Radtouren rund um Berlin

Stadtkinder auf dem Bauernhof

Über den ehemaligen Mauerstreifen und eine Eichenallee zum Kinderbauernhof Großziethen geht es diesmal in der großen Morgenpost-Rad-Serie.

Foto: Amin Akhtar

Eine Gruppe Reiter trabt über die satten grünen Wiesen, direkt vor uns dreht ein Traktor seine Runden. Die Szenerie wird eingerahmt von Birken mit weiß schimmernden Stämmen. Dahinter erheben sich Hochhäuser grau in den blauen Himmel. Ganz im Hintergrund sehen wir den Fernsehturm. Die Stadt wirkt nah und fern zugleich. Die Tour führt im Süden Berlins jenseits von Autostraßen durch das Gebiet des ehemaligen Mauerstreifens. Unter Bäumen, über Feldwege und an Pferdekoppeln vorbei, fahren wir zum Kinderbauernhof Großziethen.

Wir starten am U-Bahnhof Lipschitzallee, inmitten der Gropiusstadt. Nachdem wir den Kölner Damm überquert haben, öffnet sich links eine weite Schneise, die einstige Grenzanlage. Rechts von uns sehen wir die Hochhäuser der Trabantenstadt. Wir fahren zunächst durch Buckow, adrette Einfamilienhäuser mit gepflegten Vorgärten reihen sich aneinander, viele Radfahrer kommen uns entgegen. Kinder spielen auf der Straße, ein Junge mit Base-Cap übt Skateboard fahren. Das sieht eher nach Vor- als nach Hauptstadt aus. Nach rund zwei Kilometern überqueren wir den Buckower Damm und erreichen den asphaltierten Mauerweg, der uns zunächst an einer Pferdekoppel vorbei führt. Dann geht der asphaltierte Weg in einen Schotterweg über.

Ein Traktor fährt vor uns, biegt links auf den Acker ab. Wir folgen ihm auf den ehemaligen Grenzstreifen. Auf der Koppel springen gescheckte Ponys umher. Wir fahren zwischen Bäumen auf festen Trampelpfaden entlang, begegnen Walkern und Spaziergängern. Junge Reiterinnen traben an uns vorbei, während wir eine orangefarbene Gedenktafel betrachten. Sie erinnert an Horst Kullack. Ein junger Mann, gerade mal 23 Jahre alt, der hier in der Silvesternacht 1972 beim Fluchtversuch nach Westen erschossen wurde.

Wir überqueren die Lichtenrader Chaussee und erreichen wieder einen asphaltierten Radweg. Rechts des Weges erstreckt sich bald ein BMX-Gelände. Zwei blonde Jungs, noch im Grundschulalter, sausen die Sandhügel hinauf und hinunter, dass einem beim Zusehen ganz schwindelig wird. Wir fahren einen knappen Kilometer weiter auf einer Allee mit wunderschönen alten Eichen. Dann geht es über sandige Feldwege.

In Großziethen müssen wir erst Kopfsteinpflaster bewältigen, kommen an Pferdetransportern und einer roten Backsteinkirche vorbei und erreichen den Kinderbauernhof Großziethen, eine Initiative des Vereins Eltern-Kinder-Kreis Gropiusstadt Nord. Laut schnatternd begrüßt uns eine Gans, streckt den gelben Schnabel über den Zaun. Es riecht nach Pferden und Heu. Links stehen die Ställe, ein paar junge Mädchen grüßen freundlich, sie striegeln ihre Pferde und tauschen in der Mittagssonne den neuesten Schultratsch aus.

Neben den Pferden, die alle in Privatbesitz sind, gibt es hier Esel, Schafe, Ziegen, Kaninchen, Hühner und Gänse, die alle dem Kinderbauernhof-Verein gehören. Um unsere Beine streicht zutraulich eine grau-weiß-getigerte Katze. Ann-Kathrin (5) kommt gerade vom Ponyreiten zurück, ihre Augen leuchten. „Die Kinder hier draußen werden ganz anders groß als in der Stadt“, schwärmt Claudia Wilczewski und streicht ihrer Tochter über den Kopf. Claudia Wilczewski ist vor zehn Jahren von Neukölln ins nahe gelegene Waßmannsdorf gezogen und glücklich in dieser Gegend.

Ein paar Meter weiter kümmert sich Aleida Diaz (26) um ein kleines Mädchen. Sie zeigt ihm, wie ein Pferd gestriegelt wird. Aleida Diaz ist Erzieherin, wohnt in Lichtenrade. Die Wochenenden verbringt sie auf dem Kinderbauernhof. Ihre Pferde Cally, ein Shetlandpony, und Carino stehen hier im Stall und dürfen sonntags gegen ein kleines Entgelt von den Kindern geritten werden. „Ich finde es schön, wenn ich Stadtkindern ein bisschen das Landleben zeigen kann“, sagt Diaz. Seit 17 Jahren kommt sie auf den Hof.

Nachdem wir die Esel gestreichelt haben, machen wir uns auf zum Eiscafé „MoinMoin“. Dort bedient man sich selbst, eine Kugel kostet einen Euro, die Kinderkugel 50 Cent, einen Tiramisu-becher mit Vanilleeis, Sahne und Amarettolikör gibt es für 5,70 Euro. In einen Strandkorb gekuschelt, genießen wir das Eis mit Ausblick auf die Landschaft. Dann geht's auf zur letzten Etappe unserer Tour.

Wir verlassen Großziethen und fahren rund zwei Kilometer über die Felder – auf sandigem Boden langsam an einem Kanal entlang. Das letzte Stück des Weges führt vorbei an einem kleinen Fluss, der sich neben dem Schotter-Radweg entlangschlängelt und von Bäumen gesäumt ist. Immer wieder wird der Weg von Holzbrücken unterbrochen, links und rechts wächst dichtes Schilfrohr. Kurz darauf verlassen wir die abgelegenen Radwege und erreichen den Neuköllner Ortsteil Rudow. Die breite, von Autos befahrene Groß-Ziethener Chaussee führt uns die letzten paar hundert Meter zum U-Bahnhof Rudow an der Kreuzung „Rudower Spinne“, unserem Ziel für heute.

Hier die Karte als PDF.

Und hier gibt es die Wegbeschreibung dazu.

Alle Teile unserer Serie finden Sie unter www.morgenpost.de/radtouren.