Radtouren rund um Berlin

Auf den Spuren der Schweizer Siedler

Auf der Tour von Werder nach Potsdam geht es diesmal in der großen Morgenpost-Rad-Serie - mitsamt kleinen Dorfgeschichten.

Foto: Reto Klar

Wir sind unhöfliche Gäste. Kaum in Werder angekommen, kehren wir der Blütenstadt an der Havel schon wieder den Rücken zu. Unser Ziel heißt Potsdam. Auf dieser ruhigen Radtour verwöhnt uns Brandenburg mit weitem Panorama und hellem Licht. Und mit kleinen Dorf-Geschichten am Wegesrand.

Wir fahren über die Eisenbahnbrücke, über die wir vor wenigen Minuten noch mit dem Zug gekommen sind. Von der Brücke aus sieht man den ältesten Teil der Stadt, die Insel Werder mit ihren beiden Kirchen. Zwischen Weiden fährt es sich angenehm auf asphaltierter und von Autos kaum befahrener Straße. Ein Stück weiter, hinter einem breiten Schilfgürtel, glitzert der Große Zernsee. Von der Radfahrerbrücke zur Halbinsel Töplitz hat man einen sehr schönen Blick über den See und die Wublitz, die sich hier als rechter Nebenfluss von der Havel trennt. Am östlichen Ufer der Wublitz entlang geht es weiter. Links ein kleiner Deich, rechts weite Felder, über denen Milane kreisen.

Vor Nattwerder, zu Hochdeutsch „nasse Insel“, blicken Pferde auf einer Koppel den Radfahrern entgegen. In dem 35-Einwohner-Dorf steht eine Kirche, geweiht im Jahr 1690. Es ist die älteste Kirche der Stadt Potsdam, die noch in Betrieb ist. Ein Wegweiser aus Holz zeigt an, dass es in die Richtung, aus der wir gekommen sind, genau 1401 Kilometer bis nach Bern sind und 1421 bis Krauchthal. Was hat Nattwerder mit der Schweiz zu tun?

Eine Familie ist noch da

Hans Scheffler, Vorsitzender des Vereins Schweizer Kolonistendorf Nattwerder, erklärt es Ortsfremden gern: „Nach dem 30-jährigen Krieg, Mitte des 17. Jahrhunderts, war die Mark ausgeblutet. Deswegen hat Kurfürst Friedrich Wilhelm Familien in der Schweiz gesucht, die bereit waren auszusiedeln.“ 14 Familien sagten zu, eine lebt heute noch in Nattwerder. „Genau 101Personen sind damals gekommen, auf dem Wasserweg“, erzählt er. „Sieben Wochen hat es gedauert. Einer ist während der Fahrt gestorben, einer wurde geboren. Man gab ihm den Namen Friedrich Wilhelm.“ Das Dorf steckt voller Geschichten, man muss nur am Wegweiser warten und fragen.

Von Nattwerder, das im Grunde nur aus der Dorfstraße besteht, geht es über eine wunderschön ruhige Allee ins etwas größere Grube. Hinter Grube folgt die zweite typische Brandenburger Wegeform nach der Allee: der Sandweg. Auf diesem hier können wir zum Glück gut fahren. Er verläuft zwischen Feldern, hinter denen das Wasser der Wublitz hervorglitzert.

Auch Marquardt hat eine beachtliche Geschichte. Das slawische Fischerdorf hieß erst Skoryn und dann eingedeutscht Schorin. 1704 mussten alle Bewohner auf einmal umziehen – auf dem Papier. Friedrich I. verschenkte Schorin an seinen Etatsminister. „Und der neue Eigentümer Marquardt Ludwig von Printzen stellte sofort Antrag auf Umbenennung. Der Ort sollte seinen Vornamen bekommen“, sagt Ortsvorsteher und Ortschronist Wolfgang Grittner(71). Wer mehr erfahren will über den Ort, kann sich von ihm durch Marquardt führen lassen. Anruf genügt.

Wir halten für eine Rast im Lavendelhof, einem schönen kleinen Gartencafé in Marquardt, in dem Lavendel-Duft die Besucher empfängt. Wir genießen im Halbschatten selbstgebackenen Kuchen. Ein Stück kostet 1,50 Euro. Dazu passt eine Apfelsaftschorle, ein Kaffee oder – natürlich – ein Lavendeltee. Wem Kuchen nicht reicht, der kann gegenüber im Landgasthof „Zum Alten Krug“ einkehren.

Das sanierungsbedürftige Herrenhaus Schloss Marquardt liegt mit Ballsaal und Gutshof in einem Schlosspark rund 300Meter entfernt. Das Herrenhaus steht leer, wird nur gelegentlich für Filmaufnahmen oder Ausstellungen genutzt. Bis Ende 1993 war dort das Institut für Obstbau und Obstzüchtung der Berliner Humboldt-Universität untergebracht. Die Wege des Parks führen in vielen kleinen Bögen zu immer neuen Sichtachsen auf das Schloss und über den Schlänitzsee. Hier können wir auch baden gehen. Direkt vom Schlosspark in den See eintauchen – die Gelegenheit gibt es nicht an vielen Orten.

Die Wegstrecke von Marquardt nach Potsdam verläuft, wieder völlig unbelästigt von Autos, auf einer gut befahrbaren Lindenallee. Auf den Weiden ringsum grasen Kühe. Ein von Schinkelschüler Ludwig Persius erbauter Turm bildet mit seinem ockerfarbenen Ziegelmauerwerk einen Blickfang in der Landschaft. Vom umliegenden Gutshof steht mit Ausnahme dieses Turms zwar kein weiteres Gebäude mehr, doch der Gutsgarten wurde wiederhergestellt. Auf einer Fläche von vier Fußballfeldern wurden fast 500 Obst- und Laubbäume neu gepflanzt.

Bevor es geradeaus weiter zum Persius-Turm gehen würde, biegt unser Tourverlauf in Richtung Bornim ab. Gegenüber der Kirche, auf der anderen Seite der Potsdamer Straße, liegt der Alte Friedhof Bornim. Immer die Potsdamer Straße entlang, würde man auf direktem Weg das Schloss Sanssouci erreichen. Schöner ist es, gleich hinter dem Alten Friedhof rechts in den Waldweg am Pannenberg vorbei durch das Katharinenholz zu fahren. Zwar haben wir hier einen kleinen Anstieg zu bewältigen, aber dafür bleiben wir noch eine Weile vom Straßenverkehr verschont. Der Weg führt geradewegs zum Schloss Lindstedt, das Friedrich WilhelmIV. im Stil einer klassischen italienischen Villa erbauen ließ. Am Drachenberg vorbei gelangen wir bald zum westlichen Ende des Parks von Sanssouci. Hinter der Historischen Mühle führt die Schopenhauerstraße direkt auf den Luisenplatz mit dem „kleinen“ Brandenburger Tor. Über Schopenhauer- und Breite Straße erreichen wir schließlich unser Ziel, den Hauptbahnhof Potsdam. Werder erkunden wir ein anderes Mal – versprochen

Hier die Karte als PDF.

Alle Teile unserer Serie finden Sie unter www.morgenpost.de/radtouren.