Autos angezündet

Polizei lässt mutmaßlichen Brandstifter frei

In der Nacht zu Freitag wurden in Berlin acht Autos angezündet. Die Polizei fasste erstmals in diesem Jahr zwei mutmaßliche Brandstifter. Doch einen musste sie wieder gehen lassen.

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Erstmals in diesem Jahr hat die Berliner Polizei mutmaßliche Autobrandstifter festgenommen. Zwei Männer wurden in der Nacht zu Freitag gestellt.

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Seit Wochen brennen fast jede Nacht Autos. In der Nacht zu Freitag ist es der Polizei erstmals gelungen, zwei mutmaßliche Brandstifter festzunehmen. Allerdings wurde einer der Männer, der 24 Jahre alte Otto B., bereits am Freitagnachmittag wieder auf freien Fuß gesetzt. Der Grund: Ein dringender Tatverdacht habe sich nicht erhärtet. Martin Steltner, Sprecher der Staatsanwaltschaft, sagte, es werde aber weiter gegen den Mann ermittelt. Seine Schuhe werden auch noch von der Kripo auf mögliche Spuren untersucht.

Nachdem in der Nacht acht Fahrzeuge angezündet und insgesamt elf Autos sowie ein Motorroller beschädigt worden waren, hatten Beamte der 12. Einsatzhundertschaft in Moabit zwei Verdächtige festgenommen. Otto B. und der 43-jährige Detlef M. waren mithilfe eines Hubschraubers mit Wärmebildkamera in Moabit aufgespürt worden. Sie waren per Fahrrad unterwegs und hatten einen Beutel mit Grillanzündern und einem Feuerzeug dabei. Ob Detlef M. weiter in Haft bleibt, soll ein Ermittlungsrichter entscheiden. Weil ein politischer Hintergrund vermutet wurde, übernahm der polizeiliche Staatsschutz die Ermittlungen.

Suche mit dem Hubschrauber

In der Nacht zu Freitag war die Feuerwehr wieder mehrfach zu brennenden Autos gerufen worden. Zunächst brannte kurz nach Mitternacht an der Straße Am Karlsbad in Tiergarten ein BMW. 30 Minuten später ging ein Mercedes auf der Keithstraße im gleichen Bezirk in Flammen auf. Durch die Hitze wurden auch ein Toyota und ein Parkscheinautomat beschädigt. Wiederum eine halbe Stunde später brannte der Motorraum eines Audis einer Autovermietung auf der Franklinstraße in Charlottenburg komplett aus. Die Flammen griffen auch auf einen daneben abgestellten Ford über.

Gegen 2 Uhr brannten auf der Soldauer Allee in Westend ein Mercedes und ein BMW. Minuten später meldeten Anwohner der Heerstraße – ebenfalls Westend – einen brennenden BMW. Die Flammen an Reifen und Kotflügel konnten von einem zufällig vorbeikommenden Objektschützer gelöscht werden. An der Charlottenburger Schloßstraße Ecke Wulfsheinstraße brannte gegen 2.10 Uhr das rechte Vorderrad eines Porsches, auch Kotflügel und Motorhaube wurden zerstört.

Um 2.30 Uhr passierte dann der Zwischenfall, der die späteren Festnahmen zur Folge hatte. Am Holsteiner Ufer im Hansaviertel in Tiergarten brannte ein weiterer Porsche. Das Feuer griff auf einen Mercedes, einen Motorroller und ein Verkehrsschild über. Die Polizei forderte einen Hubschrauber an. Der überflog den Tatort weiträumig. Auf dem Schirm der Wärmebildkamera entdeckten die Beamten zwei Männer auf Fahrrädern und informierten ihre Kollegen am Boden. Laut Polizei wurden bei ihrer Festnahme „in einem Beutel Grillanzünder und ein Feuerzeug entdeckt“. Wie Morgenpost Online erfuhr, soll der Ältere wegen einer politisch motivierten Sachbeschädigung bereits verurteilt worden sein. Beide Festgenommen leben in einem szenetypischen Haus an der Kreutzigerstraße in Friedrichshain. Am Abend durchsuchten Kriminalbeamte die Wohnung von Detlef M. und sicherten Beweismaterial.

Bei den betroffenen Autofahrern herrscht Frust und Ratlosigkeit. JuliaS. traf es doppelt. Erst montierten am Donnerstagnachmittag Unbekannte zwei Reifen am BMW ihres Mannes ab. Freitagnacht schlugen dann die Flammen aus dem Fahrzeug. Das hat nun nur noch Schrottwert. „Ich hoffe, dass die Versicherung den Schaden bezahlen wird“, sagt die 25-jährige Studentin. Eigentlich wollte das Paar über Pfingsten die Familie besuchen. Auch Daniel G. aus Schöneberg ist wütend. Sein Mercedes hat ebenfalls Totalschaden. „Zum Glück ist nicht mehr passiert. Man darf sich gar nicht vorstellen, wenn Menschen verletzt worden wären“, sagt der 42-Jährige.

Berliner Politiker beurteilten das Geschehen unterschiedlich. Dass in der Nacht zwei mutmaßliche Täter zunächst gefasst werden konnten, wurde einhellig begrüßt. Gleichzeitig wurde Kritik laut, dass wegen der Fahndungsmaßnahmen gegen Autobrandstifter nun die Einsätze in den U-Bahn-Höfen zurückgeschraubt würden. Der Vorsitzende des Innenausschusses im Abgeordnetenhaus, Peter Trapp (CDU), kritisierte, dass die Anstrengungen mit zusätzlichen Brandstreifen sowohl bei der Landeseinsatzreserve als auch bei den örtlichen Zivilfahndungstrupps der Polizei neue Lücken reißen. Trapp verwies auf einen Fall, der sich ebenfalls in der Nacht zu Freitag ereignete. An der Liebigstraße sei ein kürzlich geräumtes Haus von Vermummten mit Steinen beworfen worden. Die Täter seien unerkannt geflüchtet. „Wenn das Hemd zu kurz ist, muss man sich endlich Gedanken über die personelle Stärke der Polizei machen“, sagte Trapp.

Bei der Gewerkschaft der Polizei (GdP) hieß es, es sei eine Fehlentscheidung gewesen, die Brandschutzstreifen zulasten der Sicherheit der Fahrgäste im öffentlichen Nahverkehr zu verstärken und die Einsatzkräfte auf den Bahnhöfen ständig zu reduzieren. Menschen zu retten und ihre Gesundheit zu schützen, müsse nach Angaben von Berlins GdP-Chef Michael Purper Vorrang haben.

„Es ist gut, dass die Polizei nach langer Zeit endlich konkret Tatverdächtige ermitteln konnte“, sagte der Innenexperte der Grünen-Fraktion im Abgeordnetenhaus, Benedikt Lux. Seine Fraktion fordert, die Brandanschläge gesellschaftlich zu ächten. Der innenpolitische Sprecher der FDP, Björn Jotzo, bewertete die Festnahmen grundsätzlich positiv. Es sei in jedem Fall ein ermutigendes Signal, dass die „massive Verstärkung der Brandstreifen“ zu Ergebnissen führe. Dies dürfe aber nur ein Anfang sein.

Innensenator Ehrhart Körting (SPD) wollte die Festnahmen am Freitag nicht kommentieren. Der Senator hatte in der vergangenen Woche angeordnet, den Fahndungsdruck durch zusätzliche nächtliche Streifen zu erhöhen. Wie Morgenpost Online erfuhr, werden dafür inzwischen auch Sachbearbeiter des Staatsschutzes eingesetzt.

In diesem Jahr registrierte die Polizei in Berlin bereits 70 politisch motivierte Brandanschläge auf Fahrzeuge. Dabei seien 85 Wagen direkt angegriffen worden und 58 weitere Fahrzeuge beschädigt. Die meisten Anschläge gab es in den vergangenen drei Wochen. Die Ermittler gehen davon aus, dass ein großer Teil der Taten auf das Konto von Linksextremisten geht. Sicherheitsexperten vermuten, dass sich in Teilen der Szene Frust angesammelt hat, weil der 1. Mai in Berlin in diesem Jahr vergleichsweise friedlich geblieben war. Die Serie von Brandstiftungen war im Vorjahr mit 53 angezündeten Fahrzeuge deutlich zurückgegangen. 2009 brannten noch 221 Fahrzeuge.