EHEC in Berlin

Wo Gurken, Salat und Co. tabu sind und wo nicht

Berliner Supermärkte und Schulen verzichten bereits auf verdächtiges Gemüse. In Restaurants und Krankenhaus-Kantinen dagegen vertraut man auf die altbewährte Reinlichkeit.

Michaela Nickel ist Lehrerin an der Ersten Aktiv Schule in Charlottenburg. Doch in diesen Tagen ist nichts wie sonst. Immer wieder muss sie vom normalen Stundenplan abweichen. Weil die Kinder sie mit Fragen bestürmen. Weil sie wissen wollen, warum und wie lange sie kein Gemüse mehr essen dürfen. „Und weil sie genau wissen wollen, wie dieses Bakterium wirkt, von dem gerade alle reden“, so die Pädagogin.

Dabei sind nach Auffassung des Berliner Senats gar keine besonderen Schutzmaßnahmen nötig, um den aggressiven Darmkein EHEC im Zaum zu halten. Das erklärte am Donnerstag jedenfalls Gesundheits-Staatssekretär Benjamin Hoff (Linkspartei) im Roten Rathaus. Schließlich seien seit dem Ausbruch der Krankheit, die ja vor allem in Norddeutschland wüte, in der Hauptstadt nur vier bestätigte schwere HUS-Infektionen gemeldet worden, für die es aber noch keinen Erregernachweis gebe. Die Erreger und die Krankheit selbst seien ohnehin bekannt.

Diese Gelassenheit hat sich aber nicht auf die Schul- und Betriebskantinen der Stadt übetragen. Im Gegenteil. Von zahlreichen Speiseplänen wurden rohe Tomaten, Salate und Gurken mit sofortiger Wirkung verbannt. Überhaupt könnte sich der Gurken-Nachschub schwer gestalten, denn auch zahlreiche Supermärkte haben reagiert und das verdächtige Gemüse aus den Kühlregalen entfernt.

Erhöhte Alarmstufe

Trotzdem gilt quasi überall, wo viele Kinder gemeinschaftlich verköstigt werden, erhöhte Alarmstufe. So zum Beispiel in der Arche im Wedding. In deren Küche, in der jeden Tag die Mahlzeiten für 600 Kinder kredenzt werden, kommen gar keine Gemüsesorten, die in der Erde wachsen, mehr auf die Teller. Alles wird besonders sorgfältig geschält und gewaschen, im Zweifel auf Tiefkühlkost zurückgegriffen. Diese Regel, stellt Mitarbeiter Paul Höltge klar, gelte so lange, bis totale Klarheit darüber herrsche, „wo der Erreger genau herkommt“. Die Essenzulieferer an den Schulen haben ebenfalls reagiert und vorsorglich alle verdächtigen Lebensmittel aus dem Speiseplan gestrichen. „Wir haben sämtliches Obst und Gemüse, das sonst im Speiseplan enthalten ist, seit Beginn dieser Woche vorläufig entfernt“, sagt Lisa Jürries, Sprecherin der Firma Sodex. Das Unternehmen beliefert rund 150 Schulen in Berlin.

Klar, dass viele Firmen und Behörden sowieso schon alles aussortiert haben, was entfernt an Rohkost erinnert. So mussten zum Beispiel die 5000 Mitarbeiter des Pharma-Konzerns Bayer Health Care am Standort Wedding am Donnerstag auf „Tomaten, Gurken und Salat verzichten“, wie Unternehmenssprecherin Annette Wiedenbach erklärte. In den Restaurants der Stadt gibt man sich hingegen vergleichsweise gelassen. „Wir halten es nicht für notwendig, spezielle Nahrungsmittel aus unserer Karte zu entfernen. In der Küche achten wir auf Hygiene und Sauberkeit, das sollte genügen“, sagte zum Beispiel Christa Sperling vom Restaurant „Zur letzten Instanz“ in Mitte. Und auch im „Restaurant Stadt Berlin“ will man sich die Freude an der lieb gewonnenen Salattheke von der unerfreulichen Nachrichtenlage nicht verderben lassen. „So kann der Kunde selbst darüber entscheiden, ob er das isst“, erläuterte Mitarbeiterin Divna Maydak die Politik des Hauses.

Ähnlich unbeeindruckt zeigen sich auch die Berliner Institutionen aus der Gesundheitsbranche selbst. „In den Kantinen gibt es keine Reduktion im Rohkostbereich“, hieß es bei der Ärztekammer Berlin. Auch das Universitätsklinikum Benjamin Franklin sieht sich bislang nicht unter Zugzwang, etwas anders zu machen als sonst: „Wir haben weder Hinweise an die Patienten verteilt noch an das ärztliche Personal“, sagte eine Sprecherin. In der Kantine halte man wie immer „alle Arten von Rohkost“ zum Verzehr bereit. Ein konträres Bild ergibt sich bei den großen Berliner Supermärkten, die offenbar konsequent dem Vorwurf vorbeugen wollen, potenziell gesundheitsgefährdende Ware zum Kauf feilzubieten. Wer bei Metro, Kaiser's, Tengelmann und der Rewe-Gruppe auf Suche nach spanischen Gurken gehen sollte, dürfte keinen Erfolg mehr haben.

Obwohl sich die Zahl der EHEC-Patienten mit schwerem Krankheitsverlauf in Berlin inzwischen um einen auf vier erhöht hat, könne von einer Ausbreitung der Darminfektion nicht gesprochen werden, wie auch eine Sprecherin des Landesamtes für Gesundheit und Soziales (LAGeSo) noch einmal betonte. Bei den Erkrankten handelt es sich um drei Frauen und einen Mann. Bei allen wurde inzwischen auch das Hämolytisch-Urämischen Syndrom (HUS) festgestellt. Die Anzeichen: akutes Nierenversagen und Blutarmut.