"Jil Sanders Töchter"

Perret und Schaad setzen auf schlichte Eleganz

Vor einem Jahr gründeten Johanna Perret und Tutia Schaad ihre Firma. Jetzt ist „Perret Schaad" eines der angesagtesten Modelabels in Berlin.

Foto: Massimo Rodari

An diesem Nachmittag ist Tutia Schaad nicht allein in ihrem Atelier. Emil hängt ihr an den Beinen, und Max schmiegt sich sanft um ihren schmalen Oberkörper. Doch damit keine Missverständnisse entstehen: Max und Emil sind nicht etwa zwei nach Körperkontakt gierende Verehrer der gebürtigen Vietnamesin. Nein, Max und Emil sind zwei Kleidungsstücke, genauer gesagt: eine Bluse und eine Hose. Tutia Schaad hat sie entworfen, sie hat sie sich sozusagen selbst auf den Leib geschneidert. Die beiden Teile entstammen der vergangenen Sommerkollektion, die Tutia Schaad gemeinsam mit ihrer Partnerin Johanna Perret entworfen hat.

Perret Schaad, das ist der Name des Designer-Duos, das zurzeit in Berlin als heißestes Newcomer-Label gehandelt wird. Zwar haben junge Design-Teams in der Hauptstadt fast schon so etwas wie Tradition. Von Wedel&Tiedeken, Hartbo+L'wig, Scherer Gonzalez und Kaviar Gauche haben als Jungdesigner alle einmal paarweise von der Modeschule den Sprung in die Selbstständigkeit gewagt. Doch noch nie ging der Aufstieg eines jungen Labels in den Modehimmel so schnell. Noch vor zwei Jahren studierten Perret und Schaad an der Kunsthochschule Weißensee. Schon ein Jahr später gründeten sie ihr eigenes Label, um dann vor einem Monat mit ihren neusten Kreationen in der deutschen „Vogue“ gefeiert zu werden. Ihre feinen Kleider und lässigen Shorts verkaufen die beiden Jungdesignerinnen mittlerweile bis nach Hongkong, Seoul und New York. Doch der Reihe nach.

Ihren Spaß mit den Männernamen für jedes Kleidungsstück hätten sie von Anfang an gehabt, sagt Tutia Schaad. „Meistens taufen wir die Teile auf den Namen von Jungs, die wir kennen“, sagt sie lächelnd, „unseren Freundinnen gefällt es dann, wenn sie ein Kleid tragen, dass nach ihrem Boyfriend benannt ist.“ Momentan hängt die Winterkollektion 2011/2012 auf den Bügeln in ihrem kleinen Atelier in Prenzlauer Berg: Seidenhemden in Dunkelblau und Weiß, Blusenkleider in Grau, hautfarbene Oberteile, weit geschnittene Bomber-Blousons in Navy und Kaki sowie elegante Mäntel mit großen Schalkragen. „Das ist aber nicht die komplette Kollektion“, sagt Johanna Perret, die soeben das Atelier betreten hat. Sie ist zierlich, schlank, und mit dem vollen Mund, den großen Augen und langen Haaren könnte sie genau wie ihre Partnerin Tutia gut als Model durchgehen. Doch wer der 28-Jährigen zuhört, wird eines Besseren belehrt. Wenn Perret ihre Hände über die feinen Stoffe gleiten lässt und dabei Details über die verwendeten Materialien, die Farbauswahl und Schnittführungen erläutert, wird klar, dass diese beiden Designerinnen weit mehr können, als hübsch auszusehen oder sich originelle Namen für ihre Kleidungsstücke auszudenken.

So wirken die meisten Teile durch ihre klaren Schnitte auf den ersten Blick wie Klassiker. Erst beim zweiten Hinsehen offenbaren sie ihre raffinierten Details. So besteht einer der Mäntel nicht aus den üblich zugeschnittenen Stoffbahnen, sondern aus lauter Rechtecken, was zwar für den Träger nicht unbedingt auf den ersten Blick zu erkennen, aber letztendlich dann doch zu erspüren ist. Nur auf diese Weise kann sich die Schurwolle weich und trotzdem elegant um eine Silhouette legen. Das dunkelrote Kleid daneben vereint durch seine Asymmetrie die feminine und die strenge Seite einer Frau. Die eine Hälfte ist figurbetont geschnitten und verläuft eng am Körper, während die andere Hälfte sehr modern wirkt: Da fällt plötzlich eine breite Falte über die Schulter, die wie ein Umhang wirkt. Blusen aus edlem Wollcrêpe, die aber lässig wie Sweatshirts daherkommen, Röcke aus mehreren Lagen wattierten Organzas, die an zarte Schneeflocken erinnern: Das sind all die „Björns“, „Gerhardts“, „Ruvens“ und „Stefans“, für die Perret Schaad immer wieder so euphorisch gelobt werden.

Studium in Weißensee

Dabei war es nicht von Anfang an klar, dass die beiden Jungdesignerinnen einmal so perfekt zusammenarbeiten würden. Zwar studierten sie gleichzeitig an der Kunsthochschule Weißensee, besuchten jedoch Parallelklassen. „Im Grunde sind wir erst durch unsere Diplomprüfungen aufeinander aufmerksam geworden“, sagt Johanna Perret. Acht bis zehn komplette Outfits seien da von jedem Studenten gefordert worden, klar habe da jeder mal einen Blick auf die Arbeit der Kommilitonen geworfen. „Unser Stil war zwar unterschiedlich, aber ich habe sofort gemerkt, dass sie denselben Anspruch an Qualität und Genauigkeit hat wie ich“, erinnert sich Tutia Schaad. „Ja, und außerdem hatten wir damals schon ein ähnliches Farbempfinden“, ergänzt ihre Partnerin. Das sei ihnen wichtig, „denn oft beginnen wir bei der Entwicklung unserer neuen Modelle bei der Farbenauswahl“.

Nicht nur Farbe, auch Fleiß war es, der den beiden jungen Frauen den Weg geebnet hat. Nach ihrem Abschluss an der Kunsthochschule sammelten Perret und Schaad Erfahrungen bei bekannten Modelabels und nahmen erfolgreich an zahlreichen Wettbewerben teil. Das erregte Aufmerksamkeit, auch bei den Veranstaltern der Fashion Week. Schließlich lud deren Veranstalter IMG das junge Berliner Label kurzerhand ein und half sogar bei der Sponsorensuche. Mit Erfolg. Wenig später konnten Perret Schaad vor internationalen Fachjournalisten und den Chefeinkäufern wichtiger Modehäuser ihre luftigen Rock-T-Shirt-Kombinationen, mädchenhaften Kleider und aparten Hosenröcke präsentieren.

Nicht nur die klaren Schnitte, auch das zarte Lila, die puderigen Grün- und Beigetöne wurden hoch gelobt. So nutzten die beiden Frauen eben nicht immer nur Schwarz, Weiß und Grau, wie es viele Modestudenten und Esmod-Schüler tun, aus Angst, etwas falsch zu machen. Im Gegenteil. Die perfekt aufeinander abgestimmten Farbkombinationen kamen beim Publikum an. Der tosende Applaus nach der Schau für „Jil Sanders Töchter“, wie sie dann genannt wurden, zahlte sich für die beiden Jungdesignerinnen auch wirtschaftlich aus.

Anschließend, im Showroom, wurde bereits von den Einkäufern der Fashion Week geordert. Von „Ulf Haines“ aus Berlin, aber auch von Boutiquen in Tokio, Hongkong und New York. „Das war immer unser Ziel, wir wollten von Anfang an professionell arbeiten“, sagt Johanna Perret, „obwohl das auch eine große Herausforderung war.“ Dass die Gründung eines Modelabels nicht nur Kreativität, sondern auch ökonomisches Geschick erfordert, lernten die beiden schnell. Treffen mit Unternehmensberatern, Fortbildungen, Coachings, so sah lange die Freizeit der beiden Modeschöpferinnen aus. Doch die Mühe hat sich nun ausgezahlt.

Mittlerweile können sich beide Frauen ausschließlich um ihre Firma kümmern und müssen nicht wie früher nebenbei jobben. Stattdessen verbringen sie die meiste Zeit zusammen in ihrem Atelier am Schneidetisch. Die Inspirationen für ihre Entwürfe fliegen ihnen jedoch von überall her zu. Das kann ein Besuch im vietnamesischen Dong-Xuan-Einkaufscenter in Lichtenberg, ein Museumsrundgang oder ein Essen mit Freunden sein. „Alles, was man erlebt, sieht und empfindet, hat Einfluss auf die nächste Kollektion“, sagt Perret. Und manchmal richten sich die besten Ideen auch nicht nach dem Terminkalender. „Wenn ich abends todmüde nach Hause komme und gerade keinen Stift zur Hand habe, dann habe ich oft die besten Eingebungen“, sagt die gebürtige Münchnerin lachend.

Clemens auf dem roten Teppich

Konkrete modische Vorbilder haben die beiden jedoch nicht. Natürlich mögen sie wie viele Jungdesigner die ausgefeilten Kreationen einer Vivienne Westwood. Und die fließenden Kleider in Weiß und Crème von Johanna Kühl und Alexandra Fischer-Röhler, den Designerinnen von Kaviar Gauche, kennen sie auch.

Doch wallende Braut- und Abendmode ist nicht ihr Metier. Trotzdem haben Schauspielerinnen wie Hannah Herzsprung und Nora Tschirner ihre minimalistischen Kleider schon getragen. Dann durften Georg und Clemens mit auf den roten Teppich.