Deutlicher Anstieg

Nachfrage nach Kita-Plätzen in Berlin nimmt zu

Die Nachfrage nach Kita-Plätzen wird bis 2015 stark ansteigen. Rund 8600 Kinder mehr müssen dann betreut werden. Der Senat versucht verzweifelt, den Boom aufzufangen. Der erste Schritt wäre eine bessere Organisation.

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Die Pläne, mit denen Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) den Mangel an Kita-Plätzen in der Stadt bekämpfen will, sind beim Koalitionspartner Linkspartei auf Unverständnis gestoßen. Die Familienexpertin in der Linksfraktion, Margrit Barth, sagte der Morgenpost Online, die Maßnahmen gingen nicht weit genug. „Das Problem wird noch nicht richtig ernst genommen“, so Barth. Berlin habe einen „mächtig gestiegenen Bedarf“ an Kita-Plätzen, der politisch erwünscht sei. „Aber mit unserer Platzkapazität sind wir am Ende“, sagte sie. Barth forderte, das Land müsse die Planung des Kita-Bedarfs in den Bezirken koordinieren. Außerdem sei ein Investitionsprogramm des Landes vonnöten, um das Angebot auszubauen.

Bezirke sollen Übersicht erstellen

Der Bildungssenator erteilte am Dienstag dem Ruf nach einem landesweiten Notfall-Plan für Kitas eine Absage. Er kündigte an, den wachsenden Bedarf an Kitaplätzen decken zu können, indem bereits genehmigte, aber nicht belegte Plätze genutzt würden. Etwa 18.000 der 140.000 in Berlin vorhandenen Plätze seien nicht belegt. In den Bezirken soll nun nachgeforscht werden, warum. Danach solle mit den Trägern nach Lösungen gesucht werden, wie die volle Platzzahl genutzt werden könne. Eine Arbeitsgruppe der Bezirke und der Senatsverwaltung soll unterdessen Wege finden, die regionale Planung zu verbessern. Auch bei der Suche nach Räumlichkeiten und der Umsetzung von Baumaßnahmen sollen die Bezirke jetzt Hilfe bekommen.

Die Verwaltung geht in den nächsten Jahren von einer stetig steigenden Nachfrage nach Kita-Plätzen aus. Derzeit müssten etwa 63 Prozent der Ein- bis Dreijährigen versorgt werden, 2015 seien es 70 Prozent, hieß es. Das entspricht einem Mehrbedarf von 2850 Plätzen. Bei der Altersgruppe der Kinder zwischen drei und sechs Jahren wächst der Bedarf um 5750 Plätze von 93 auf 95 Prozent Wie viele Plätze akut fehlen, wurde nach der Senatssitzung nicht bekannt gegeben. Auf Nachfrage hieß es, derzeit gebe es in ganz Berlin 4662 Plätze zu wenig. Schätzungen des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes gehen von 15.000 fehlenden Plätzen bis zum Jahr 2013 aus.

Diesem Mangel sollen die 18.000 ungenutzten Plätze abhelfen. Aber wo diese zu finden seien, könne nicht genau bekannt gegeben werden, hieß es. „In der ganzen Stadt verteilt“, sagte der Sprecher der Bildungsverwaltung, Christian Walther, nur. Gebraucht werden größere Kita-Kapazitäten aber vor allem in den Innenstadtlagen Prenzlauer Berg, Friedrichshain und Mitte.

Zöllner räumte ein, dass die Auslastung der Kitas in den verschiedenen Bezirken sehr unterschiedlich sei. „Ich kann nicht ausschließen, dass es punktuell tatsächlich zu Schwierigkeiten kommt.“ Allerdings sei auch der Anspruch von Berliner Eltern besonders groß, sehr „engräumig“ versorgt zu werden, sagte sein Sprecher: „Aber wir haben hier eine Versorgungssituation, nach der sich der Rest der Republik die Finger lecken würde.“ Zöllner betonte wiederholt, dass die Zuständigkeit für die Kita-Planung bei den Bezirken liege.

Mehr Ausbildungsplätze gegen Fachkräftemangel

Der Paritätische Wohlfahrtsverband kritisierte, die ungenutzten Plätze könnten nicht ohne weiteres „aktiviert“ werden. Zum Teil handele es sich um alte Hortplätze, bei denen die Räume für Krippenkinder ungeeignet seien, oder es müssten Plätze für Kinder frei gehalten werden, die erst später als geplant eingeschult werden könnten. „Vor allem aber ist der Erziehermangel ein großes Problem“, sagte Kita-Experte Markus Luttmer. Viele Plätze könnten nicht belegt werden, weil einfach Personal fehle.

Dem Fachkräftemangel möchte Zöllner mit mehr Ausbildungsplätzen begegnen. Außerdem soll der Erzieherberuf für Quereinsteiger geöffnet werden. „Seit 2006 ist die Anzahl der Ausbildungsplätze um 44 Prozent gestiegen“, sagte Zöllner. Allein im letzten halben Jahr hätten sich wegen der hohen Nachfrage sechs private Fachschulen in Berlin neu gegründet.

Die Planung des Kita-Bedarfs vom Senat verdiene diesen Namen nicht, kritisierte Elfi Jantzen, familienpolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion; die Maßnahmen zum Fachkräftemangel kämen zu spät. Und, so Jantzen: „Die Hoffnung des Senats, die erhöhte Nachfrage mit den derzeit genehmigten Plätzen auffangen zu können, wird nicht aufgehen.“ Die FDP warf Zöllner vor, den tatsächlichen Bedarf in den einzelnen Bezirken gar nicht zu kennen. „Was nützen Plätze, wenn sie nicht wahrgenommen werden, weil sie nicht im Einzugsgebiet der Eltern liegen,“ fragte Bildungsexpertin Mieke Senftleben. Emine Demirbüken-Wegner von der CDU forderte, schnell einen Notplan zu erarbeiten: „Der Bedarf an Finanzen, Personal, Räumlichkeiten – das muss alles auf den Tisch“, sagte sie.

Bildungssenator Zöllner kündigte nach der Senatssitzung außerdem an, dass Berlin bald über vier Betreuungsplätze für schwerkriminelle Kinder verfügen wird. Ein Jahr nachdem minderjährige Drogendealer in der Hauptstadt für Aufregung sorgten, weil sie immer wieder aus dem Heim flohen, bekommt die Stadt eine geschlossene Einrichtung. Zusammen mit dem Evangelischen Jugend- und Fürsorgewerk (EJF) sei das „intensivpädagogische“ Angebot erarbeitet worden, so Zöllner. Die Baumaßnahmen an dem Haus in Reinickendorf sollen jetzt beginnen.