City West

Warum die Cafés an den Kudamm zurückkehren

Modegeschäfte ersetzen Gastronomie: Das war lange Jahre Praxis am Kurfürstendamm. Immer weniger Cafés konnten sich die hohen Mieten leisten - für Textilketten kein Problem. Nun kehrt sich der Trend um.

Foto: Marion Hunger

10.30 Uhr am Kurfürstendamm Ecke Knesebeckstraße. Der Kellner wuselt durch leere Tischreihen vor dem Restaurant „Capone“, breitet schwungvoll weiße Tischdecken aus. Der Versuch, an einem der frisch gedeckten Tische Platz zu nehmen, wird jedoch umgehend vereitelt: Nein, einen Kaffee könne er nicht servieren, er sei allein und habe zu viel zu tun. Auch der Hinweis, dass das Restaurant im Internet mit Öffnungszeiten ab 10 Uhr werbe, hilft nicht. „Ein bisschen Servicewüste ist der Kudamm manchmal eben immer noch“, sagt Alexandra Elgert achselzuckend und weicht in einen Coffeeshop auf der anderen Straßenseite aus. „Doch angesichts der wachsenden Konkurrenz wird sich das ändern“, ist die Kudamm-Expertin überzeugt.

Ihre optimistische Einstellung schöpft Alexandra Elgert aus einem Zahlenwerk, das sie selbst zusammengestellt hat. Während die hohen Mieten an Berlins Prachtboulevard in der Vergangenheit dafür sorgten, dass immer mehr Cafés und Restaurants schließen mussten und an ihrer Stelle internationale Modefilialisten einzogen, wurde dieser Trend im vergangenen Jahr erstmals gestoppt. „Bei den Neueröffnungen gibt es erstmals deutlich mehr Gastronomie“, sagt die Kudamm-Expertin, die seit acht Jahren regelmäßig den Vermietungsstand an der Flaniermeile erhebt. Im März dieses Jahres schickte die 47-Jährige im Auftrag von Boether Realty Partner erneut Studenten los, um den kompletten Ladenbestand am Kurfürstendamm sowie der dazugehörigen Seitenstraßen zu erheben. Das Untersuchungsgebiet reichte vom Adenauerplatz im Westen bis zum Wittenbergplatz im Osten, von der Kantstraße im Norden bis zur Lietzenburger Straße im Süden.

Gastronomie holt auf

„Dabei ist deutlich geworden, dass die Gastronomie die Mode-Branche von ihrem seit Jahren angestammten ersten Platz verdrängt hat“, so Elgert. Vor allem in den Kudamm-Seitenstraßen. 470 gastronomische Einrichtungen (26,5 Prozent aller vermieteten Läden) wurden dabei erfasst. Bekleidung, Schmuck und Schuhe wurden dagegen in 438 Geschäften angeboten (24,7 Prozent). Insgesamt gibt es im Untersuchungsgebiet, so das Ergebnis der Erhebungsstudie mit dem Titel „RealtyFocus – Quartier Kurfürstendamm“, exakt 1943 Läden. 170 von ihnen stehen aktuell leer. Das sei jedoch kein besorgniserregendes Zeichen, so Elgert: „Meist handelt es sich um sanierungsbedingten Leerstand, weil der Kudamm im Jubiläumsjahr so dynamisch ist wie lange nicht mehr.“

Während Alexandra Elgert den Kurfürstendamm abschreitet, um die Arbeit der Studenten stichprobenartig zu kontrollieren, inspiziert Andreas Kernmayr die Bauarbeiten im Ladengeschäft am Kurfürstendamm 72. Kernmayr ist Prokurist der Kaffeehauskette Einstein. Im Juni soll die Filiale des Kaffeerösters auf der Höhe Adenauerplatz eröffnen und den unternehmensinternen Rückstand gegenüber der Ost-City etwas verkleinern. Denn während das Unternehmen an der Friedrichstraße in Mitte bereits drei Coffeeshops unterhält, wird das neue Geschäft erst das zweite am 3,5 Kilometer langen Kurfürstendamm sein. In der Gastronomie und auch bei den Kunden habe es eben nach dem Fall der Mauer jahrelang den Drang Richtung Osten gegeben. „Doch jetzt merkt man, dass der Kudamm wieder kommt, dass die Menschen, die in der Gegend wohnen, nicht mehr bereit sind, nur zum Essengehen nach Mitte oder Prenzlauer Berg zu fahren“, sagt Kernmayr.

Behäbigkeit im Service

Dass Anwohner und Touristen gleichermaßen mittlerweile internationalen Servicestandard erwarteten, hätten freilich noch nicht alle am Kurfürstendamm verinnerlicht. „Da gibt es manchmal noch eine gewisse Behäbigkeit“, sagt auch Christiane Anstötz, Marketing-Chefin im Swissotel am Kurfürstendamm. Doch es sei deutlich spürbar, dass sich das ändert. Anstötz steht auf der Dachterrasse des hauseigenen „Restaurant 44“ und zeigt Alexandra Elgert den Kräutergarten. Der duftende Garten in luftiger Höhe über der Kreuzung Kurfürstendamm und Joachimstaler Straße begeistert mit ausgefallenen Exoten wie Colakraut, Bananenminze, Snack Chilli, Tabasco Chilli oder Szechuan Pfeffer nicht nur die Besucher, sondern liefert Küchenchef Danijel Kresovic auch erntefrische Zutaten.

Wenn die Marketingchefin sich über die Brüstung lehnt, kann sie auf die Großbaustelle des exklusiven Waldorf Astoria schauen, das Ende dieses Jahres eröffnen soll – keine Frage, dass dort gewichtige Konkurrenz erwächst. „Das wird der gesamten Gegend noch einmal einen enormen Aufschwung geben, weil die Grand-Hotel-Marke interessante und sehr internationale Gäste in die City West holen wird.“ Das werde nicht ohne Auswirkungen auf das Umfeld bleiben, prognostiziert Anstötz. Denn eines der Hauptprobleme gerade am unteren Kurfürstendamm sei leider noch nicht behoben: „In einigen Abschnitten des Boulevards geht nach Ladenschluss das Licht aus.“

Da ist es sicherlich hilfreich, wenn im Waldorf Astoria, wie die Fachwelt munkelt, der französische Starkoch Pierre Gagnaire das Restaurant des Hauses leitet und mit dem Romanischen Café der in den goldenen Zwanzigern legendäre Künstlertreff wiederbelebt werden soll.

Ehrgeizige gastronomische Pläne hegen auch die Eigentümer des Haus Cumberland am Kurfürstendamm 193-194. Daran wird auch der Dachstuhlbrand vom vorvergangenen Freitag nichts ändern, versichert Miteigentümer Thomas Bscher. Durch Funkenflug eines Trennschleifers hatten unachtsame Bauarbeiter, nach den Ermittlungen der Polizei, den Brand im Dachgeschoss ausgelöst. Der altehrwürdige Gebäudekomplex, der zuvor jahrelang leer stand, wird derzeit aufwendig umgebaut. Neben 210 Wohnungen, sind fünf Ladeneinheiten geplant – und ein 500 Quadratmeter großes Restaurant, das nach dem Wunsch des Miteigentümers Thomas Bscher den Vergleich mit dem legendären Pariser „La Coupole“ oder dem Promi-Treff Borchardt am Gendarmenmarkt nicht scheuen muss. Mit Platz für 300 Gäste unter der imposanten, sechs Meter hohen Gewölbedecke und weiteren 120 Plätzen im ersten Hof soll das Restaurant im Cumberland ab Herbst 2012 das neue gesellschaftliche Zentrum im Berliner Westen werden. Im Auftrag Bschers sucht Alexander Kogge vom Maklerhaus Jones Lang LaSalle gerade nach geeigneten Betreibern. Die Resonanz sei erfreulich, ernsthafte Gespräche liefen derzeit mit vier Gastronomen. „Denen traue ich zu, das besondere Flair des ehemaligen Boarding-Palastes für ein unverwechselbares Restaurant zu nutzen“, so Kogge.

Ansiedlungshindernis

Ein echtes Ansiedlungshindernis aber bleibt bestehen: die hohen Ladenmieten. Die liegen mittlerweile bei bis zu 220 Euro pro Quadratmeter und Monat. „Für gastronomische Experimente oder gar Kino und Theater, die für eine weitere abendliche Belebung vorteilhaft wären, ist das sicherlich zu hoch“, sagt Kudamm-Expertin Alexandra Elgert. Deshalb würden sich die meisten Neueröffnungen auch in den Seitenstraßen konzentrieren: Während im vergangenen Jahr 28 Gastwirte ihre Lokale in den deutlich preisgünstigeren Nebenlagen ansiedelten, riskierten nur 17 direkt am Kudamm einen Neustart.