Mit dem Rad rund um Berlin

Oranienburg auf dem Drahtesel entdecken

Unsere 20 Kilometer lange Tour rund um Oranienburg ist auch eine Begegnung mit der Geschichte des 20. Jahrhunderts. Der Ausflug führt zum Lehnitz- und Grabowsee und weiter nach Schmachtenhagen.

Foto: Reto Klar

Der Waldweg nördlich von Oranienburg macht eine Kurve, und plötzlich ragt über den Wipfeln ein gewaltiger Schornstein aus braunen Ziegeln auf, mühsam zusammengehalten von rostigen Metallgurten, die Spitze ausgefranst wie ein geborstenes Kanonenrohr. Zu Füßen des Giganten stehen Häuserruinen, die Dächer eingestürzt. Den Zugang zu der geheimnisvollen Stätte verbarrikadieren Metallplatten. Nur an einer Stelle hat das Bollwerk eine Lücke. Dort, vor einer heruntergekommenen Garage mit russischen Schriftzeichen, reihen sich drei Container aneinander.

Die Stahlschachteln sind das Büro von Bernhard Hanke (49), der Besucher gern über die Geisterkulisse am Grabowsee aufklärt. „Hier stand ab 1896 eine Lungenheilanstalt, in der erste Versuche zur Heilung von Tuberkulose im Flachland durchgeführt wurden“, sagt er. Ab 1945 richteten die russischen Besatzer ein Sanatorium für Soldaten ein, das nach dem Abzug der Alliierten dem Verfall preisgegeben wurde. Hanke, Landschaftsgärtner mit Meisterbrief, kämpft mit seinem Verein „Kids Globe“ dafür, auf dem 35 Hektar großen Gelände eine Bildungsstätte für Kinder einzurichten. Werkstätten, Studios und Ateliers sollen entstehen. Bis es soweit ist, vermietet der Verein das Gelände an Fotografen oder Filmteams.

Nicht nur die bewegte Geschichte der ehemaligen Lungenklinik zeigt: Wer sich mit dem Rad aufmacht, die Stadt Oranienburg und ihre Umgebung nördlich von Berlin zu erkunden, begibt sich auf eine Zeitreise. Die Tour beginnt am Bahnhof der Kreisstadt und führt zunächst durch das Zentrum nach Westen. Nur wenige stuckverzierte Altbauten haben die Bombenangriffe kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs überlebt, die vor allem Rüstungsbetrieben galten.

Das Kleinod Oranienburgs erreichen wir nach gut einem Kilometer: Das weiß getünchte Schloss hatte der preußische Kurfürst Friedrich Wilhelm in den Jahren 1651/52 für seine Gattin Louise Henriette von Oranien im holländischen Stil errichten lassen. Über die Jahrhunderte weiter ausgebaut, beherbergt das vor gut zehn Jahren umfassend restaurierte Ensemble an der Havel heute nicht nur Schloss- und Kreismuseum, sondern auch die Stadtverwaltung. Weite Rasenflächen und Rabatten mit bunten Blumen machen den Schlosspark auch zwei Jahre nach der Landesgartenschau zu einem lohnenswerten Ausflugsziel. Für diese erfolgreiche Ausstellung, die unter dem Motto „Traumlandschaften einer Kurfürstin“ stand, wurden sogar Grachten durch das Gelände gegraben und ein kleiner Hafen angelegt. Der Eintritt in den Schlosspark kostet zwei Euro, die Fahrräder müssen wir draußen stehenlassen.

Kringel weisen auf dichten Fischbestand

Wegweiser erinnern uns daran, dass nur zwei Kilometer entfernt die Mahn- und Gedenkstätte Sachsenhausen auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers liegt. Dort sperrten die Nationalsozialisten von 1936 an politische Gegner, später auch Homosexuelle und Juden ein. Von den 200.000 Menschen, die im KZ bis 1945 inhaftiert waren, kamen Zehntausende um oder wurden ermordet.

Wir fahren vom Schloss zur Schleuse Lehnitz. Die markiert am Ortsausgang von Oranienburg den Beginn des Oder-Havel-Kanals. Am langen Betonkai warten Boote darauf, durchgeschleust zu werden. Dahinter beginnt ein gut ausgebauter Radweg, etwa drei Kilometer am Kanal entlang. Am jenseitigen Ufer leuchten an einem Mahnmal Blumenkränze in der Sonne. Häftlinge des Konzentrationslagers Sachsenhausen mussten dort bis 1945 unter härtesten Bedingungen Ziegel für Hitlers Welthauptstadt „Germania“ herstellen, viele starben. Die Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts, sie lässt uns nicht los bei dieser Tour. Still liegt der Kanal heute da, Kringel auf der Wasseroberfläche weisen auf den dichten Fischbestand hin. Am Ufer sitzen Angler auf warten bei einer Flasche Bier auf ihren Fang.

Nach dem Abstecher auf das Gelände der Lungenklinik am Grabowsee fahren wir drei Kilometer durch den Wald nach Schmachtenhagen und machen Halt beim Bauernmarkt Oberhavel. An den Ständen gibt es Gemüse aus der Region, Wildbret vom lokalen Jäger oder Honig vom Imker aus dem Nachbarort.

Eierbahn auf dem Bauernmarkt

Ein ganzes Dorf aus Holzbuden weist auf den Hochbetrieb am Wochenende hin, wenn die Besucher aus Berlin und Umgebung in Scharen kommen und das Gelände zum Rummelplatz mutiert, mit Karussells, Trampolinen und Klettergerüsten. An den Imbissständen gibt es dann Spanferkel und Grillfleisch, die rote „Eierbahn“ rumpelt durch Ställe und Gehege; Landwirte erklären den Fahrgästen die Feinheiten der Tierhaltung.

Wir gelangen über einen Radweg zum Ortszentrum von Schmachtenhagen und fahren kurz darauf gut zwei Kilometer durch alte Buchenwälder zurück nach Oranienburg. Ein Schild am Wegesrand verweist auf im Wald verborgene Massengräber aus stalinistischer Zeit.

Der Radweg am Ufer des Lehnitzsees führt uns schließlich nach circa einem Kilometer zum Eiscafé Dietrich. Jollen und Motoryachten dümpeln im glitzernden Wasser, vier gut gelaunte Radfahrer machen sich vor dem Eingang zur Seeterrasse abfahrbereit. Wegekarten am Lenker der Tourenräder und die prall gefüllten Hängetaschen weisen die beiden Pärchen als Radwanderer aus. „Wir fahren über den Radweg Berlin-Kopenhagen nach Rostock, sind morgens am Brandenburger Tor gestartet“, berichtet Klaus Neyen, der wie seine Mitreisenden aus Schleswig-Holstein kommt. Er empfiehlt uns zum Abschied einen Besuch der Seeterrasse. So lassen wir unsere Zeitreise mit einem zeitlosen Vergnügen ausklingen: Im weichen Licht der Sonne am späten Nachmittag gönnen wir uns einen Schwarzwälder Kirschbecher und einen Kaffee, bevor wir uns auf die letzten zwei Kilometer Richtung Bahnhof Oranienburg aufmachen.

Hier die Karte als PDF.

Und hier gibt es die Wegbeschreibung dazu.

Alle Teile unserer Serie finden Sie unter www.morgenpost.de/radtouren.