Joboffensive

Hartz-IV-Empfänger sollen Intensiv-Betreung bekommen

Gemeinsam mit dem Senat startet die Bundesagentur für Arbeit ein neues Modellprojekt in Berlin. Bis 2013 sollen 20.000 Langzeitarbeitslos in Lohn und Brot gebracht werden. Die Idee: Arbeitssuchende gehen in Begleitung zum Vorstellungsgespräch.

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Nach zweimonatigen Verhandlungen über die Hartz-IV-Reform haben Koalition und SPD in der Nacht zu Montag einen Kompromiss errungen und umgehend Kritik von Sozialverbänden und Linkspartei geerntet.

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Berlin ist sicherlich das richtige Pflaster für einen solchen Versuch: Von den 234.661 Menschen, die im Mai als arbeitslos registriert waren, sind mehr als 195.000 Hartz-IV-Empfänger, die schwierigste Klientel des deutschen Arbeitsmarktes. Dieser Klientel soll jetzt in der Hauptstadt mit einem deutschlandweit einmaligen Feldversuch Beine gemacht werden. Die zwölf Jobcenter der Stadt haben 65.000 Hartz-IV-Empfänger identifiziert, die nach Meinung der Behörde fit genug für einen regulären Job sind. Insgesamt 650 Vermittler sollen jetzt daran arbeiten, dass sie einen sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplatz bekommen. „Berliner Joboffensive“ nennt sich das Projekt, das insgesamt 46 Millionen Euro kostet.

„Wenn nicht jetzt, wann dann?“ fragte Margit Haupt-Koopmann, die Chefin der Regionaldirektion, rhetorisch bei Vorstellung des neuen Projekts. Leitgedanke ist dabei Folgendes: Einerseits klagen Firmen über Fachkräftemangel, andererseits muss das klamme Land Berlin viel Geld für Hartz-IV-Empfänger zahlen. Und unter den vermeintlichen Problemfällen gibt es genug, die einen Beruf erlernt oder sogar studiert haben und die über Arbeitserfahrung verfügen.

Diese 65000 Menschen werden nun besonders intensiv betreut. Auf 100 Arbeitslose kommt ein Vermittler. Zuvor lag dieser Schlüssel bei eins zu 200 bis eins zu 250 – je nach Jobcenter. Haupt-Koopmann hofft, dass durch die intensive Vermittlung in den nächsten zwei Jahren mindestens 20.000 der 65.000 eine feste Stelle bekommen, in den Branchen Dienstleistung, Gesundheit, Sozialwesen, Handel und Gastgewerbe.

Eskorte zum Vorstellungsgespräch

Die enge Betreuung soll sogar so weit gehen, dass der Vermittler gemeinsam mit einem Arbeitslosen zum Vorstellungsgespräch bei einem Unternehmen erscheint. Zudem werden die Vermittler aktiv auf Firmen zugehen und ihnen passgenaue Bewerber vorschlagen, deren Qualifikationen zur Stellenbeschreibung passen. Die ungenügende Vermittlung ist aus Sicht der Wirtschaft eines der Hauptübel. Immer wieder berichten Betriebe von Bewerbern, die nur pflichtschuldig ihre Unterlagen einreichten und die oft kaum die Anforderungen erfüllten.

„Wir begrüßen die Joboffensive, denn der Bedarf auf dem Arbeitsmarkt ist sehr groß“, sagte Eric Schweitzer, Präsident der Berliner Industrie- und Handelskammer (IHK). Erst vor wenigen Tagen hatte die IHK Ergebnisse ihrer Konjunkturumfrage veröffentlicht. Demnach wollen 38 Prozent der Firmen neue Stellen schaffen – so viele wie noch nie, seit die Umfrage gemacht wird.

Allerdings ist nicht so richtig klar, wie viele Jobs die Firmen in der Hauptstadt zu vergeben haben. Anders als die Arbeitslosen, die von der Statistik gut erfasst werden, sind offene Stellen nicht meldepflichtig. Im Mai waren bei der örtlichen Arbeitsagentur rund 10.700 offene Stellen gemeldet. Die IHK schätzt, dass die Zahl mindestens doppelt so hoch ist. Das wären dann rund 22.000 zu besetzende Arbeitsplätze.

Zu den 65.000, die im Jargon der Bundesagentur „marktnahe Kunden“ genannt werden, zählen nicht nur Menschen, die seit mehr als einem Jahr arbeitslos sind. Es sind auch Uni-Absolventen darunter, die unmittelbar nach ihrem Studium keinen Arbeitsplatz finden konnten. Es zählen auch Selbstständige dazu, die mit ihrem Unternehmen gescheitert sind, oder Ausländer, deren Abschluss nicht anerkannt wird.

Die Arbeitsagentur hat dafür erst einmal selbst neue Stellen geschaffen. 350 der 650 Vermittler wurden eingestellt. Die insgesamt 46 Millionen Euro für das Projekt zahlt zum größten Teil der Bund. Das Land Berlin steuert zehn Millionen Euro bei. Die Joboffensive ist zunächst bis 2013 befristet. Ist sie erfolgreich, soll das Modell bundesweit ausprobiert werden.