Mit dem Rad rund um Berlin

In Storkow die Langsamkeit entdecken

Dieser Teil der großen Radserie von Morgenpost Online führt an die Groß Schauener Seen. Und die bieten unberührte Natur, seltene Tiere, eine 800 Jahre alte Fischerei und vieles, vieles mehr.

Foto: Reto Klar

Am Bahnhof Storkow haben die Menschen noch Zeit. Hier hetzen keine Geschäftsmänner im dunklen Einreiher zum Pendlerzug, hier gibt es kein Kaufhaus, keine Shopping-Mall, keine Imbissbuden. In Storkow ist der Bahnhof einfach Bahnhof. Man kommt an – fertig.

Wir beginnen unsere Radtour links in dem kleinen Weg „Am Bahnhof“. Wenn es beim Fahren etwas holprig zugeht, tritt der innerlich gehetzte Großstädter vermutlich immer noch zu schnell in die Pedale. Auf dem Kopfsteinpflaster schaltet man am besten einen Gang zurück. Auch wir haben Zeit – das ist die erste Lektion auf unserer Rundtour. Die Groß Schauener Seen bieten unverfälschte Natur, seltene Tierarten, eine acht Jahrhunderte alte Fischerei und vor allem: Entschleunigung und Erholung vom Alltag.

Wir überqueren die Bahntrasse und verlassen Storkow. Vor uns erstreckt sich eine weite Feld- und Wiesenlandschaft. Nach ein paar hundert Metern empfängt uns der Wald und wir fahren unter dem Schutz dichter Baumkronen nach Groß Schauen. Nach einem kleinen Schlenker durch den Dorfkern, wo aschgraue DDR-Bauten neben hübschen Fachwerkhäusern stehen, fahren wir auf der Landstraße am See entlang. Durch die Bäume schimmert das klare Wasser. Wir halten an einer kleinen Holzbrücke und beobachten, wie das Köllnitzer Fließ sich unter uns den Weg in den See bahnt. Direkt am Groß Schauener See liegt auch das Anwesen der Fischerei Köllnitz. Vor den „Fischerstuben“ stellen wir unsere Räder ab. Die so genannte „Erlebniswelt Köllnitz“ wirkt wie eine Mischung aus Bauernhof und Parkanlage – Fachwerkhäuser, grüne Wiesen, Holzbänke, Kinderrutsche.

Webcam für den Fischadler

Auf dem hellblau schimmernden Fließ haben hohe Bäume nah am Wasser ihre Wurzeln geschlagen. Im Bach schwimmen aneinandergekettete Holzkisten. Ein bulliger Mann mit olivgrüner Fischerschürze steht in einem der kleinen Motorboote daneben und schaufelt zappelnde Fische in die Behälter. „Ich bin derjenige, der noch jeden Tag auf den See fährt.“ So stellt sich Eike Kähler vor. Der 50-Jährige ist der Fischer, der einzige hier. „Früher waren wir mal acht Mann“, sagt er. An guten Tagen zieht Kähler hundert Kilo Zander, Karpfen, Hecht und Aal aus dem Groß Schauener See. „Und alles, was ich fange, verkaufen wir hier selbst, entweder in der Gaststätte oder am Fisch-Verkaufsstand.“

Nach dem Essen spaziert man zu den Schauteichen, begutachtet Info-Tafeln zur Fischerei oder historische Anglernetze im Fischermuseum oder schippert mit dem Ruderboot über den See. Auf dem Fischereigelände hat auch der bekannte Biologe und Tierschützer Heinz Sielmann seine Spuren hinterlassen. Seine Stiftung widmet sich in einer Ausstellung dem Fischadler. Die bedrohte Tierart ist in der Natur nur selten zu sehen, in der Gegend um die Groß Schauener Seen aber haben Ausflügler eine gute Chance, den Fischadler bei seinen Flügen zu beobachten. Denn hier lebt ein Adlerpärchen auf einem Strommast. Im Internet zeigt eine Live-Webcam rund um die Uhr das Familienleben der Greifvögel – wie sie ihren Horst „renovieren“, ihre Jungvögel füttern oder sich auf die Abreise nach Afrika vorbereiten. Auch in den Ausstellungsräumen verpasst man keine Sekunde – hier steht eine große Leinwand.

Wir setzen unseren Weg auf dem Naturlehrpfad fort und fahren unter Kiefern und an Schautafeln vorbei zum Aussichtsturm, der am Ufer des Großen Wochowsees steht. Wer die 47 Stufen nach oben steigt, wird mit einem phantastischen Panorama-Blick belohnt. Hier hält keine spezielle Sehenswürdigkeit den Blick fest. Alles, was wir sehen, ist – die Weite. Wasser, Wald, Wiesen. Es brummt, kreischt, quäkt, summt, fiept, zwitschert. Trotzdem ist es still.

Hinter dem Aussichtsturm führt der Weg an einem kleinen Bach entlang. Dieser Grasweg ist etwas beschwerlich: Wer leicht die Balance verliert, steigt lieber vom Rad und schiebt die rund vierhundert Meter. Dann geht's nach links auf die Landstraße und einen Kilometer bis nach Selchow. Die schöne Backsteinkirche bewundern wir nur im Vorbeifahren, ehe wir nach rund 20 Minuten in das Dorf Schwerin kommen. Hinter einer Bungalowsiedlung erreichen wir nach ein paar Minuten den kleinen, feinen Dobrasee. Eine gute Gelegenheit, sich im klaren Wasser kurz abzukühlen. Etwa die Hälfte der Tour haben wir nun absolviert.

Nach der Pause haben wir genug Schwung, um das leichte Auf und Ab im Bugker Wald locker zu bewältigen. Nach etwa zehn Minuten erreichen wir Bugk. In dem sympathisch verschlafenen Dorf gibt es genau wie in Selchow und Schwerin nur einige wenige Bauernhöfe und Häuser, die sich um die Hauptstraße herum angesiedelt haben. Bugk ist das kleinste der drei Dörfer, es zählt nur 185Einwohner. Auf dem kleinen Dorfplatz thront eine alte majestätische Buche auf einem kleinen Grashügel. Sie ist der Mittelpunkt des Dorfes, nach ihr ist es benannt. Hier lohnt es sich, kurz das Fahrrad abzustellen. Unter der Buche fühlt man sich wie ein Teil eines Stilllebens.

Etwa einen halben Kilometer hinter Wochowsee sehen wir die bekannteste Stromleitung der Gegend. Hier brüten, schlafen und essen die Fischadler, die wir schon von der Sielmann-Stiftung kennen. Wer etwas Geduld aufbringt, entdeckt vielleicht einen der seltenen Vögel.

Unter der Stromleitung hindurch geht es weiter am Schaplowsee entlang zurück nach Storkow. Bevor wir zum Bahnhof fahren, statten wir der mehr als 800Jahre alten Burg Storkow einen Besuch ab. Sie gilt als eines der schönsten Bauwerke in Brandenburg. Dort werden Geschichte und Gegenwart, Flora und Fauna der Region dargestellt. So erfahren wir auch, dass Philadelphia, ein Nachbardorf von Storkow, früher Hammelstall hieß. Burg-Mitarbeiterin Doris Bergmann(29): „Die neuen Siedler wollten nicht in einem Hammelstall wohnen und beschwerten sich beim König. Der Alte Fritz hatte ein Einsehen und sprach der Legende nach: ‚Sie leben in einer neuen Welt, geben wir ihnen also einen Namen von drüben.'“ Aus Hammelstall wurde Philadelphia. Die „neue Welt“ hielt Einzug in die Mark.

Nach den vielen Eindrücken haben wir uns ein Stück Kuchen oder eine Waffel mit Vanilleeis, Sahne und heißen Kirschen auf der Terrasse des Burgcafés verdient – mittelalterliches Ambiente inklusive. Nach einem Abstecher über den Storkower Marktplatz fahren wir gemütlich zurück zum Bahnhof. Keine Eile. Wir haben Zeit.

Hier die Karte als PDF.

Und hier gibt es di e Wegbeschreibung dazu.

Alle Teile unserer Serie finden Sie unter www.morgenpost.de/radtouren.