Begleitetes Fahren

Führerschein mit 17 wird zum Flop in Berlin

Berlins 17-Jährige wollen keinen Führerschein - oder haben es zumindest nicht eilig damit. Das begleitete Fahren findet in der Haupstadt keinen Anklang. Nur 15 Prozent eines Jahrgangs nehmen das Angebot wahr – Tendenz fallend.

Der Führerschein mit 17 ist in Berlin ein Flop. Derzeit machen nur 15 Prozent der 17-Jährigen von der Möglichkeit Gebrauch, einen Führerschein vor Erreichen der Volljährigkeit zu erwerben. Im vergangenen Jahr waren es 4000 von 27000 Jugendlichen des Jahrgangs 1992. „Die Tendenz ist weiter abnehmend“, sagt der Vorsitzende des Berliner Fahrlehrerverbandes, Peter Glowalla. Anders als in Flächenländern seien junge Menschen in Berlin nicht auf ein Auto angewiesen. Alle Ziele ließen sich bequem mit dem Öffentlichen Nahverkehr erreichen.

Außerdem seien soziale Gründe ausschlaggebend. „Der Führerschein mit 17 ist ein Familienmodell“, sagt Glowalla. Wer seine Eltern nicht als Mitfahrer eintragen könne, verzichte darauf, die Fahrprüfung mit 17 Jahren zu absolvieren. „In einer Großstadt wie Berlin sind die sozialen Bindungen weniger stark ausgeprägt als auf dem Land“, sagt Glowalla. Die Fahrlehrer machen vielmehr einen neuen Trend aus. Demnach lassen sich junge Menschen immer mehr Zeit, den Führerschein zu machen. „Die Leute kommen nicht mehr mit 18 zu uns, sondern erst, wenn sie einen Führerschein brauchen“, sagt Glowalla. Fahranfänger seien heute zwischen 18 und 24 Jahre alt.

Die Fahrerlaubnis kostet 1400 Euro

Die Kosten des Führerscheins sind nach Angaben des Vorsitzenden des Fahrlehrerverbandes nicht ausschlaggebend für den Verzicht auf den Führerschein. In Berlin kostet der Führerschein mit durchschnittlich 1400 Euro so wenig wie nirgendwo sonst in Deutschland. In Bayern und Baden-Württemberg müssen die Fahrschüler mit durchschnittlich 2000 Euro Kosten rechnen. In Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein sind es 1700 Euro. Nach mehreren Modellversuchen ist der Führerschein mit 17 seit Anfang des Jahres in ganz Deutschland gesetzlich erlaubt. Er ermöglicht es 17-Jährigen, Auto zu fahren, sofern ein erwachsener Begleiter mit im Auto sitzt. In Berlin besteht die Möglichkeit seit 2006.

Anders als in anderen Bundesländern haben die Berliner Fahrschulen bislang keine sinkenden Schülerzahlen zu verzeichnen. „Wir sind bislang mit einem blauen Auge davongekommen“, sagt Glowalla. Jedes Jahr machen durchschnittlich 35000 Berliner einen Führerschein. Das ist angesichts des demografischen Wandels erstaunlich. 1989 kamen in Berlin noch 44000 Kinder auf die Welt, fünf Jahre später waren es noch 28000. Der Fahrlehrerverband erklärt sich die konstante Zahl der Fahrschüler mit dem Zuzug vor allem junger Familien in die Stadt. In Brandenburg sind die Zahlen der Fahrschüler in den vergangenen Jahren dagegen um 40 Prozent zurückgegangen. Deutschlandweit sank die Zahl der Führerscheinprüfungen in den vergangenen zehn Jahren von 1,5 Millionen auf 800000. Auch die Zahl der Fahrlehrer ist in Berlin nach Angaben Glowallas gleich. 1000 Fahrlehrer arbeiten in Berlin regelmäßig, weitere 1000 lassen ihre Fahrlehrererlaubnis gegenwärtig ruhen.

Mehr ältere Autofahrer

Die Folgen des demografischen Wandels bereiten inzwischen auch dem ADAC Sorgen. Während immer weniger junge Menschen einen Führerschein haben, fahren immer mehr ältere Menschen auch in hohem Alter noch Auto. In einer Studie des „Zentrums für Alternskulturen“ für den ADAC beschreibt der Wissenschaftler Georg Rudinger die Folgen des Wandels für den Verkehr. „Die demografische Entwicklung führt zu einer stetigen Zunahme älterer Verkehrsteilnehmer“, heißt es darin. „Leistungseinschränkungen älterer Menschen spielen für die Verkehrssicherheit eine wesentliche Rolle.“

Ältere Menschen haben der Untersuchung zufolge Probleme beim Spurwechsel, dem Einfahren in Kreuzungen und bei der Beachtung der Vorfahrt. Außerdem ließen die motorischen Fähigkeiten und die Informationsverarbeitung nach. Künftige Verkehrsplanungen müssten das berücksichtigen, da der Anteil älterer Autofahrer in den kommenden Jahren weiter steige. „Die mobile Gesellschaft der Zukunft wird eine ergraute, internationale Gesellschaft sein“, heißt es in der Studie der Forscher.

In der Unfallstatistik macht sich der Wandel von immer weniger jungen und immer mehr älteren Autofahrern nicht bemerkbar. „Die 60- und 70-Jährigen haben die geringsten Unfallzahlen“, sagt Verbandschef Glowalla. Erst bei den 80-Jährigen steige die Unfallhäufigkeit rapide an. Allerdings gehe daraus nicht hervor, wie viele über 60-Jährige überhaupt noch ins Auto steigen. Anders als in anderen Ländern gibt es in Deutschland keine Fahrtüchtigkeitsprüfungen für ältere Menschen. „Wer nicht auffällt, wird nicht überprüft“, sagt Glowalla.