Radtouren rund um Berlin

Entlang an der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze

War hier Westen oder Osten? Spurensuche auf der Fahrradtour von Wannsee nach Staaken in der großen Morgenpost-Rad-Serie.

Erhaben steht die Heilandskirche am Havelufer, ihre schlanken Säulen spiegeln sich im Wasser. Wie ein stolzes Schiff liegt sie am Wasser. Ein friedlicher Ort. Kaum vorstellbar, dass hier einmal die Grenze zwischen Deutschland und Deutschland verlief, dass die hässlichen Betonplatten der Berliner Mauer das Kirchengelände entstellten. Ausgerechnet der blühende Garten, der die Kirche umgibt, war einst Teil des Todesstreifens – eine dieser zynischen Fußnoten der deutschen Teilung.

Die Radtour, die uns vom Wannsee nach Kladow, zur Heilandskirche und später nach Staaken führt, konfrontiert uns immer wieder mit der Ost-West-Geschichte der Hauptstadt. Wir fahren zum großen Teil auf dem Mauerweg, der uns oft dazu verleitet, kurz anzuhalten und zu überlegen: Wo befinden wir uns gerade, im ehemaligen Osten oder Westen?

Wir starten am Großen Wannsee. Die Fähre F10 bringt uns zum BVG-Tarif in zwanzig Minuten vom S-Bahnhof Wannsee hinüber nach Alt-Kladow. Eine kurzweilige Dampferfahrt, vorbei am Strandbad Wannsee, an fleißigen Ruderern und Paddlern. Die Imchenallee rund um den Anleger ist an diesem Vormittag voll von Menschen. Ausflügler strömen von den Fähren auf die Promenade. Am Ufer liegen Dutzende Segel-Yachten vor Anker. Nach Sacrow gelangen wir über den Mauerweg entlang der ehemaligen Grenze. Erst geht es am Ufer durch ein ruhiges Wohnviertel mit Villen, die versteckt hinter Bäumen liegen. Dann fahren wir zwei Kilometer durch einen Mischwald aus Birken, Kiefern und Tannen.

Im Schlosspark Sacrow genießen wir den Ausblick nach Potsdam hinüber zur Kuppel des Neuen Palais. Der von Peter Joseph Lenné entworfene Schlosspark ist so angelegt, dass drei Fluchten zwischen den alten Eichen die Sicht vom Schloss auf Potsdam, den Flatowturm und den Jägerhof freigeben. Das Radfahren ist im Schlosspark nicht gestattet, und so legen wir einen Spaziergang auf den hellen Schotterwegen ein. Das weiß gestrichene Schloss wird derzeit restauriert, einige Meter entfernt steht eine fast 1000-jährige Eiche. Ihr Stamm ist zerborsten, vermutlich von Blitzeinschlägen, die eine Hälfte liegt abgestorben am Boden. Ein Ort mit einer ganz eigenen Aura.

Unser Spaziergang führt uns noch weiter ans Ufer des Jungfernsees, wir schauen hinüber zur Glienicker Brücke und erreichen bald die Heilandskirche, an der früher die Grenze verlief. Norbert Greger liegt diese Kirche ganz besonders am Herzen. „Ich habe in den fünfziger Jahren als Kind die Kirche für einen Gottesdienst besucht, schon damals hat sie mich beeindruckt“, erzählt Greger, der heute in der Besucherbetreuung der Heilandskirche tätig ist. „Nach der Wende habe ich Spendengelder für den Wiederaufbau gesammelt, denn sie wurde von der Staatssicherheit mutwillig zerstört.“

Norbert Greger führt uns durch die Kirche. Ludwig Persius, ein Schüler von Karl Friedrich Schinkel, hat sie 1844 gebaut. „Friedrich Wilhelm IV wollte Italien an die Havel bringen“, erklärt uns Greger. „Typisch für Schinkel und seine Schüler ist der Sternenhimmel im Innern der Kirche“, sagt er. Der strahlende Himmel ist blaues Tuch, die goldenen Sterne sind aufgemalt. Blau wie der Himmel sind auch die glasierten Fliesen, die die Kirche an der Außenseite schmücken.

Über einen seitlichen Ausgang nah bei der Kirche verlassen wir den Schlosspark und kehren ein im Gartenlokal Meedehorn. Wir gelangen über den Eingang zum Kleingartenverein – zu DDR-Zeiten eine Datschensiedlung – dorthin, vorbei an kleinen Häuschen mit blühendem Flieder im Garten. Auch hier kommen wir nicht um das Thema der deutschen Teilung herum, das Gartenlokal liegt auf einer Halbinsel, die lange Zeit nur mit Passierschein betreten werden durfte. „Der Weg nach Westen war hier besonders kurz, nur 300 Meter sind es bis ans Ufer von Moorlake. Die Fluchtgefahr galt daher als sehr hoch“, erzählt uns Christian Schulze, Mitinhaber des Gartenlokals. Deshalb vermutlich lebten auf der Halbinsel viele Mitglieder des Staatssicherheitsdienstes.

Zurück auf dem Rad, fahren wir am Sacrower See entlang vier Kilometer durch den Wald. Hier war Osten. Wir blicken auf das Seeufer gegenüber. Dort war Westen. Doch wer das nicht weiß, wird heute kaum Unterschiede entdecken können. Der Weg ist sandig, von Wurzeln durchzogen, wir müssen langsam fahren. Nachdem wir zwei Badestellen mit einladend hellem Sand passiert haben, verlassen wir den Sacrower See und gelangen nach Groß Glienicke. Wir fahren durch ein schönes Wohnviertel mit Einfamilienhäusern. Hier wurden unlängst neue Barrieren gezogen: Anlieger haben den Uferweg am See teilweise abgesperrt. Sie wollen nicht, dass Fußgänger und Fahrradfahrer dort unterwegs sind. Also fahren wir durch die Spreepromenade oberhalb der ersten Häuserreihe.

Von der Potsdamer Chaussee biegen wir ab in den Park des Guts Groß Glienicke und fahren durch das weiße Potsdamer Tor mit dem spitzen Türmchen. Das alte Herrenhaus ist 1945 abgebrannt. Einige Meter weiter erreichen wir einen Rest der Berliner Mauer. Fast wären wir allerdings daran vorbei gefahren, so unscheinbar ist das nur wenige Meter lange und zweieinhalb Meter hohe Stück Erinnerung. Erst bei näherem Hinsehen entdeckt man noch andere Spuren der Vergangenheit: den alten, rostigen Elektrozaun, der sich rund um den Grünstreifen zieht und als Teil der Grenzanlage unter Strom stand. Eine Gedenktafel sucht man hier vergeblich, nur ein Schildchen weist darauf hin, dass dieses Mauerstück mehr ist als mit Graffiti besprühter Beton.

„Auf dem heutigen Radweg sind damals die Grenzpolizisten marschiert“, erzählt uns Katharina Memper, die gerade ihren Hund ausführt. „Außer dem Mauerrest und dem Elektrozaun, der außerdem bald entfernt werden soll, erinnert nichts mehr an das Grauen, das sich hier abgespielt hat. Das sollte anders ein. Man hätte viel mehr belassen sollen.“

Wir passieren die ehemalige Grenze gen Westen und folgen über fünf Kilometer dem ehemaligen Mauerverlauf. Links des Radwegs dehnen sich die alten Rieselfelder weit aus. Wir biegen am Ortseingang von Staaken auf den schmalen Grenzweg ab, der uns vorbei an Schrebergärten und Pferdekoppeln zum Hahneberg und dem benachbarten Fort bringt. Das Fort lag bis 1989 ebenfalls unzugänglich im Grenzstreifen zwischen West-Berlin und der DDR. Die hügelige Parkanlage ist Naherholungsgebiet für die Spandauer, das Fort Unterschlupf für Fledermäuse. Eine Reihe Hochhäuser jenseits der Heerstraße signalisiert uns, dass wir fast das Ziel erreicht haben. Jetzt sind es nur noch zwei Kilometer bis zum Bahnhof Staaken, dem Endpunkt unserer Tour.

Hier die Karte als PDF.

Und hier gibt es die Wegbeschreibung dazu.

Alle Teile unserer Serie finden Sie unter www.morgenpost.de/radtouren.