Radtouren rund um Berlin

Ein Pferdeparadies jenseits der Stadt entdecken

Mit dem Rad rund um Berlin unterwegs und mit dem sechsten Teil der Serie von Morgenpost Online das Dorf in der Stadt entdecken: ein Ausflug entlang dem Tegeler Fließ bis zu den Reiterhöfen in Lübars.

Foto: Reto Klar

Libellen tanzen in der Luft über dem Eichwerdersteg, Schilfrohr bewegt sich sanft über dem Wasser. Blesshühner schnattern, Frösche quaken. Das Tegeler Fließ ist ein Biotop. Im Nordosten Reinickendorfs, zwischen Hermsdorf und Lübars, beginnt das Landleben. Ein perfektes Revier für einen Familienausflug mit dem Fahrrad.

Am S-Bahnhof Hermsdorf startet unsere Tour. Jenseits der Berliner Straße führt uns die kopfsteingepflasterte Almutstraße in den alten Dorfkern von Hermsdorf. Der alte Dorfanger lässt sich in seinen Umrissen noch gut ausmachen. Die Kirche steht nicht mehr, doch ihr Grundriss wurde 1988 bei archäologischen Arbeiten freigelegt. Das ehemalige Schulhaus, ein großes Backsteingebäude, beherbergt das Heimatmuseum Reinickendorf. Auf dessen Freigelände wurde eine Wohnanlage der Semnonen, die ungefähr von 500 vor Christus bis 500 nach Christus im Berliner Raum gelebt haben, nach archäologischen Funden originalgetreu nachgebildet.

Kurz hinter der Straße Alt-Hermsdorf erreichen wir zum ersten Mal das Tegeler Fließ. Eine Trauerweide hängt hier ihre Äste über das Wasser, das vielleicht einen halben Meter tief ist und klar genug, um auf den sandigen Grund sehen zu können. Bald öffnet es sich zum Hermsdorfer See. Am Ufer des kleinen, über die Jahrhunderte mehr und mehr verlandeten Gewässers wachsen Weiden, Erlen, Schilf und Röhricht. Wer Zeit hat, umrundet den See auf dem fünf Kilometer langen Wanderweg – es lohnt sich. Der Weg, auf dem wir dann weiter fahren, wird immer mal wieder morastig. Nach Regen muss man streckenweise aufpassen, mit dem Fahrrad nicht im Schlamm stecken zu bleiben.

Rechts des Weges liegt der schöne, kreisrunde Ziegeleisee mit dem Strandbad Lübars. Badegäste erwartet ein schmaler Sandstrand, Strandkörbe, eine Liegewiese und sogar ein FKK-Bereich. Etwa einen Kilometer weiter empfiehlt sich ein kurzer Abstecher zum Eichwerdersteg. 1927 waren hier eine Holzbrücke gebaut und ein Damm aufgeschüttet worden, der Hermsdorf und Lübars auf direktem Weg verbinden sollte. Doch der Damm wurde immer wieder überschwemmt. Später wurde eine 150 Meter lange Brücke aus Stahl und Stein errichtet. Die Folge: Der Grund aus Wiesenkalk und Faulschlamm sackte ab. Schließlich baute man eine im weiten Bogen über das ganze Gebiet verlaufende Holzbrücke. Von ihr aus bieten sich fantastische Einblicke in das in Berlin einmalige Sumpfgebiet ums Tegeler Fließ. Geduldige Naturbeobachter legen sich mit Fernglas und Fotoapparat auf die Lauer. Eisvögel und Ringelnattern sind hier zu sehen, sogar Fischotter und Graureiher gibt es.

Unsere Route führt uns dann etwas vom Tegeler Fließ weg auf die weiten Wiesen vor Lübars, über die Pferde, Pferde, Pferde traben. Die Koppeln der Reiterhöfe reihen sich hier aneinander. Ein halbes Dutzend Lübarser Höfe hat sich auf Pensionspferdehaltung spezialisiert, rund 250 Pferde beherbergen ihre Stallungen. Auf dem Land, das den Bauern noch gehört, bauen sie Hafer für die Pferde an, aber auch Roggen und Raps. An einem sonnigen Tag sieht die Landschaft in Lübars aus wie in einer Rosamunde-Pilcher-Verfilmung. „Die Lübarser Landwirte haben in den siebziger Jahren erkannt, dass sie von der Landwirtschaft allein nicht mehr leben können. Doch dank der Pferdepensionen konnten sie den ländlichen Charakter ihres Dorfes bewahren“, sagt Axel Luther, der von 1971 bis 2009 Pfarrer von Lübars war und sich intensiv mit der Geschichte des Ortes beschäftigt hat.

Und es stimmt: Das älteste Dorf Berlins sieht immer noch aus wie ein richtiges Dorf. Auf der Dorfaue stehen eine 1793 geweihte schlichte Barockkirche, das Haus der Freiwilligen Feuerwehr und das Schulgebäude, in dem bis ins vergangene Jahr unterrichtet wurde. „Meine Kinder sind hier eingeschult worden“, sagt Axel Luther. „Sie erinnern sich noch heute gerne an die Dorfschule.“ Das jüngste Gebäude ist vermutlich die knallgelbe Telefonzelle – doch auch sie nimmt sich im Handy-Zeitalter wie ein Museumsstück aus.

Manche Familien sind seit mehr als 500 Jahren im Dorf ansässig. „Die Menschen lieben ihr Lübars, sie sind ihrer Heimat sehr verbunden“, sagt Luther. Er selbst lebt mit seiner Frau Gisela zwar inzwischen in Alt-Heiligensee, besucht aber nach wie vor regelmäßig das Dorf. „Unser Herz ist immer noch in Lübars.“

Mit seiner weißen Stuckfassade lädt der Dorfkrug zu einer Rast ein. Das vom Deutschen Hotel- und Gaststättenverband als „besonders schönes historisches Wirtshaus“ ausgezeichnete Restaurant hat ein kleines, aber abwechslungsreiches Speisenangebot zu akzeptablen Preisen. Der angrenzende „Labsaal“, der im Lauf seiner wechselvollen Geschichte auch schon Lagerhalle für Güter der West-Berliner Senatsreserve war, ist heute ein renommierter Raum für Theater und Konzerte. Ebenso lohnt ein Besuch im Kräuterhof der Berliner Werkstätten für Behinderte, der unter der Woche geöffnet hat. Hier werden Obst und Gemüse nach biologischen Richtlinien angebaut und ein paar Ziegen, Schafe und Hühner gehalten.

Auf leicht hügeliger Wegstrecke geht es hinter Lübars weiter über feuchte Wiesen.

Kurz darauf kreuzt schließlich ein asphaltierter Weg, der ehemalige Kolonnenweg entlang der Berliner Mauer, unsere Route. Nach rechts ginge es zur Lübarser Höhe und der dahinter liegenden Familienfarm Lübars. Wenn nicht gerade Windstille herrscht, ist der Berg aus Müll und Schutt ein idealer Ort zum Drachensteigen. Auf der Farm können Fasane, Schweine, Kühe und – natürlich – Pferde bestaunt werden. Wer mit Kindern unterwegs ist, wird sicherlich einen Abstecher dorthin machen wollen.

Unsere Tour geht aber eigentlich in entgegengesetzter Richtung auf dem Mauerweg weiter, vorbei am Köppchensee, einem durch Torfabbau entstandenen Gewässer. Er gehört zum knapp 60 Hektar großen Naturschutzgebiet Niedermoorwiesen. Dann weitet sich die typische Landschaft um den Mauerweg mit ihrem lockeren Birken- und Kiefernbewuchs zu einer offenen Sandfläche.

Durch Glienicke führt unser Weg zurück nach Hermsdorf, auf die andere Seite des Eichwerderstegs. Nach einem kurzen Stück am Rand des Moorgebiets treffen wir wieder auf die stark befahrene Berliner Straße, die Grenze zwischen dem Pferdeparadies und der Stadt.

Hier die Karte als PDF.

Alle Teile unserer Serie finden Sie unter www.morgenpost.de/radtouren.