Jugendkriminalität

Neuköllner Modell lässt Zahl der Straftaten sinken

Drei Jahre nach der Einführung des Neuköllner Modells zeigt das beschleunigte Verfahren gegen jugendliche Kriminelle erste Erfolge. Grund der Verbesserung sei die engere Kooperation zwischen Polizei und Schulen.

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In Berlin werden nun mehr Fälle der Jugendkriminalität nach dem sogenannten Neuköllner Modell abgeschlossen. Ist nach Einführung der beschleunigten Jugendverfahren im Jahr 2008 noch jeder zwölfte Fall nach dem von Jugendrichterin Kirsten Heisig eingeführten Modell bearbeitet worden (7,6 Prozent), so war es im vergangenen Jahr bereits jeder achte (14 Prozent). „Wir versuchen, möglichst früh auf die Täter einzuwirken“, sagte Justizsenatorin Gisela von der Aue (SPD) am Montag im Berliner Kriminalgericht an der Turmstraße. Zusammen mit Jugendrichtern, Vertretern von Polizei und Staatsanwaltschaft und der Jugendgerichtshilfe informierte sie im Kriminalgericht über die Umsetzung des Neuköllner Modells in der Berliner Justiz. „Es hat sich gezeigt, dass es sinnvoller ist, sich sofort um Jugendliche zu kümmern, wenn sie zum ersten Mal mit dem Gesetz in Konflikt geraten.“ Deshalb habe die Justizverwaltung die Einführung des Neuköllner Modells auf ganz Berlin ausgeweitet.

Urteil nach drei bis sechs Wochen

Das Neuköllner Modell strebt den Abschluss eines Jugendverfahrens innerhalb von drei bis sechs Wochen an. Deshalb sitzen Jugendstaatsanwälte in den Bezirken und arbeiten direkt mit der Polizei, Schulen, der Jugendgerichtshilfe und anderen Beteiligten zusammen. Alle Fachleute sind sich einig, dass eine schnelle Bestrafung von jugendlichen Straftätern nötig ist, um auf die Täter einwirken zu können.

Insgesamt verzeichnen Polizei und Justiz weniger Jugendstraftaten. Die Zahl ist nach Angaben der Justiz von 14.200 Fällen im Jahr 2007 auf 10.800 zurückgegangen. Allerdings sei eine Verrohung der Jugendlichen festzustellen. Immer weniger Täter schlagen immer brutaler zu. Nach Ansicht von Jugendrichter Stephan Kuperion, der das Modell zusammen mit der verstorbenen Kirsten Heisig in Berlin etabliert hat, wird es aber noch Jahre dauern, bis das Modell sein ganzes Potenzial entfaltet. „Nur wenn auf den ersten Blick erkannt wird, dass sich ein Fall für die beschleunigte Bearbeitung eignet, kann er in das Verfahren gelangen“, sagte Kuperion. Derzeit werden Hunderte Schutzpolizisten in ganz Berlin geschult, um geeignete Fälle zu erkennen. Dabei hat die Polizei nach Angaben der Kriminalkommissarin Christine Albrecht aber mit Problemen zu kämpfen. Nach der letzten Polizeireform sind die Schutzpolizisten in den Abschnitten mit zahlreichen zusätzlichen Dienstaufgaben betraut worden. „Es soll keine Spezialisten mehr geben, das Neuköllner Modell verlangt aber genau das“, sagte Albrecht. In ihrem Abschnitt in Nord-Neukölln versuche man deshalb jetzt, wieder „sanfte Spezialisten“ für das Neuköllner Modell zu schulen.

Insgesamt hat es nach Angaben des Leiters der Intensivtäterabteilung bei der Staatsanwaltschaft, Rudolf Hausmann, einen Aufbruch in der Justiz und eine starke „Vernetzung“ bei den beteiligten Einrichtungen gegeben, um besser gegen Jugendgewalt vorzugehen. Die Fortbildung der Schutzpolizei sei dabei besonders wichtig. „Die Polizei ist das Nadelöhr“, sagte Hausmann. Die Arbeit der Schutzpolizisten auf der Straße entscheide darüber, ob das Neuköllner Modell erfolgreich umgesetzt werden kann. Allerdings sei das Erkennen von geeigneten Fällen schwer, räumte Hausmann ein. Für die beschleunigte Bearbeitung nach dem Neuköllner Modell müssen bei Fällen der Jugendkriminalität bestimmte Voraussetzungen erfüllt sein. So muss die Rechtslage eindeutig und der Täter geständig sein. Außerdem müssen die Ermittler erkennen, ob es sich um einen Fall einfacher Grenzübertretung handelt oder ob die Tat das Ergebnis einer längeren Fehlentwicklung ist, sodass alle beteiligten Einrichtungen eingeschaltet werden müssen.

Berlin gilt bundesweit als Vorreiter bei der Bekämpfung der Jugendkriminalität. Mit der Einführung der Intensivtäterdatei wird gezielt gegen junge Serientäter vorgegangen. Als Serientäter gilt, wer innerhalb eines Jahres zehn oder mehr Straftaten begangen hat. Zusätzlich existiert eine Schwellentäterdatei für junge Täter, die bis zu zehn Taten begangen haben. Auf sie wird gezielt eingewirkt, um ein weiteres Abrutschen in das kriminelle Milieu zu verhindern. In den Polizeiabschnitten existiert zusätzlich ein Register über „kiezorientierte Mehrfachtäter“, junge Straftäter, die wegen kleinkrimineller Taten auffällig werden. Ziel ist es, möglichst früh auf problematische Jugendliche einzuwirken und so kriminelle Karrieren zu verhindern. Seit Einführung der Mehrfachtäterdateien ist eine spürbare Besserung eingetreten. Jugendliche Kriminelle mit mehreren Dutzend Straftaten sind in Berlin seitdem nicht mehr bekannt geworden. Mittlerweile haben auch andere Bundesländer angekündigt, dem Berliner Vorbild zu folgen.

Netzwerk wird ausgebaut

Für eine Verbesserung der Zusammenarbeit mit den Behörden haben sich am Montag die Vizepräsidentin des Familiengerichtes Weißensee, Cornelia Holldorf, und der Schulleiter der Hermann-von-Helmholtz-Schule in Neukölln, Roland Hägler, ausgesprochen. Familiengerichte hätten die Möglichkeit, auf problematische Familien schon dann einzuwirken, wenn noch kein juristisches Verfahren anstehe, sagte Holldorf. „Je früher das Familiengericht von Fehlentwicklungen erfährt, desto eher könne es eingreifen“, sagte Holldorf.

Hägler sprach sich für eine engere Kooperation zwischen der Polizei und der Schule aus. „Die Schule ist der Ort, wo man als Erstes erfährt, wenn etwas schiefläuft“, sagte der Schulleiter. Allerdings seien die Schulen nicht am Netzwerk der Institutionen beteiligt. „Wenn wir die Jugendgerichtshilfe über eine Straftat informieren, erfahren wir nicht, welche Folgen das hat“, kritisierte Hägler.