Vergessener Vergnügungspark

Der Plänterwald erwacht - aber nur kurz

Konzerte, Filme und Theater: Der Plänterwald erlebt für wenige Tage eine Renaissance. Sogar das legendäre Riesenrad leuchtet wieder. Bis Sonntag sind die Tore des Parks geöffnet.

Foto: dpa / dpa/DPA

Als die Sonne untergeht und die Lichter am Riesenrad im Plänterwald angehen, besteht kein Zweifel mehr: „Dornröschen“ ist wieder erwacht. Zehn Jahre lang lag der einst so beliebte Freizeitpark im Tiefschlaf. Schöner wurde er dadurch nicht. Wer ihn noch aus der Zeit kannte, als sich das Riesenrad pausenlos drehte, könnte denken, eine Bombe sei eingeschlagen.

Ein Dinosaurier lag umgekippt im Gras. Und zwischen halbverfallenen Kassenhäuschen und Karussells eroberte sich die Natur ihren Raum zurück. Spaziergänger konnten dem Unkraut dabei zusehen, wie es durch die Ritzen im Asphalt schoss und die Vergangenheit überwucherte.

Doch jetzt ist das Leben in den ehemaligen Vorzeige-Vergnügungspark der DDR zurückgekehrt. Familien mit Kindern schwärmen an den Kassenhäuschen vorbei in das malerisch verwilderte Biotop. Sogar die Bummelbahn dreht wieder ihre Runden. Ein Ruck, und sie schüttelt die Passagiere förmlich durch. „Ein Mordsgerät“, raunt ein stoppelbärtiger Mittzwanziger. Seine Bierflasche hat er sich zwischen die Knie geklemmt.

Fröhlich winkt er den Spaziergängern auf der anderen Seite des Zauns zu. Einige bleiben wie angewurzelt stehen, andere haben ihre Fotohandys gezückt. Die Zaungäste und die Passagiere, sie fotografieren sich jetzt gegenseitig.

Absurdes Theater. Das Stück heißt „Lunapark“, und Stefanie Wenner, Kuratorin vom Theater Hebbel am Ufer (HAU), hat es inszeniert. Sie sagt, es sei ihr Beitrag zur Stadtentwicklung.

Auf der Suche nach einem Projekt ist die zweifache Mutter aus Prenzlauer Berg vor einiger Zeit zufällig an dem Park vorbeigeradelt. Der Eingang war zugesperrt. Stefanie Wenner sagt, das habe sie geärgert. „Ich wollte da unbedingt rein.“ Sie war nicht die einzige, die nicht verstand, warum dieses Areal für die Öffentlichkeit gesperrt war.

So entstand dieses Projekt. Stefanie Wenner hat Schauspieler und Künstler vom HAU und vom Theater an der Parkaue zusammengetrommelt, um diesen verwunschenen Ort für vier Tage aus dem Schlaf zu reißen. Eine Finanzspritze des Hauptstadtkulturfonds macht es möglich.

Bis Sonntag gibt es hier Konzerte, Filme und Theater. Das Riesenrad dreht sich zwar nicht mehr, doch Elektriker haben Lampen an jede der 36 Gondeln geschraubt, um es nach Einbruch der Dunkelheit zu beleuchten.

Und wer wissen will, wie es war, in den 70er-Jahren, als Schulklassen aus der ganzen DDR auf das Gelände des VEB Kulturparks strömten, um in 45 Metern Höhe den Blick über die Hauptstadt schweifen zu lassen, kann sich von Zeitzeugen über das Gelände führen lassen.

Es ist weitläufiger, als es von außen aussieht. Stefanie Wenner hat Turnschuhe zum Kleid angezogen. Schließlich muss sie am laufenden Band Journalisten über das Gelände führen, um ihnen den Hauptdarsteller dieses Stückes vorzustellen: Der Spreepark, 28,5 Hektar groß, direkt am Ufer der Spree gelegen. Ein Museum der Vergnügungskultur, das langsam zerbröckelt. Ein Politikum.

Um zu verstehen, warum sich hier nichts mehr bewegt, muss man einen Blick in die Geschichte werfen. Nach der Wende wurde der Park verpachtet. Als Betreiber stieg der Schausteller Norbert Witte ein. Eine schillernde Gestalt. Als er 2001 Insolvenz anmeldete, fing das Drama an. Witte verschiffte Karussells nach Peru und landete wegen Drogenhandels im Knast. „Heute lasten 20 Millionen Euro Schulden auf dem Gelände“, sagt Stefanie Wenner. Pia Witte, die Ex-Frau des früheren Betreibers, firmiert noch immer als Pächterin – zumindest auf dem Papier.

Dabei würde sie den Erbbaurechtsvertrag mit dem landeseigenen Liegenschaftsfonds lieber heute als morgen kündigen. Doch darauf lässt sich die Behörde nicht ein. Denn wenn der Vertrag gekündigt werde, müsste das Land Berlin die Schulden bei der Deutschen Bank einlösen. Eine verfahrene Situation.

Dirk Neßler entlockt sie ein tiefes Seufzen. Neßler ist 46 Jahre alt, ein kräftiger Mann in Jeans und T-Shirt. Er kennt den Plänterwald noch aus der Zeit, als er VEB Kulturpark hieß. Er sagt: „Wir sind mit der Klasse bestimmt zwei- oder dreimal aus Bad Freienwalde hierhergefahren.“ Eine Mordsgaudi sei das gewesen, wenn sie auf Decken die Riesenrutsche hinunter flitzten. Auch an die Achterbahn erinnert er sich. Er sagt, er werde nie vergessen, wie ein Kollege seines Vaters darin die Gesichtsfarbe wechselte. „Er stieg braungebrannt ein und kam grün wieder aus.“

Doch die Achterbahn ist verschwunden, und auch sonst ist nichts mehr so, wie es einmal war. Sein Blick wandert zum Riesenrad herüber. Einst erhob es sich auf einer asphaltierten Fläche. Sie hat einem Tümpel Platz gemacht. Ein Rentner knipst es gerade fürs Familienalbum. Er guckt ganz verzückt. Er fragt seine Frau: „Herta, hörst Du die Frösche?“

Dirk Neßler hat für das Gequake nichts übrig. Er sagt, er habe ja gewusst, was ihn erwartet. Im Internet war er auf Fotos gestoßen, die zeigten, was von dem Rummelplatz übrig geblieben war. „Da waren nur noch zerkloppte Schaltpulte, ich hätte heulen können.“

Sabrina Witte, 26, nickt. Regen tröpfelt von oben herab, doch Witte, die Tochter des ehemaligen Betreibers, fühlt sich in ihrem Element. Gerade hat sie eine Besuchergruppe durch den Park geführt. Es war eine Reise zurück in ihre Kindheit. Witte war vier Jahre alt, als sie mit ihrer Familie in eine Wohnung auf dem Parkgelände einzog. Mit elf Jahren verdiente sie ihr erstes Geld in einer Imbissbude. Sie sagt: „Dieser Park ist mein Leben. Der erste Kuss, die erste Zigarette, der erste Job. Es steckt alles drin.“

Umso erschrockener war sie, als sie den Park 2010 zum ersten Mal nach langer Zeit wieder betrat. Sie sagt, sie sei sofort in den nächsten Baumarkt gefahren, um sich einen Rasenmäher auszuleihen. Als sie ihn wieder abgegeben habe, seien die Klingen stumpf gewesen. „Ich habe bestimmt fünfzehn Hektar gemäht.“

Sie hat diese Geschichte auch den Besuchern erzählt. Sie macht auch keinen Hehl daraus, dass die Familie über der Insolvenz und den Drogengeschäfte ihres Vaters zerbrochen ist. Ihr Bruder Marcel sitzt noch immer in Lima im Knast. Ihr Vater lebt in einem Wohnmobil in dem ehemaligen Westerndorf im Park. Sie sagt: „Wir reden kein Wort mehr miteinander.“

Sabrina Witte schaut zum Himmel. Über dem Riesenrad wölbt sich ein Regenbogen. Die Besucher klatschen. Einer fragt: „Habt Ihr den etwa auch bestellt?“

„Lunapark Berlin“ im Plänterwald, Freitag 18–24 Uhr, Sonnabend 14–1 Uhr, Sonntag 12–22 Uhr. Einlass ist am Haupteingang Wasserweg, der Eintritt kostet fünf Euro