Jubiläum

Berliner Hauptbahnhof bleibt der Unvollendete

Schön, umstritten, futuristisch: Der Berliner Hauptbahnhof ist wie die Stadt selbst - ständig im Entstehen. Nun feiert er fünften Geburtstag. Morgenpost Online hat sich vor Ort umgesehen.

Fion und Shirley stehen auf der Rolltreppe zwischen den Ebenen Minus Eins und Null, dem Erdgeschoss. Die Fahrt dauert 36Sekunden, doch mit jedem Meter, den die beiden in Richtung Ausgang getragen werden, ändern sie ihre Blickrichtung, wie, um jedem Detail dieser Architektur gerecht zu werden. Die Fahrstühle bewegen sich wie durchsichtige Ballons nach oben und unten, die Sonne scheint durch das glitzernde Dach. Je weiter die Mädchen aus Hongkong fahren, umso heller, größer, weiter wird es um sie herum. Wie eine Kathedrale. „Okay, du hast nicht übertrieben“, sagt Shirley zu Fion. „Das hier ist wirklich sehr groß.“

Die beiden sind hohe Gebäude gewöhnt und gerade auf einer Deutschlandtour. Fion war schon öfter in Berlin, ist immer am Hauptbahnhof angekommen. „Es ist die beste Art, Berlin zu betreten“, sagt sie. Es sei eben eine Großstadt. Deshalb sollte der erste Blick nicht nach hinten, geradeaus oder auf den Boden gehen. Der erste Blick sollte sich immer nach oben richten.

Klaus Wowereit hat Berlin einmal als Visitenkarte Deutschlands bezeichnet. Wenn man so will, ist der Berliner Hauptbahnhof die Visitenkarte dieser Visitenkarte. Dass diese Tag für Tag auch schön glänzt, dafür sorgen rund 1000 Beschäftigte. Die sind auch nötig, kommen doch auch an diesem wie an jedem anderen Tag rund 300.000 Menschen hierher, eilen von morgens bis abends über 53 Rolltreppen durch die fünf Ebenen des Hauptbahnhofs, shoppen sich durch 80Geschäfte, warten auf einem der 647 Sitze oder steigen ein in einen von fast 1300 Zügen. Während Shirley und Fion den Bahnhof Richtung Innenstadt verlassen, kommt es an den Zugtüren der 14 Bahnsteige zu schönen und traurigen Szenen. Menschen umarmen einander, trennen oder treffen sich, lachen, schluchzen, winken. Mal laut, mal leise, mit oder ohne Rose, oft: unter Tränen. Das alles wird überall im Bahnhof vom Tageslicht gut ausgeleuchtet, unter der hohen Kuppel wirken diese Momente drastischer als sie vielleicht sind.

Damit der Berliner Hauptbahnhof die perfekte Kulisse für große Gefühle bleibt, achtet ein Mann auf die ganz kleinen Dinge. Thomas Hesse geht jeden Morgen durch einen der beiden Haupteingänge und kontrolliert Details. Funktioniert der Fahrstuhlknopf? Sind die Lautsprecher in Ordnung? Liegen Kaugummireste am Boden? Dieser Rundgang dauert mal fünf Minuten, mal eine Stunde. Es geht dabei auch darum, dass jeder der Mitarbeiter weiß, wer dieser Thomas Hesse ist, denn das Einzige, was ihn als Bahn-Bediensteten kenntlich macht, ist die kleine, rot-weiße DB-Anstecknadel. Aber Thomas Hesse wird erkannt, in den vier Jahren als Manager des Berliner Hauptbahnhofs hat er wohl jedem der Mitarbeiter die Hand geschüttelt. Seine Strategie ist die der „3S“ – Sicherheit, Sauberkeit und Service, wenn er das sagt, spricht der gebürtige Dresdner seinen ohnehin gemütlichen, weichen Dialekt noch etwas weicher. Hesse und der Bahnhof, sie gehören längst zusammen. Einige nennen ihn deshalb hier nur noch „Mister Bahnhof“. Schon die Art, wie er über die Blindenschrift an den Treppengeländern streicht, wie er versucht, mit den Händen vorzuführen, dass jeder Quadratmeter Boden im Hauptbahnhof ständig 20Tonnen Grundwasserdruck aushalten muss, all das zeigt, wie er Teil dieses Glas- und Stahlgebäudes geworden ist. „Hier funktioniert alles wie ein großes Uhrwerk“, sagt der 53-Jährige. „Ich bin nur ein Rädchen davon.“ Er ist keiner, der sich besonders wichtig nimmt.

Thomas Hesses Lieblingsplatz liegt auf der Ebene Minus Eins, in der Mitte des modernsten Bahnhofskreuzes Europas. Von dort hat er gleichzeitig einen Überblick auf die oberen und die unteren Gleise, kann dem Licht dabei zusehen, wie es sich auf alle fünf Etagen verteilt und wie die Menschen zielstrebig von Ebene zu Ebene laufen. Die sich ständig drehenden Rolltreppen erscheinen wie Angebote, von hier aus mit nur einem Schritt entweder nach Hamburg, Amsterdam, Budapest oder Kopenhagen zu reisen oder ins Berliner Regierungsviertel zu laufen. Wer diesen Platz als farblos bezeichnet, dem sagt Thomas Hesse: „Die Farbe kommt durch die Menschen hierher.“

Bahnhöfe, so sagen Psychologen, seien „Nicht-Orte“, weil sie nur ein Durchgangsraum sind, nie selbst das Ziel einer Reise. Das ist hier anders. Seit drei Jahren hat das Haus einen Fanclub, der fast täglich in einem Internettagebuch Neuigkeiten „zum aufregendsten Bahnhof der Welt“ zusammenstellt (www.berlinhauptbahnhof.wordpress.com). Längst steht das Gebäude als Tipp in Reiseführern, bietet Touren an – und es gibt Menschen, die einfach so herkommen, stehen und schauen. Die 21 Jahre alte Hannah Reischmann tut genau das. Die Berlin-Besucherin könnte an der Spree entlanglaufen, im Tiergarten in der Sonne sitzen, aber sie steht im Hauptbahnhof, Ebene Minus Eins, und schaut den Menschen zu, hört elektronische Frauenstimmen („Willkommen in Berlin Hauptbahnhof“) und Männerstimmen („Bitte achten Sie auf ihr Gepäck“). „Die Stimmung hier ist super“, sagt sie und schaut nach oben auf das gewölbte Dach. „Es ist seltsam, dass selbst hier noch so viel Tageslicht ankommt“, sagt sie. „Aber ich muss sagen, eine Sache fehlt mir: ein paar mehr Pflanzen könnten hier sein.“

Bahnhofsmanager Thomas Hesse ist offen für solche Tipps. Er sei es immer gewesen. Einen besonders kritischen Beschwerdebrief-Schreiber hat er persönlich zu einer Tour eingeladen. Als der Bahnhof am 26. Mai 2006 eröffnete, hagelte es viel Kritik. Da werde ein Bahnhof für mehr als eine Milliarde Euro gebaut, hieß es, ohne ausreichend Sitzgelegenheiten, ohne Gepäckfächer, ohne genug Platz für Reisende, die mit dem Auto zum Bahnhof gebracht werden. Inzwischen gibt es 400 Schließfächer im Parkhaus und um die Säulen auf den unteren Bahnsteigen wurden Stühle angebaut. Doch das Hauptproblem des Bahnhofes ist eines, das der Manager nicht beheben kann. Denn die Gegend ringsum ist noch immer eine Brache, so leer, als wäre die Mauer erst vor fünf Jahren gefallen.

Das hat zunächst mit der Entstehung des Bahnhofs zu tun. Nach dem Mauerfall waren sich Verkehrsexperten einig, dass Berlin als Hauptstadt einen leistungsfähigen Bahnhof braucht. Weder der Bahnhof Zoologischer Garten im Westen, noch der Ostbahnhof konnten die Kapazitäten und den Zugverkehr auf Dauer bewältigen. Planer von Bundesbahn und Reichsbahn entwickelten zusammen das „Pilzkonzept“: die Gleise am Nordring (der „Hut“) und der Stadtbahn (der „Krempe“) sowie den Neubau einer Nord-Süd-Verbindung (der „Stiel“). Die Planer merkten: Diese neue Nord-Süd-Achse trifft auf den Lehrter Bahnhof, dort war der ideale Ort für einen neuen Kreuzungsbahnhof im Herzen Berlins.

Doch dieses „Herz“ schlägt heute noch nicht im Takt einer Großstadt. Ringsum den Bahnhof sollen neue Stadtquartiere entstehen – bis heute ist bloß ein Bruchteil realisiert. Zu den wenigen Ergebnissen gehört ein Hotel in Kasten-Architektur. Manager Hesse ärgert das: „So stelle ich mir einen zentralen Ort in der Hauptstadt nicht vor.“ Er sieht hier aber den Berliner Senat in der Pflicht. Froh ist er nur, dass hier nicht das in Hamburg oder Köln übliche Umfeld von Junkies und Prostituierten entstanden ist. „Vielleicht ist es denen auch zu hell hier.“ Auch Gewalttaten wie sie in den U-Bahnhöfen der Stadt derzeit häufiger passieren, seien im Berliner Hauptbahnhof kein Problem.

Für Kunden aus aller Welt

Nachts, nach 23 Uhr, schließen die Geschäfte, bis auf zwei: Ein Fast-Food-Restaurant (Ebene Minus eins) und die Apotheke im Erdgeschoss. Während es in anderen deutschen Städten nur sogenannte Nacht-Notdienste gibt, liegt hier im Hauptbahnhof Deutschlands einzige 24-Stunden-Apotheke. Der Begriff Apotheke greift eigentlich zu kurz, musste Apothekerin Susanne Damer doch das Sortiment in den vergangenen fünf Jahren stark erweitern. Da hier ab dem späten Abend alle anderen Geschäfte geschlossen sind, verkauft sie auch Kämme und Bürsten, Schnuller und Babynahrung. Ihre Kollegen sprechen Griechisch, Akan und Arabisch, weil die Kunden eben aus Griechenland, Ghana und Ägypten kommen. So können Missverständnisse vermieden werden, zum Beispiel, weil sich die Tuben für Haftcreme und Zahnpasta so ähnlich sehen. „Ein Italiener kam kürzlich mit einem Erkältungsbad in den Laden und fragte, wie er das einnehmen soll!“, sagt Susanne Damer und lacht. Sie hat auch erlebt, dass Menschen kopfschüttelnd in ihrem Laden stehen, vor allem sonntags. „Es ist schwer verständlich“, sagt sie, „dass die Geschäfte am Flughafen Tegel geöffnet haben, aber am Hauptbahnhof nicht.“ Schon jetzt laufen sonntags bis zu einer halben Million Menschen durch den Bahnhof. Gerade wenn ab kommendem Jahr die Strecke zum Flughafen Schönefeld ausgebaut ist, werden sich die Reisenden wundern, was die Botschaft dieser „Visitenkarte Berlins“ sein soll.

Manager Thomas Hesse sieht auch hier den Senat in der Pflicht. Alle anderen Streitpunkte seien soweit geregelt. Das Dach etwa, das ursprünglich 430Meter lang geplant war und jetzt 321 Meter lang ist, wird nicht verlängert. Für den augenblicklichen Bedarf reiche diese Länge aus. Hesse sagt: „Kein Fahrgast muss im Regen aussteigen.“ Aus Sicht der Deutschen Bahn stehen die Mehrkosten von rund 70 Millionen Euro und der Aufwand (drei Monate Sperrung) in keinem Verhältnis.

Bahnhofsarchitekt Meinhard von Gerkan hält allerdings eine Komplettierung des Glasdachs nach wie vor für unbedingt notwendig. Nicht nur, weil sein ursprünglicher Architekturentwurf nicht vollständig verwirklicht wurde. Seiner Meinung nach kommt das Stummeldach Berlin teuer zu stehen. Unter anderem, weil durch den eingeschränkten Lärmschutz Grundstücke in der Umgebung nicht mehr für eine Wohnbebauung zur Verfügung stehen.

Ob Verlängerung oder nicht – am Wochenende wird der Hauptbahnhof bunt sein, dann wird sein fünfjähriges Bestehen groß gefeiert (siehe Kasten). Tausende werden erwartet, sie werden der Visitenkarte Berlins neue Farben hinzufügen. Auch Touristen wie Shirley und Fion aus Hongkong werden wieder vor Ort sein, für die der Bahnhof das ideale Tor ist, um in Berlin anzukommen. Mit Panoramablick auf die Hauptstadt. Was will man mehr?