Scheidender Polizeichef

Glietsch – Am liebsten durch die Hintertür raus

Polizeipräsident Dieter Glietsch ist mit einem Festakt offiziell in den Ruhestand verabschiedet worden. Dieses Aufsehen mag er eigentlich gar nicht. Neun Jahre war er an der Spitze der Polizei und dort umstritten.

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Gabriele Stoyke spricht von Scheidung. Die langjährige Sekretärin des Berliner Polizeipräsidenten Dieter Glietsch bedauert das Ausscheiden ihres Chefs außerordentlich. Und wie es mit verlassenen Menschen oft ist, so orientiert sich Gabriele Stoyke beruflich neu. Nach neun Jahren im Vorzimmer des Polizeipräsidenten sucht auch sie sich eine neue Herausforderung. Ihr Chef, Dieter Glietsch, wird am Freitag mit einem Festakt offiziell in den Ruhestand verabschiedet. Enge Vertraute des Polizeipräsidenten wissen um den Gemütszustand ihres nun ehemaligen Chefs. Er mag dieses Aufsehen um seine Person überhaupt nicht. Am liebsten, so ein ehemaliger Mitarbeiter, würde Glietsch einfach seine Aktentasche packen und durch den Hinterausgang verschwinden.

Am Ende von Glietschs Amtszeit ist es nun wieder so wie am Anfang. Es gibt Ärger um die Nachfolge. Als Glietsch vor neun Jahren sein Amt in Berlin antrat, da regte sich Unmut. War doch Oberstaatsanwalt Gerd Neubeck noch von der großen Koalition aus Nürnberg nach Berlin geholt worden, um das Amt des obersten Polizisten in der Stadt zu übernehmen. Mit dem Berliner Regierungswechsel im Jahr 2001 und der Bildung der rot-roten Koalition änderte sich das. Neubeck, der als CDU-Mann gilt, blieb Vizechef der Berliner Polizei und der neue Innensenator Ehrhart Körting (SPD) präsentierte den Sozialdemokraten Dieter Glietsch als neuen Polizeipräsidenten.

Fortan schieden sich die Geister an Glietsch. Die einen lobten seine souveräne Amtsführung und seinen Scharfsinn, die anderen störte die Unnahbarkeit, die Glietsch ausstrahlt.

Besonnen und zurückhaltend

Dem Polizeichef selbst waren die Vorwürfe gegen seinen Führungsstil egal, so schien es jedenfalls. Er trat stets besonnen und zurückhaltend in der Öffentlichkeit auf. Gefühlsregungen zeigte er öffentlich kaum, das gehörte zur preußischkühlen Amtsauffassung des gebürtigen Hessen. Hinter den Kulissen war das allerdings oft anders, berichten Mitarbeiter aus dem Polizeipräsidium.

Obwohl ihm der in der Polizei so vielzitierte „Berliner Stallgeruch“ fehlte, gelang es ihm, gleich Eindruck zu machen. Im Jahr 2002, kurz nach seinem Amtsantritt, besuchte der damalige US-Präsident George Bush die Stadt. Die Berliner Polizei wickelte den brisanten Staatsbesuch problemlos ab. Dabei half Glietsch ein Umstand, der im von Standesdünkel durchsetzten Polizeiapparat von großer Bedeutung ist: Glietsch hat den Beruf „von der Pike auf“ gelernt.

1964 war er in den mittleren Polizeidienst eingetreten. Zuvor hatte er das Gymnasium kurz vor dem Abitur abgebrochen. Drei Jahre lang arbeitete er als Streifenbeamter in Köln, bevor er die Karriereleiter in Nordrhein-Westfalen bis ganz nach oben erklomm. An der Aufgabe in Berlin habe ihn gereizt, dass er die Polizei einer 3,5-Millionen-Metropole mit Hauptstadtfunktion leite, sagte er zum Amtsantritt. Wäre er in Düsseldorf geblieben, hätte er sich neun Jahre lang geistig auf den Ruhestand vorbereiten können, beschrieb Glietsch seine damalige Motivationslage.

Schwieriges Verhältnis mit Bereitschaftspolizei

Als größter Verdienst Glietschs gilt zweifellos die Befriedung des 1. Mai. Die ritualisierten Auseinandersetzungen zwischen Linksextremen und der Polizei finden seit den frühen 80-er Jahren in Kreuzberg, nach dem Mauerfall auch in Friedrichshain und Prenzlauer Berg statt. Obwohl die Krawalle in einigen Jahren besonders schlimm waren und viele Polizeibeamte verletzt wurden, hielten Glietsch und Innensenator Körting an ihrer Deeskalationsstrategie fest. Im Gegensatz zu früheren Jahren, zeigte die Polizei dabei demonstrativ Zurückhaltung, um aber gleichzeitig bei Gewaltausbrüchen gezielt und konsequent gegen die Täter vorzugehen. Unterstützt wurde die Polizei dabei von den Veranstaltern der Mai-Feierlichkeiten, die der jährlichen Gewalt von Autonomen ebenfalls überdrüssig waren. Der Erfolg der Strategie zeigte sich besonders in diesem Jahr: Der Demonstrationszug der Autonomen schaffte es erstmals nicht, sich seinen Weg durch die feiernde Menge zwischen Kottbusser Tor und Oranienstraße zu bahnen. Scheiben von Banken wurden eingeworfen, doch es blieb weitgehend friedlich. Ein Erfolg, der Glietsch und alle politisch Verantwortlichen gleichermaßen freute.

Ein schwieriges Verhältnis hatte Glietsch während seiner Amtszeit mit der Bereitschaftspolizei. Diese Beamten nahmen es Glietsch übel, den von der Politik vorgegebenen Personalabbau bei der Polizei klaglos fortzusetzen. Dabei ärgerte ihn selbst der drei Jahre währende Einstellungsstopp bei der Polizei am meisten. So etwas werde unter seiner Führung auf keinen Fall noch einmal passieren, teilte er Innensenator Körting später mit. Obwohl sich Glietsch bemühte, die Nähe zu den Beamten in den Polizeiabschnitten zu suchen, schaffte er es nicht, sie auf seine Seite zu bringen. Kritiker sagen, ihm fehle die menschliche Nähe. Glietsch habe den Beamten nie den Eindruck vermittelt, er stehe ausnahmslos hinter ihnen.

Gegen Polizeiklüngel

Das sehen Glietschs Vertraute anders. Ihm, dem Neu-Berliner, sei der Berliner Polizeiklüngel stets suspekt gewesen, daher habe es Glietsch unterlassen, sich in interne Grabenkämpfe zu begeben. Er behandelte alle Mitarbeiter seiner Behörde mit der gleichen Distanz. Aber es gab auch die andere Seite des Polizeipräsidenten. Manchmal, nach schweren Einsätzen, rief er abends die Einsatzleiter an und bedankte sich persönlich bei ihnen. „Er war nicht überschwänglich menschlich, aber man merkte seine Wertschätzung“, sagt einer seiner Mitarbeiter.

Auch in der Behörde hinterlässt Glietsch Spuren. Der Polizeipräsident ließ nämlich auch Fehler in seiner Behörde zu. Fehler seien menschlich, so seine Auffassung, aber man müsse daraus lernen. So versuchte er, den Korpsgeist in der Polizeibehörde aufzuweichen. In den vergangenen neun Jahren wurde zudem die Prävention in der Berliner Polizeibehörde ausgebaut. Mittlerweile sind mehr als 100 Beamte für die Präventionsarbeit freigestellt.

Als größte persönliche Niederlage seiner neunjährigen Amtszeit empfindet Glietsch seine Erlebnisse am 1. Mai 2008. Damals war der Polizeipräsident bei den Mai-Feierlichkeiten in Kreuzberg aufgetaucht, um sich die Lage vor Ort anzusehen – und wurde von Autonomen erkannt. Sie bewarfen ihn mit Bier, er musste von seinen Sicherheitsmännern beschützt und zu einem Polizeiwagen gebracht werden. Diese Schmach belaste ihn noch heute, sagen Vertraute. Dennoch suchte Glietsch den Kontakt mit den Menschen auf der Straße – zumindest ab und zu. Er besuchte regelmäßig Polizeiabschnitte und ließ sich zu einem Spaziergang durch den Wrangelkiez überreden, als der Kiez wegen der Jugendbandenkriminalität in die Schlagzeilen geriet.

Leidenschaftlicher Zeitungsleser

Bis zu seinem 64. Lebensjahr hat Glietsch als Polizist gearbeitet, dabei war das gar nicht sein Traumberuf. Eigentlich wollte Glietsch Journalist werden. Bis heute liest er leidenschaftlich gern Zeitungen. Wenn er morgens, pünktlich um 7.30 Uhr im Dienst erschien, war er deshalb bereits über die wesentlichen Ereignisse informiert. Um 8.30 Uhr erhielt er in der Morgenrunde den aktuellen Lagebericht, es folgten Dienstbesprechungen und Einsatzpläne. In seinem Büro lief das Radio, meist mit klassischer Musik.

Die hört er künftig zu Hause. Glietsch und seine Ehefrau ziehen wieder nach Nordrhein-Westfalen, in die Heimat, wo sie ein Haus besitzen. Künftig wird er mit seinem Oldtimer, einem Fiat Spider 850 durch das Oberbergische Land fahren. Dass es am Ende genauso ist wie am Anfang, ist dem Neu-Pensionär nur Recht. So überlagert der Streit über seine Nachfolge den Festakt, den es zu seinen Ehren gibt. „Er war buchstäblich der erste Polizist der Stadt“, sagt ein langjähriger Vertrauter.

Bei dem kleinen Festakt sprechen der Innensenator, die Polizeivizepräsidentin Margarete Koppers und Glietsch selbst. Die Amtsgeschäfte übernimmt vorerst Margarete Koppers. Als erstes wird sie eine neue Sekretärin finden müssen.