Neue Deutschlandhalle

Warum Berlin der Mut zu starker Architektur fehlt

Die neue Deutschlandhalle wird ein funktionaler Bau. Der Siegerentwurf eines Dresdner Architekturbüros ist eher schlicht und zurückhaltend. Bei vielen Berliner Architekten regt sich Widerstand: Der Stadt fehle der Mut zu herausragenden Bauten.

Der Zeitplan ist ambitioniert, die Architektur jedoch längst nicht so herausragend, wie es dem Nachfolgebau der denkmalgeschützten Deutschlandhalle angemessen gewesen wäre. Obwohl das Denkmal noch nicht abgerissen ist, soll die neue „kongresstaugliche Messehalle“ nach dem Siegerentwurf des Architektenwettbewerbs bis Ende 2013 realisiert werden. Die Dresdener „Code Unique Architekten“ planen einen funktionalen Bau, der mit seiner rechteckigen Form äußerlich keine Innovation verkörpert, aber die Jury überzeugte – sogar „einvernehmlich“, wie es heißt. Das überrascht angesichts vieler herausragender Entwürfe, die für den Wettbewerb eingereicht wurden und Morgenpost Online bereits vor der für Mitte Juni geplanten öffentlichen Präsentation vorliegen.

Punkte für das Innenleben

Offenbar punkteten die Sieger mit der Organisation des Innenlebens, das zwei Messehallen übereinander stapelt, und der Vorhangfassade aus Textilfaser mit LED-Matrix zur Projektion digitaler Bilder. Dennoch ist der Entwurf eher zurückhaltend. „Das ist ordentliche Architektur, ein Wahrzeichen wird das aber sicher nicht“, kommentiert ein Planer, der anonym bleiben will, die Wahl der Jury.

Uwe Hameyer wird deutlicher: „Berlin fehlt der Mut, herausragende Architektur zuzulassen“, sagt das Vorstandsmitglied des Architekten- und Ingenieurverein zu Berlin (AIV). Hameyer räumt ein, den Siegerentwurf für die neue Halle nicht detailliert zu kennen, doch er bezieht seine Kritik, wie er betont, „auch aufs Grundsätzliche. Aussagearmut hat in Berlin bessere Chancen als ein Gebäude mit Wahrzeichencharakter.“ Harte Worte. Der Architekt betrachtet diese Mutlosigkeit als „Nachwirkung der unter dem früheren Senatsbaudirektor Stimmann lange vorherrschenden Rasterhaltung“. Mit seiner Kritik steht Hameyer nicht allein.

Auch international renommierte Architekten wie der Wahlberliner J. Mayer H, der jüngst in der Altstadt Sevillas einen aufsehen erregenden skulpturalen Bau realisierte oder Daniel Libeskind vermissen frischen Wind in der Architekturszene der Hauptstadt.

Der Sprecher der landeseigenen Messe Berlin GmbH kann und will die Kritik – wie zu erwarten war – nicht teilen. Michael T. Hofer begrüßt das Ergebnis des Wettbewerbs für die neue Messehalle und bestätigt: „Wir wollten auch nichts übertrieben Auffälliges, weil das nur vom Gesamtbild der Messebauten ablenken würde. Deshalb passt dieser deutlich zurückhaltende Entwurf auch sehr gut auf das Messe-Areal.“

Ruf nach mutiger Architektur

Der Ruf nach mutigerer oder inspirierender Architektur, den sich vor dem Hintergrund der Debatte um das Hauptbahnhof-Umfeld jüngst sogar Regierungschef Klaus Wowereit (SPD) zu eigen machte, verhallt offenbar im Wohlklang der Worte. Doch warum? An mangelnder Auswahl liegt es ganz offensichtlich nicht. Es gab und gibt wie auch im Fall der neuen Messehalle durchaus Arbeiten, deren Realisierung die zeitgenössische Architektur beleben würden. Allen voran der Entwurf Zaha Hadids.

Die in London lebende gebürtige Irakerin folgt der Devise: „Es gibt 360 Grad, warum sollte man an einem hängen bleiben“. Mit den überaus expressiven Formen und Perspektiven ihrer Bauten sprengt die 60-Jährige denn auch die Konvention des Rechtecks und sorgt weltweit für Aufsehen. Auch Berlin hätte die Avantgardistin am Standort der Deutschlandhalle einen ungewöhnlichen Hingucker beschert. Hadids Entwurf für die Messe ist alles andere als ein nüchterner rechtwinkliger Zweckbau, sondern ein selbstbewusster Solitär.

Besondere Bedeutung dank prominenter Lage

Er wäre durchaus als zeitgenössisches Wahrzeichen oder gar Imageträger einer modernen Messe Berlin denkbar gewesen. Zumal der Halle schon allein aufgrund ihrer prominenten Lage besondere Bedeutung zukommt: sie ist für jeden, der über die Avus nach Berlin einfährt, weithin sichtbar. Warum also nicht mal das übliche Raster verlassen?

Vollkommen anders als Hadids schwungvoller Entwurf, aber auch durchaus eigenwillig ist die Arbeit des spanischen Architektenpaares Fuensanta Nieto und Enrique Sobejano, die auch in Berlin ein Büro haben. Die Geometrie ihres Baus, der von patinierter Aluminiumpaneele umgeben ist, erinnert an eine riesige Ziehharmonika – „ein stadtbildprägendes Gebäude“, wie die Architekten ihren Entwurf bezeichnen.

Enger Kostenrahmen

Frankreichs Star-Architekt Dominique Perrault wählt da schon eine konventionellere Formensprache. Seine Messehalle kommt formalistisch streng und rechteckig, aber auch ein wenig schräg daher. Die nach Süden gerichtete Fassade versieht er mit einem zusätzlichen schrägen Sonnenschutz, der auch wie die gesamte Außenhaut dank LED-Bändern als Medienfassade fungiert. Eine nicht ganz neue Idee, die sich auch der Siegerentwurf zu Nutze macht.

Dass neben der Mutlosigkeit mancher Juroren der Trend zur zurückhaltenderen Architektur aber auch ganz andere, profanere Gründe hat, bringt ein Online-User auf den Punkt. Er kommentiert im Internet-Forum von „Baunetz“: „Die ehrliche Beurteilung der Jury hätte lauten müssen: Wir haben kein Geld und der Entwurf wird wahrscheinlich am billigsten zu realisieren sein. Leider sieht er auch so aus!“ Bezirksbürgermeisterin und Jury-Mitglied Monika Thiemen (SPD) formuliert das etwas diplomatischer: „Es geht um einen Messebau, nicht um einen herausragenden Solitär, so etwas gab die festgelegte Bausumme von 65 Millionen Euro ja auch gar nicht her.“ Dieser zweckmäßige Siegerentwurf passe sich gut ein, betont die Politikerin, gesteht aber auch, „dass ich mir von meinem Geschmack aus durchaus etwas anderes hätte vorstellen können“.