"Wer wird Millionär?"-Gewinner

Trotz 500.000 Euro bleibt er "Professor Knolle"

In der Quizsendung "Wer wird Millionär?"von Günther Jauch hat Christian Brückner 500.000 Euro erspielt. Trotzdem möchte er weiter Kartoffeln in Ludwigsfelde anbieten. Zwischen Wurst- und Sockenverkäufern denkt er über seine Rente, Olivenbäume und den Machu Picchu nach.

Heute muss er vergleichsweise leichte Fragen beantworten. Christian Brückner, Jauchs Quizshow-Gewinner, blickt auf den Mann mit dem Jutebeutel. „Welche Sorte eignet sich denn für Kartoffelsalat?“, will der Kunde wissen. Brückner blickt auf die vielen Knollen, die vor ihm, gut sortiert auf einem Holztisch liegen. Er greift zu drei gelblich schimmernden Exemplaren, an deren Pelle noch ein wenig Erde klebt. „Das ist die Sieglinde“, sagt Brückner. Es klingt fast liebevoll. Die Marktfrauen, die seit vielen Stunden nicht mehr von Brückners Stand weichen, nicken. „Das ist richtig, diese Sorte ist festkochend“, ruft eine.

Es ist Brückners erster Arbeitstag nach dem großen Sieg. Am Montagabend sahen 7,2 Millionen Zuschauer, wie der Potsdamer Kartoffelhändler bis zur letzten Frage vorstieß. „Ich werde es nicht lösen. Da müssen Sie auf einen Millionär verzichten“, sagte er zu Jauch – obwohl er die richtige Antwort gewusst hätte. Dem enttäuschten Publikum rief er zum Abschied noch das „Heult doch“ zu. Dann reiste er aus Köln zurück nach Potsdam, um 500.000 Euro reicher.

„Das ist eine Riesensumme“

Doch ändern will Brückner eigentlich nichts. Nur wenige Stunden nach dem Sieg hat er um zwei in der Früh schon wieder Einkäufe auf dem Großmarkt an der Beusselstraße erledigt. Jetzt bietet er seine Ware auf dem Wochenmarkt in Ludwigsfelde (Teltow-Fläming) feil.

Wie immer hat sich Brückner zwischen Wurst- und Sockenverkäufern postiert. Unter einer gelb-weißen Plane hat er Kartoffelkisten aufgereiht. Die feste Sieglinde, die mehlige Afra oder die Sorte Spunta bietet er feil. So viel Zulauf wie an diesem sonnigen Mittwochmorgen, das gibt Brückner zu, hatte er noch nie. Eifrig schaufelt er Knollen in Plastiktüten. Brückner hat schon damit gerechnet, dass neue Kunden kommen werden, weil sie ihn im Fernsehen gesehen haben. „Das ist gut fürs Geschäft“, sagt er. An diesem Tag wollen aber auch die Einheimischen den schlagfertigen Mann mit der Hornbrille besser kennenlernen.

An den Nachbarständen ist man etwas nervös. Die Backwarenverkäuferin von gegenüber vergisst den Streuselkuchen abzukassieren. Zwei Frauen von der Fleischerei zücken die Handys. Ein Foto von dem schlauen Brückner. Sie nennen ihn „Professor Knolle“, das haben sie in der Zeitung gelesen. Ein zupackender Mann, leider selbst in festen Händen. „Seit acht Jahren dieselbe Frau“, verrät eine Freundin der Familie. Der Brückner habe nicht nur von Kartoffeln eine Ahnung, sondern auch von Backwaren. „Früher stand er immer an der Kaufhalle, hat Torte und Gebäck verkauft“, erinnert sie sich. Deshalb nennt Ludwigsfelde ihn auch den „Kuchenchristian“.

Zwischen all den Neugierigen steht auch seine Mutter Bärbel Brückner. Eine kleine Frau mit kurzen, grauen Haaren, ihr anthrazitfarbenes Oberteil glänzt in der Sonne. Bärbel Brückner hat ihren Sohn in Ludwigsfelde großgezogen. Inzwischen wohnt er in Potsdam. Wenn er hier Kartoffeln verkaufe, sei sie auch oft da, sagt sie. Bärbel Brücker hat einen gewissen Bezug zur Landwirtschaft, 20 Jahre hat sie auf der LPG gearbeitet, zuletzt im Kuhstall. „500.000 Euro, das ist doch eine Riesensumme“, sagt sie.

Bis Montag habe sie den Sohn nicht erreichen können. Er sei einfach nicht ans Handy gegangen. So hat die Mutter am Montag erst erfahren, dass der Sohn jetzt reich wird. Wundern tut sich Bärbel Brückner nicht. „Er war schon immer schlau, wir sind alle schlau“, sagt sie. Das Geheimnis seines Erfolges? „Lesen, lesen, lesen“, sagt Mutter Brückner. Die zwei Bibliotheken in Ludwigsfelde habe der Christian schnell durchgehabt. Einige Semester habe er an der Uni Potsdam Geschichte studiert. Doch der Vater sei früh gestorben. „Der Junge musste neben dem Studium immer Geld verdienen, deshalb hat er irgendwann abgebrochen“, sagt sie. Jetzt mischen sich die Marktfrauen wieder ein: „Hätte er mal einen Abschluss gemacht“, sagt eine. Zuletzt hatte Christian Brückner sich um das Amt des Bürgermeisters beworben, doch damals gaben die Menschen in Ludwigsfelde ihm nicht genug Stimmen. Eine Marktfrau fordert, dass er noch einmal antritt. Mit seinem Fernsehauftritt sei er ihr persönlich näher gekommen, sagt sie.

Medienerfahrung konnte Christian Brückner die letzten Tage wohl genug sammeln. An seinem ersten Arbeitstag quetschen sich unzählige Journalisten auf dem kleinen Marktplatz in Ludwigsfelde. In Cargo-Hosen und ausgelatschten Treckingstiefeln steht Brückner vor den Kameras. Auf seinem schwarzen Shirt prangt unübersehbar sein Name. Brückner. So als ob das jetzt eine Marke wäre. Geduldig beantwortet er alle Fragen. Ob die Knollen gut fürs Gehirn seien, will ein Reporter wissen. „Sagen wir mal so, ich bin schlau trotz Kartoffeln“, sagt er. Die Marktfrauen klatschen.

Natürlich möchte jeder wissen, was er mit dem vielen Geld denn nun macht? Brückner gibt sich geerdet, wühlt demonstrativ in Kartoffelkisten, schwärmt von seinem 20-Jahre alten Peugeot, mit dem er über Brandenburgs Landstraßen zu den Äckern fährt. „Es gibt keinen neuen Wagen und den alten werde ich auch jetzt nicht waschen“, sagt er.

Brückner will das Geld anlegen. Vielleicht macht er noch eine Reise nach Peru, auf den Machu Picchu. „Da war ich zwar schon mal, aber ich habe nicht alles geschafft“, sagt er. Brückner, ein Mann mit Plan. Die meisten Ideen, die er noch umsetzen will, spinnt er mit seinem Partner. „Wir werden die nächsten Jahre unseren Handel voranbringen“, sagt Brückner.

Wasser für tunesische Olivenbäume

Ein weiterer Angestellter lächelt wissend. Es ist der Tunesier Bechir Jelali, der bei Brückner seit einigen Monaten aushilft. Auch Jelali hat Erfahrung mit der Landwirtschaft, allerdings ist ihm die Revolution dazwischen gekommen. Seine 50 Olivenbäume stehen in Sidi Bouzid, die hat er vom Vater geerbt. Das Problem: Die Bäume kriegen kein Wasser, weil viele Leitungen zerstört wurden. Brückner und Jelali planen, dort neue Wasserrohre zu verlegen. Sollte dieser Plan gelingen, dürfte es in Ludwigsfelde nicht nur gute Knollen, sondern auch das passende Olivenöl für einen Kartoffelsalat geben.