City-BKK-Pleite

So will die AOK das Wechselchaos bekämpfen

Seit der City-BKK-Pleite wird der Wechsel in eine andere Krankenkasse für Versicherte zur Odyssee. Mit "peinlichen Zuständen" macht nicht nur die AOK auf sich aufmerksam. Das soll sich jetzt ändern – mit besserem Service, ohne lange Wartezeiten und mehr Mitarbeitern.

Foto: David Heerde

Die Suche nach einer neuen Krankenkasse hat sich für viele Mitglieder der insolventen City-BKK bisher zur Odyssee entwickelt. Viele Kassen versuchten bisher, die vor allem älteren Menschen mit zum Teil unlauteren Methoden abzuwimmeln und an andere Kassen zu verweisen. Dort, wo dies nicht der Fall ist, mussten bislang stundenlange Wartezeiten in Kauf genommen worden. So hatten sich am Dienstag und auch Mittwochmorgen vor der zuständigen Geschäftsstelle der AOK in Weißenssee lange Schlangen gebildet. Die vor allem alten und teils gebrechlichen Menschen hatten mehrere Stunden warten müssen, um ihre Mitgliedschaft bei der AOK zu beantragen.

Für diese chaotischen Zustände hat sich der Chef der AOK Nord-Ost, Frank Michalak, jetzt entschuldigt. Es sei „peinlich“ und entspreche „nicht dem Geschäftsgebaren der AOK“, sagte Michalak. Die Kasse aber sei von dem Andrang überrascht worden. Aufgrund des Ansturms hat der AOK-Chef jetzt die Anzahl der Mitarbeiter in der Weißenseer AOK-Geschäftsstelle von elf auf 21 erhöht und die Öffnungszeiten auf täglich von 9 bis 15 Uhr ausgeweitet. Überdies können Mitglieder der insolventen BKK jetzt in allen Servicecentern der AOK ihren Antrag auf Wechsel zur AOK einreichen. Das teilte Michalak am späten Mittwochnachmittag mit. Bisher mussten die Betroffenen in die AOK-Geschäftsstelle Weißensee.

Anträge überall bei AOK möglich

Dort hatte sich bereits am Mittwochvormittag die Situation sichtlich entspannt. Nur am Morgen – noch vor Eröffnung der Geschäftsstelle der Charlottenburger Straße 27/28 – hatte sich eine Schlange gebildet. Gegen 12.15 Uhr aber, als Kuno Radke die Geschäftsstelle verlässt, sind dort mehr Journalisten als Antragsteller zu sehen. Der 81-Jährige aus Pankow, der mit seinem Rollator per Taxi angereist war, hatte sich eigentlich auf „chaotische Zustände“ gefasst gemacht. „Ich war dann aber angenehm enttäuscht. Es gab keine Schlange, ich musste nicht lange warten und konnte mich auch hinsetzen.“

Werner Steiner (80) aus Buckow war mit seiner Bekannten Gisela Sigrist bereits das dritte Mal in Weißensee. Eineinviertelstunde hatte er am Mittwoch mit der S-Bahn bis Weißensee gebraucht. Doch am Mittwoch hatte er keinen Anlass zur Klage. „Bei der AOK ging jetzt alles anstandslos.“ Noch am Dienstag hatten beide in einer 150 Meter langen Schlange gestanden.

Um die Situation zu entschärfen, weist AOK-Sprecher Christian Jacob darauf hin, dass bei der Antragstellung nicht Eile geboten ist. „Die BKK-Betroffenen, die wechseln müssen, haben bis zum 14. Juli Zeit, ihren Antrag zu stellen. Niemand muss Angst haben, nicht versichert zu sein“, so Jacobs. Auch, wer es bis zum 14. Juli nicht schafft, werde dann entweder von seinem Arbeitgeber oder dem Rentenversicherer angemeldet – allerdings könne er sich dann nicht mehr die Kasse aussuchen.

Hotline für Betroffene bei Verbraucherzentrale

Bisher hat die AOK nach eigenen Angaben mehr als 4000 Mitglieder der BKK aufgenommen. Am Mittwoch hätten allein 1000 Briefe und Postkarten von BKK-Mitgliedern die AOK erreicht.

Bei der Verbraucherzentrale, die extra eine Hotline für Betroffene geschaltet hat, gingen am Mittwoch zahlreiche Beschwerden über Krankenkassen ein. So seien Rentner mit dem Hinweis, dass nur Angestellte aufgenommen werden würden, von Kassen abgewimmelt worden, berichtet Susanne van Cleve, Sprecherin der Verbraucherzentrale. Andere Kassen hätten unzulässig Rentenbescheide seit Beginn der Rentenzahlungen verlangt. „Die Beschwerden richteten sich gegen die Barmer Ersatzkasse, die KKA, BKK VDU. Einem Anrufer wurde von der Hanseatischen Ersatzkasse mitgeteilt, dass man Mitglieder nur bis zu einem Alter von 50 Jahren aufnehme“, berichtet van Cleve. Bei der HEK hieß es auf Nachfrage, dass „diese Antwort niemals von uns gekommen ist“. „Wir sind schließlich gesetzlich zur Aufnahme verpflichtet“, so HEK-Sprecherin Birgit Riegel.

Skandalöser Umgang

In Berlin ansässige Krankenkassen wie die Barmer GEK, Techniker Krankenkasse, AOK Nordost und die Deutschen Angestellten Krankenkasse erklärten indessen, sie würden alle Versicherten der City BKK aufnehmen.

Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi nannte den bisherigen Umgang mit den Versicherten und Beschäftigten der City BKK „skandalös“.

Die Verbraucherzentrale rät allen Betroffenen, die abgewimmelt werden, sich schriftlich bei der Geschäftsleitung der entsprechenden Kassen zu beschweren und eine Kopie an die Verbraucherzentrale und das Bundesversicherungsamt, der Rechtsaufsicht der Kassen, zu senden. Das Potsdamer Gesundheitsministerium schaltete indessen eine Hotline (0331/8667700) für Mitglieder der BKK. Das Angebot richtet sich an Betroffene, die zur AOK Nordost, zur IKK Brandenburg und Berlin oder zur brandenburgischen BKK wechseln wollen, sagte Ministerin Anita Tack (Linke) am Mittwoch im Potsdamer Landtag. Für diese Kassen sei das Ministerium die Aufsichtsbehörde.

80.000 Berliner betroffen

Angesichts der Schwierigkeiten hat der neue Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) Zeitungsanzeigen in Berlin und Hamburg schalten lassen. Die Annoncen sollten dazu dienen, die Mitglieder der City BKK über ihre Rechte aufzuklären, teilte das Ministerium am Mittwoch mit. Unter anderem versichert das Ministerium, dass jeder der rund 168.000 Versicherten der City BKK Anspruch darauf habe, in eine Kasse seiner Wahl einzutreten. „Die gewählte Krankenkasse darf Ihren Antrag auf Mitgliedschaft nicht abweisen“, heißt es in der Anzeige.

Die City BKK wird zum 1. Juli geschlossen, allein in Berlin brauchen rund 80.000 Menschen einen neuen Versicherungsschutz.