Neue Arbeitszeiten

Schichtdienst macht Berliner Polizisten krank

Seit Januar arbeitet die Berliner Polizei in einem komplizierten Fünf-Schichten-System. Das stößt vor allem bei der Gewerkschaft der Polizei auf starken Widerstand: Die neue Arbeitszeit sei auch ein Sicherheitsrisiko für die Bevölkerung.

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Es war die erste Sitzung des Innenausschusses, seit Dieter Glietsch als Polizeipräsident in den Ruhestand gegangen ist. Weil es einen offiziellen Nachfolger noch immer nicht gibt, saß an seiner Stelle am Montag Vize-Präsidentin Margarete Koppers. Die Interims-Polizeichefin hatte sich gleich mit dem Streitthema Nummer eins bei der Berliner Polizei auseinanderzusetzen: den neuen Schichtdiensten für Notrufzentralen, Lagedienste sowie den Kripo-Sofortbearbeitungseinheiten.

Seit Januar wird das Modell, mit dem eine EU-Richtlinie umgesetzt werden soll, erprobt. Bisher wurde in Zwölf-Stunden-Diensten gearbeitet, nach zwei Schichten kam ein Ruhetag. Jetzt gibt es fünf verschiedene, meist kürzere Schichten, die sich in einem komplizierten Vier-Wochen-Turnus abwechseln. „Bereits nach kurzer Zeit hatten wir erschreckende Auswirkungen auf die Krankenstände“, sagte Karl-Heinz Dropmann, Vorsitzender des Gesamtpersonalrats, in der Anhörung. Die Zahl der Krankmeldungen sei zum Teil über 300 Prozent gestiegen, die Krankenquote liege bei 30 Prozent. Michael Purper, Landesvorsitzender der Gewerkschaft der Polizei (GdP), sagte: „Die neue Arbeitszeit ist ein Sicherheitsrisiko für die Bevölkerung.“

Die Kollegen seien von unregelmäßigen Schichten und kurzen Ruhezeiten übermüdet, ungeschulte Kräfte müssten in ihnen fremden Dienststellen aushelfen und wegen der krankheitsbedingten Ausfälle gebe es weniger Funkwageneinsätze. „Die Kollegen haben zudem kein Familienleben mehr und sind gefrustet“, sagte Purper. Auch Michael Böhl vom Bund Deutscher Kriminalbeamter hält das System für ungeeignet. „Die Ablöse der Kollegen am Tatort ist schwierig“, sagte er. Mitten in einer Zeugenbefragung wegen Schichtwechsels an einen Kollegen abzugeben, sei praxisfern. Einen ungeklärten Todesfall könne man nicht in zwei Stunden abarbeiten. Zusammen mit Bodo Pfalzgraf von der Deutschen Polizeigewerkschaft appellierten die Personalvertreter an Innensenator Ehrhart Körting (SPD) und Margarete Koppers, zum alten Modell zurückzukehren.

Körting schloss eine Rückkehr aber aus, und Koppers zog den Unmut der Beamten im Publikum auf sich, weil sie sagte, das Probemodell sei im Intranet der Polizei „geradezu basisdemokratisch“ erarbeitet worden. Die Krankenstände bewegten sich im Rahmen des bei einer Arbeitszeitumstellung üblichen Maßes, so Koppers. „Wir werden an einer verträglicheren Optimierung arbeiten“, sagte Senator Körting. Allerdings müsse man die Auswertung des Modells abwarten. Der Probelauf, von dem etwa 900 Beamte betroffen sind, soll ein Jahr dauern.