Neue Defekte

S-Bahn hat selbst mit Frontscheiben Probleme

Seit fast zwei Jahren bietet die S-Bahn seinen Fahrgästen nur einen eingeschränkten Betrieb an – immer neue Defekte müssen behoben werden. Im Winter drohen weitere Einschränkungen.

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Scheinbar mühelos schiebt Bernd Leuschner das tonnenschwere Drehgestell durch die Halle. Bis ans Ende des Gleises. Dort wartet auf den 45-Jährigen die eigentliche Aufgabe. In einen seitlich montierten Sandbehälter wird Leuschner erst ein Loch so groß wie ein Zwei-Euro-Stück bohren und dann einen Sensor einbauen. Dann schweißt er noch einige Halterungen an, an denen Kabel befestigt werden.

Was einfach klingt, bedeutet für Leuschner viel Arbeit. Eine ganze Achtstundenschicht lang hat er gemeinsam mit drei Kollegen zu tun, um eine Zwei-Wagen-Einheit mit einer sogenannten Füllstandsanzeige für die Besandungsanlage auszurüsten. Später wird noch eine Funktionskontrolle hinzukommen. Diese ermöglicht es dem Triebfahrzeugführer im Führerstand zu kontrollieren, ob das wichtige Antiblockiersystem ordnungsgemäß funktioniert. Derzeit muss er für eine solche Kontrolle seinen Zug extra in die Werkstatt oder in eine spezielle Abstellanlage fahren, aussteigen und einmal komplett um den Zug herumgehen. Das kostet Zeit.

Dieser tägliche Sicherheitscheck der Bremsanlagen ist bei der S-Bahn nur eines von vielen Problemen, die dafür sorgen, dass die Bahntochter nun schon seit fast zwei Jahren nur einen eingeschränkten Zugverkehr anbieten kann. Die täglich mehr als eine Million Fahrgäste bekommen das jeden Tag zu spüren: In den Bahnen ist es oft rappelvoll, weil sie nur mit vier oder sechs statt mit acht Wagen unterwegs sind. Zudem kommen immer wieder Züge verspätet, oder Fahrten fallen gleich ganz aus. Zwei der insgesamt 15 S-Bahn-Linien – die S45 (Flughafen Schönefeld–Südkreuz) und S85 (Waidmannslust–Grünau) werden nunmehr schon seit 22 Monaten nicht mehr bedient. All das ist einem Grundproblem geschuldet: Die Berliner S-Bahn hat einfach zu wenige einsatzbereite Züge.

Mehr als 200 der insgesamt 650 aus je zwei Wagen bestehenden Viertelzüge der S-Bahn stehen vor und in den Werkstätten, weil Sicherheitschecks, Wartungs- und Reparaturarbeiten ausgeführt werden. Einerseits Folge von konstruktiven Mängeln, andererseits Ergebnis einer jahrelangen Sparpolitik der Bahn in ihrem Tochterunternehmen.

Am Fahrzeugmangel wird sich indes so schnell nichts ändern, wie S-Bahn-Chef Peter Buchner bei einem Vor-Ort-Termin in der S-Bahnwerkstatt Grünau einräumt. Er listet 16 verschiedene „Technikthemen“ auf, die neben der normalen Wartung der Züge in den insgesamt sechs S-Bahn-Werkstätten abzuarbeiten sind. Und immer wieder kommen überraschend neue Probleme hinzu. So haben jüngst Techniker festgestellt, dass bei Triebwagen der älteren Baureihe 480 die Frontscheiben nicht mehr sicher verklebt sind, sie können im Extremfall herausfallen. Zuvor war bei einem Ultraschalltest festgestellt worden, dass bei dieser Baureihe die Achsen eines bestimmten Typs rissgefährdet sind. Nun müssen also bei einem Großteil der Züge nicht nur die Radsätze, sondern auch noch die Frontscheiben erneuert werden. Doch Buchner sieht dazu keine Alternative. „Die Sicherheit unserer Fahrgäste ist die Grundlage unseres Geschäfts“, sagt der S-Bahn-Geschäftsführer. „Auch wenn das bedeutet, dass Fahrzeuge nicht so schnell wieder zur Verfügung stehen.“

Selbst kleine Angebotsverbesserungen wie die für Montag geplante Wiedereinführung eines Zehn-Minuten-Taktes auf der Linie S25 nach Teltow, hat Buchner verschoben, weil er dafür nicht ausreichend Züge hat. Aktuell stehen ihm nur 420 bis 430 Doppelwagen zur Verfügung, das sind zwei Drittel der gesamten Fahrzeugflotte. Bis Jahresende sollen es wieder 500 Viertelzüge sein. Die würden ausreichen, wieder alle Linien im Netz zu bedienen, allerdings weiterhin mit verkürzten Zügen.

Ob dieses Ziel erreicht werden kann, dafür will sich derzeit bei der S-Bahn keiner verbürgen. „Es sind zu viele Aufgaben gleichzeitig abzuarbeiten, und die Lieferanten von der Industrie kommen vielfach mit der Lieferung benötigter Teile nicht hinterher“, sagt ein S-Bahn-Manager. Für manche Probleme gibt es zudem auf dem Markt überhaupt keine technische Lösung. Dazu gehört etwa die Funktionskontrolle für die Besandungsanlage. Sie zeigt an, ob tatsächlich Sand, der die Bremswirkung erhöhen soll, auf die Gleise rieselt. Für die S-Bahn ein ganz existenzielles Problem. Funktioniert diese Anlage nicht, dürfen die Züge nur noch mit 60 km/h statt mit Tempo 80 fahren. Der normale Fahrplan lässt sich so auf vielen Strecken nicht mehr einhalten. Im vergangenen Winter setzte die S-Bahn daraufhin einen Schleichfahrplan in Kraft. Die Folge: Für viele S-Bahn-Kunden verlängerten sich die Fahrzeiten, etliche Anschlüsse waren so nicht mehr zu erreichen.

Probleme auch im nächsten Winter

Auch für den kommenden Winter kann S-Bahn-Chef Buchner Einschränkungen dieser Art nicht ausschließen. Zum einen, weil es bis dahin wohl nicht gelingen wird, rund 3000 Fahrmotoren auszutauschen. Bisher sind erst 1300 Motoren, die besonders anfällig bei Flugschnee sind, erneuert worden. Zweites Problem: Die Heizungen, die ein Einfrieren der Besandungsanlagen verhindern sollen, sind erst in der Ausschreibung. Ob diese noch in allen Zügen rechtzeitig eingebaut werden können, ist fraglich. Zudem gibt es für die neue Technik noch keine Zulassung durch das Eisenbahn-Bundesamt. Um keine Zeit zu verlieren, will Buchner „auf eigenes Risiko“ sofort mit dem Einbau beginnen.

Ungeachtet der anhaltenden Probleme hat die S-Bahn nach eigenen Angaben keine Kunden verloren. Im Gegenteil: Die Zahl der Abonnenten ist sogar von 164.000 im Vorjahr auf aktuell 180.000 gestiegen, ein Plus von zehn Prozent. Was aber auch an der „Entschuldigungsaktion“ der S-Bahn liegen dürfte, die den Stammfahrgästen zwei Freifahrtmonate bescherte.

Unter den S-Bahn-Mitarbeitern scheint jedoch langsam die Zuversicht zu wachsen. Denn die Bahn investiert wieder: allein 61 Millionen Euro in den Ersatz rissgefährdeter Achsen und Räder. Insgesamt liegen die Ausgaben für die Beseitigung aller Technikprobleme laut Buchner bei „deutlich mehr als 100 Millionen Euro“. Investiert wird aber auch beim Personal. Allein für die Werkstätten hat die S-Bahn 300 neue Mitarbeiter bekommen. Zu diesen gehört auch Bernd Leuschner, der im Juni 2010 als Zeitarbeiter nach Grünau kam. Inzwischen ist er fest eingestellt. Er ist überzeugt; „Wir bringen unsere S-Bahn wieder auf Vordermann.“