauf zum Hungerturm. Das alte Bernau liegt friedlich im Sonnenlicht unter uns.

Dann fahren wir weiter im Schatten der Stadtmauer. Ein kleines Stück links der Wegstrecke steht die katholische Kirche St. Marien, ein 1519 vollendeter Bau aus roten Ziegeln. Vorbei am Fachwerkgebäude des Hospitals St. Georgen und am Wasserturm verlassen wir Bernau. Der Radweg neben der Landstraße ist gut ausgebaut. Lohnenswert ist ein Abstecher zu einem wichtigen Zeugnis deutscher Architekturgeschichte, das wir nach knapp sechs Kilometern über eine kurze Betonauffahrt erreichen: die Bundesschule des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes, ein Werk des berühmten Bauhauses in Dessau.

Mit den dominanten Schornsteinen sieht das Gebäude auf den ersten Blick wie eine Fabrik aus. Doch wenn man eine Weile zwischen den Gebäuden umhergeht, die in lockerer Anordnung in den Wald eingebettet sind, überwiegt ein anderer Eindruck: Offenheit. Beide Eindrücke sind so gewollt. Architektur war für den Schweizer Architekten Hannes Meyer, der von 1928 bis 1930 als Direktor das Bauhaus führte, ein Industrieprodukt. Und das sollte auch sichtbar werden. Gleichzeitig vertrat er die Philosophie eines freien, gemeinschaftsbetonten Lernens. „Früher erinnerten Schulen oft an abgeschottete Kasernen. Das ist hier ganz anders: Durch das viele Glas wollte der Architekt eine Beziehung nach außen schaffen“, erklärt der Historiker Peter Steininger, der regelmäßig Führungen über das Gelände anbietet. „Die Schule ist eine Ikone der klassischen Moderne, für viele Architekten war sie Vorbild.“ Noch heute wird das denkmalgeschützte Gebäude für Seminare und Lehrgänge des Internationalen Bundes genutzt. Außerdem wurde auf dem Gelände ein neues Gymnasium gebaut.

Durch einen prächtigen Mischwald fahren wir etwa fünf Kilometer weiter zum Liepnitzsee. Hohe Buchen wachsen dicht am Ufer und greifen mit ihren Wurzeln über den Weg. Wir befinden uns fast an der Westspitze des Sees und blicken auf das Große Werder, eine Insel, die sich mit einer Fähre erreichen lässt. Von hier aus wäre es nicht weit zum Waldbad, wo der Weg zum Wandlitzsee abzweigt. Doch statt den direkten Weg dorthin zu nehmen, fahren wir entgegen dem Uhrzeigersinn, denn der Liepnitzsee und der ihn umgebene Wald sind viel zu schön, als dass man ihn nicht zunächst einmal umrunden sollte. Ein Buchfink singt in den Bäumen. Zwischen dem Laub auf der Erde leuchtet Moos hellgrün. An der gegenüberliegenden Seeseite müssen wir langsam fahren, weil auf einmal der ganze Weg von wandernden Kröten blockiert ist.

Vom Waldbad bis nach Wandlitz fährt man dann nur noch einen guten Kilometer durch den Wald. Der Wandlitzsee ist größer als der Liepnitzsee, kein langgezogener Waldsee, sondern eine weite freie Wasserfläche. Auf der windgeschützten Terrasse des italienisch bewirtschafteten Strandrestaurants „Ristorante alla Fontana“ machen wir bei Pizza und Pasta Pause, blicken über das Wasser und schauen den vielen Surfern zu.

Direkt gegenüber fährt stündlich die Heidekrautbahn, die seit mehr als 100 Jahren Berlin mit der Schorfheide verbindet. Das Bahnhofsgebäude ist ein klassisch moderner Bau aus den 20er Jahren. Auch hier sieht man den Einfluss des Bauhauses, der Architekt Wilhelm Wagner war ein Schüler von Walter Gropius. Das Gebäude, das einen wuchtigen Eindruck macht, steht von der Straße zurückgesetzt hinter dem Bahnhofsvorplatz. Kolonnaden beziehen die Geschäfte an der Straße in das Ensemble ein. Die repräsentative Geste der Architektur lässt erahnen, was für ein bedeutsamer Badeort Wandlitz in den 20er Jahren war. Karl Jünemann, Gemeindevorsteher seit 1910, hat ihn mit großer Entschlossenheit dazu gemacht.

Jünemann engagierte sich in der Deutschen Demokratischen Partei (DDP). Die politischen Gegner, vor allem die NSDAP, attackierten ihn heftig. Er resignierte und ließ sich, von Krankheiten gezeichnet, im Januar 1933 pensionieren. Die Nazis verhafteten ihn wenige Monate später und deportierten ihn ins KZ Sachsenhausen. Nach seiner Entlassung verließ er mit seiner Familie Wandlitz. Er starb 1945 in der Heilanstalt Eberswalde.

Eine Kirche aus grobem Feldstein

Der alte Ortskern von Wandlitz liegt zwei Kilometer westlich auf einer Halbinsel, die weit in den See hineinragt. Hier geht es ein Stück über Kopfsteinpflaster. Hinter einer alten Eiche steht die Dorfkirche mit Mauern aus groben Feldsteinen, die noch aus dem 13. Jahrhundert stammen, und einem breiten Holzturm mit einer barocken Laterne. Das Agrarmuseum (siehe Text rechts) lohnt einen Besuch.

Rund vier Kilometer weiter, kurz vor Zühlsdorf, biegen wir rechts ab und erfrischen uns an der Badestelle am Rahmersee, der ganz von Wald umgeben ist. Hinter Zühlsdorf bekommt die Tour dann einen ganz anderen Charakter. Es geht nun an der Briese, einem kleinen Nebenfluss der Havel, entlang. Die sumpfige Auenlandschaft um den kleinen Fluss ist wunderschön. Der flache Wasserlauf geht immer wieder in die Breite, Baumgruppen stehen mit ihren Wurzeln unter Wasser und spiegeln sich auf der dunklen Oberfläche der Briese. Das Briesetal ist als Naturschutzgebiet ausgewiesen.

Nach 38 sehr abwechslungsreichen Kilometern erreichen wir den beschaulichen Ort Birkenwerder. Hinter uns liegen eine mittelalterliche Stadt, ein Stück deutscher Baugeschichte, Waldseen mit glasklarem Wasser, eine riesige Traktorensammlung im Agrarmuseum und eine malerische Auenlandschaft. Erstaunlich, was man an einem Tag Radfahren durch die Mark Brandenburg alles zu sehen bekommt. Wer die Tour ganz entspannt ausklingen lassen möchte, sollte sich hinter der Bahntrasse nicht gleich links zum Bahnhof wenden, sondern rechts zum kleinen kreisrunden Boddensee fahren. Auf der Terrasse des Gasthauses am Boddensee lässt sich die Abendsonne hervorragend genießen.

Hier die Karte als PDF.

Und hier gibt es die Wegbeschreibung dazu.

Alle Teile unserer Serie finden Sie unter www.morgenpost.de/radtouren.