Karneval der Kulturen

Berlin ist wieder im Samba-Fieber

Beim Karneval der Kulturen ziehen am Pfingstsonntag 93 Gruppen durch Berlin-Kreuzberg. Für eine allerdings wird es der letzte Straßenumzug sein.

Foto: Infografik Berliner Morgenpost Online

Eine Mauer aus Bettlaken wird sie trennen. Gespannt über ein Volleyballnetz und ungefähr einen Meter hoch. Es wäre ein Leichtes, sie zu überwinden. Vor allem für die Hüpfer, wie sich die jungen Leute auf Sprungstelzen nennen. Doch sie kämpfen gegeneinander – jeder auf seiner Seite. Sie überbieten sich mit den besten Sprüngen und werden am Ende doch merken, dass sie sich ähnlicher sind als sie dachten. Die Erkenntnis, mehr Gemeinsamkeiten als Trennendes zu haben, lässt sie schließlich zum Sprung über die Mauer ansetzen.

Es ist eine etwas andere Inszenierung des Mauerfalls, die die „United Bouncers Germany“ beim diesjährigen 16. Karneval der Kulturen zeigen. Die Gruppe mit der Startnummer 28 ist zum ersten Mal dabei. Etwa 50 junge Leute aus Hamburg, Leipzig und Berlin gehören dazu. „Wir sind Hüpfer aus Ost und West und fanden, dass das Thema Mauer gut zu Berlin passt“, sagt Initiator Christian Preiss. Eine filmreife Show sei nicht ihr Ziel. Sie wollten die noch immer existente Mauer in den Köpfen durchbrechen und vor allem ihren Sport vertreten. Der sei nach dem Unfall von Samuel Koch in der „Wetten, dass..?“-Sendung zwar bekannt, aber auch gleich wieder in Verruf geraten, sagt Preiss. Er distanziere sich von solchen „Alleingängen und Ausnahme-Aktionen“ wie in der Show präsentiert. Seine Gruppe wolle das Verbindende des Sports zeigen. Die gemeinsame Leidenschaft für die Sprungstelzen hätte Leute aus allen Teilen Deutschlands zusammengebracht.

Ein letztes Training vor dem Umzug

Die Aufregung in den Tagen vor dem großen Straßenumzug am Pfingstsonntag ist riesig. Nicht nur die Hüpfer, auch andere Formationen haben kurz zuvor noch Trainingstage angesetzt. Insgesamt 93 Gruppen sind bei dem Umzug, der um 12.30 Uhr am Hermannplatz startet, dabei. Fast 5000 Akteure aus aller Welt tanzen, singen und trommeln wieder über die Hasenheide und die Gneisenaustraße bis zur Yorckstraße. 1,3 Millionen Besucher werden beim viertägigen Karneval der Kulturen bis zum 13. Juni erwartet. 25 Gruppen machen zum ersten Mal mit, für eine Gruppe allerdings wird es der letzte Straßenumzug sein.

Seit 15 Jahren führt die brasilianische Formation Afoxé Loni den Zug mit einem Schutzritual für ein gutes Gelingen der Parade an. Jetzt will sich die Gruppe aus Protest gegen die fehlende finanzielle Unterstützung des Karnevals der Kulturen durch das Land Berlin von dem Festival verabschieden. „Aus einer Demonstration gegen Rassismus, für kulturelle Vielfalt und Dialog ist ein kommerzielles Riesenspektakel geworden, an dem die Stadt verdient, die Protagonisten aber leer ausgehen“, heißt es in einem offenen Brief der Gruppe. Bis zu 7000 Euro müssten sie allein für Sachmittel wie Wagen, Technik, Sicherheit und Dekoration aufbringen, sagt Krista Zeißig, Mitbegründerin der Formation. Ein Teil davon käme über die Teilnehmergebühr herein. Aber im vergangenen Jahr hätten sie 1500 Euro aus eigener Tasche zuzahlen müssen. Sie mache die Arbeit ehrenamtlich und gern. Aber mittlerweile investiere sie nicht nur ihre Zeit, sondern auch Bares. Das sollte das letzte Mal gewesen sein. Für sie steht fest: Ohne Förderung ist Schluss. Zumindest die Sachmittel müssten abgesichert sein.

Auch die Samba-Gruppe Amasonia muss bis zum letzten Augenblick zittern. Sie hat in diesem Jahr keinen Sponsor für den Umzugswagen gefunden und hofft auf ein Wunder in letzter Sekunde. „Mit dem Wachstum der Veranstaltung wurden die Sicherheitsauflagen jedes Jahr strenger, und Teilnehmer und Sponsoren müssen immer höhere Kosten tragen“, sagt Leiterin Sonia de Oliveira. Das habe dazu geführt, dass Sponsoren abgesprungen seien und die Tänzer in diesem Jahr keinen Lastwagen und keine Musik mehr hätten. Auch sie wollen so nicht weitermachen. Die Gruppe hat ihre künftige Teilnahme am Festival in Frage gestellt.

Es ist nicht das erste Mal, dass die Karneval-Teilnehmer über mangelnde Unterstützung klagen. Doch getan hat sich bislang nichts. Gruppen, die keinen Sponsor finden, müssen im Schnitt zwischen 2000 und 9000 Euro für Kostüme, Wagen und Dekoration aufbringen. Sowohl die Gruppen als auch das Organisationsteam fordern vom Land Berlin die Einrichtung eines Fonds für diese Ausgaben. Dieses Jahr hat die Senatsverwaltung für Soziales die Veranstaltung mit 270.000 Euro gefördert – eine Summe, die nach Aussagen der Organisatoren nur für die Logistik wie Toiletten, Straßensperrungen und Müllentsorgung reiche.

Der Bezirksbürgermeister von Friedrichshain-Kreuzberg Franz Schulz (Grüne) hat sich hinter die Gruppen gestellt. Er verzichtet auf 40.000 Euro Sondernutzungsgebühr – ein kleiner Beitrag, um das Fest zu unterstützen. „Für Berlin ist der Karneval der Kulturen eines der wichtigsten touristischen und wirtschaftlichen Ereignisse“, sagt der Bezirksbürgermeister. Daher sei es ein Skandal, dass das Land keine Basisfinanzierung sicherstelle.

Das Budget fest im Blick hat daher auch die Formation „Tir na nOg School of Irish Dancing“. Die irische Volkstanzgruppe wollte schon im vergangenen Jahr mitmachen, hatte sich aber zu spät entschieden. Dieses Jahr sind sie an 69. Stelle der Umzugskarawane. „Wir werden eine pragmatische Ausnahme sein“, sagt Tanzlehrerin Sandra Kuhnert. Keine großen Extras, kein Wahnsinns-Arrangement. Die Kostüme stammen von den Shows der vergangenen drei Jahre und werden nicht einheitlich sein. Und statt eines Trucks fährt ein Pritschenwagen mit der Gruppe mit. Die 28-Jährige hat ganz anders Sorgen: „Der irische Tanz ist ein Bühnentanz, dabei bewegt man sich springend und schwebend“, sagt sie. Das sei sehr anstrengend und über die lange Umzugsstrecke nicht durchzuhalten. Also musste sie sich Gedanken machen, wie die Formation tanzend vorwärts käme.

Vorfreude ist riesengroß

Die Lösung ist, dass sie immer wieder 90-Sekunden-Frequenzen aufführen und sich dann mit einem leichten Tanzschritt vorwärts bewegen. Schon heute ist sich die junge Frau sicher: „Wir sind nächstes Jahr wieder dabei.“ Und dann solle alles noch größer und noch toller werden. Die Vorfreude auf den Umzug sei aber bereits in diesem Jahr kaum zu toppen.

Das geht auch den Hüpfern ebenso. Die Idee, beim Karneval mitzumachen, kam ihnen während eines Camps im vergangenen Jahr. Dieses Jahr findet das Camp zwei Tage vor dem Umzug statt. Dort wird dann entschieden, wer auf der Ostseite und wer auf der Westseite kämpft und wer als Claqueur die jeweiligen Springer anfeuert. Sie wollen nach dem Unfall von Samuel Koch einen zweiten Anlauf nehmen, um diesmal positive Aufmerksamkeit für ihren Sport zu erregen. „Die Leute sollen neugierig werden und sich fragen, was wir überhaupt machen“, sagt Christian Preiss. Er ist kurioserweise vor Jahren bei einer Wette in einer „Wetten, dass..?“-Sendung auf die „Sieben-Meilen-Stiefel“ aufmerksam geworden.