Sicherheitsmaßnahmen

So schützen sich Berlins Jobcenter vor Übergriffen

In Berlin leben fast 600.000 Menschen vom Jobcenter. Das sind so viele wie nirgendwo anders in Deutschland. Und obwohl es nur selten zu Zwischenfällen mit Kunden kommt, sind die Mitarbeiter auf den Ernstfall vorbereitet.

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Schon die schiere Größe des Berliner Jobcenter-Systems erhöht in der Hauptstadt die Gefährdungslage. Allein in Deutschlands größtem Jobcenter in Mitte gehen am Tag bis zu 1500 Kunden ein und aus. „Schon weil wir in Berlin Jobcenter dieser Größenordnung haben, sind bei uns besondere Sicherheitsmaßnahmen vorsichtshalber nötig“, sagt Andreas Ebeling, Sprecher der Berliner Jobcenter. Zum Glück kämen die Vorsichtsmaßnahmen aber selten zum Einsatz, sagt er.

Etwa 17 Prozent der Berliner sind auf Hartz-IV-Leistungen angewiesen. Das entspricht einer absoluten Zahl von knapp 600.000 Menschen. Nirgendwo sonst in Deutschland leben so viele Menschen vom Jobcenter wie in der Hauptstadt. 3,6 Millionen Euro fallen an Kosten für HartzIV hierzulande an. Eine Million Bescheide versenden die zwölf Berliner Jobcenter jedes Jahr an die mehr als 300.000 Bedarfsgemeinschaften in der Stadt. 6000 Mitarbeiter bieten die zwölf Jobcenter in der Stadt für die Bewältigung dieser Arbeit auf.

Schulungen zur Deeskalation

„Im Jobcenter geht es um die Existenz von Menschen“, sagt Ebeling. Nicht so bequeme Entscheidungen führten zwangsläufig ab und zu zu Streitigkeiten. „Natürlich kommt es vor, dass Kunden sich nicht nur verbal beschweren, sondern auch mal auf den Tisch hauen.“ Doch die Mitarbeiter seien auf solche Situationen vorbereitet. Das Thema Kommunikation nehme in der Ausbildung viel Raum ein, so Ebeling. In Schulungen und Weiterbildungen würden Deeskalationsstrategien vermittelt und eingeübt, um in schwierigen Situationen beruhigend auf die Antragsteller, im Jobcenter „Kunden“ genannt, einzuwirken. Das funktioniere in den meisten Fällen gut, so der Sprecher.

Trotzdem gebe es immer einmal wieder vereinzelt Übergriffe von Kunden, erzählt Andreas Peikert, Geschäftsführer des Jobcenters in Charlottenburg-Wilmersdorf. Ein Extremfall sei aber sehr selten. „Wir bereiten uns dennoch systematisch darauf vor“, sagt Peikert – neben den Schulungen etwa mit einem Sicherheitsdienst.

Denn reicht gutes Zureden und Erklären nicht aus, kann ein Mitarbeiter den Wachdienst holen. Etwa wenn ein Kunde das Büro eines Sachbearbeiters nicht mehr verlassen will. Seit Jahren werden in allen Berliner Jobcenter Fremdfirmen für die Sicherheit beschäftigt. In der Regel fungieren die Wachleute als Ordnungsdienst, etwa um Drängeleien beim Schlangestehen am Empfang zu verhindern. Allein durch seine Präsenz schrecke der Wachschutz auch ab, sagt Peikert. „Doch manchmal ist seine Hilfe auch unglücklich, wenn die Mitarbeiter der Fremdfirma nicht wie die Jobcenter-Mitarbeiter in Deeskalationsstrategien geschult sind.“

Die Kollegen dazu holen

Bevor im Notfall die Polizei ins Jobcenter geholt werden muss, stehen den Mitarbeitern aber auch noch weitere Sicherungsmaßnahmen zur Verfügung. So wurde etwa in Spandau im Jobcenter darauf geachtet, die Büros der Sachbearbeiter mit mehr als einer Tür zum Flur zu versehen, erklärt Sozialstadtrat Martin Matz (SPD). „Bei uns gibt es Zwischentüren zwischen den einzelnen Arbeitszimmern, sodass Mitarbeiter schnell zu den Kollegen dazukommen können.“ Die Hilfe der Kollegen sei besonders wichtig, denn im Notfall sei keine Zeit, um auf Wachdienst oder gar die Polizei zu warten. Zudem verfügen die Mitarbeiter der Jobcenter seit vielen Jahren auch über ein internes Notrufsystem, sagt Jobcenter-Sprecher Ebeling. Auch das müsse aber nur höchst selten benutzt werden.

Jobcenter-Leiter Andreas Peikert wünscht sich für brenzlige Lagen nicht weitere Sicherungsvorkehrungen – ihm erscheint es sinnvoller, wenn sich am Hartz-IV-System etwas ändern würde. „Mehr Transparenz und Einfachheit der Ansprüche würde helfen, manche schwierigen Beschlüsse und Sanktionsmaßnahmen verständlicher zu vermitteln“, sagt er. Das würde dazu beitragen, aggressive Stimmung zu vermeiden. Schließlich befinden sich Jobcenter auch in einer Sondersituation. „Unsere Kunden sind hilfebedürftige Menschen, die sich nur ans Jobcenter wenden können“, sagt Peikert. „Jemandem Hausverbot zu erteilen, der sich aggressiv verhalten hat, geht kaum.“