U-Bahn-Überfall

Nach 100 Tagen - Marcel R. verlässt die Klinik

U-Bahn-Schläger hatten den Berliner Marcel R. ins Koma geprügelt. Dass er heute wieder sprechen und laufen kann, grenzt an ein Wunder. Auch wenn sein Gedächtnis langsam zurückkehrt – an den brutalen Überfall hat er keinerlei Erinnerungen.

Foto: Michael Brunner

Nach mehr als drei Monaten im Unfallkrankenhaus Marzahn kann der 30-jährige Marcel R. Ende dieser Woche entlassen werden. Geheilt ist er dann noch lange nicht. Aber dass er nach dem brutalen Überfall auf dem U-Bahnhof Lichtenberg und seinen schweren Verletzungen überhaupt wieder sprechen und laufen kann, ist schon fast ein Wunder.

Am Abend des 11. Februar waren auf dem U-Bahnhof vier Jugendliche über den Malergesellen hergefallen, hatten ihn zusammengeschlagen und auf den Kopf getreten, als er schon am Boden lag. Das Opfer erlitt ein schweres Schädel-Hirn-Trauma, ein Teil der Schädeldecke musste entfernt werden, drei Wochen lang lag Marcel R. im künstlichen Koma.

Als er wieder zu sich kam, konnte er weder sprechen noch aufrecht sitzen – geschweige denn laufen. Im Unfallkrankenhaus Marzahn wurde sofort mit der neurologischen Frührehabilitation begonnen. „Ganz wichtig ist dabei die genaue Diagnose, welche Funktionen eingeschränkt sind. Die müssen dann gezielt trainiert werden. Je früher, desto besser“, sagt Ingo Schmehl, Chefarzt der Neurologie im Unfallkrankenhaus Marzahn. Ein Team von Physio-, Ergo- und Sprachtherapeuten sowie Neuro-Psychologen kümmert sich seitdem um Marcel. „Sein junges Alter kommt ihm zugute. Aber dass er sich so schnell so positiv entwickelt, hätten wir nicht gedacht“, sagt Chefarzt Ingo Schmehl. Geholfen haben Marcel auch sein Lebenswille und die Unterstützung von Mutter und Schwester. „Ich will wieder gesund werden“, sagt er mit fester Stimme.

Marcels Sprachfähigkeit hat sich deutlich gebessert, die halbseitige Lähmung des Körpers ist völlig zurückgegangen, er kann allein laufen – wenn auch langsam –, und auch die feinmotorischen Fähigkeiten sind fast wieder hergestellt. Durch die schwere Schädigung der linken Hirnhälfte sind seine Fähigkeiten zur Wahrnehmung und Konzentration beeinträchtigt. Im Anschluss an die intensive neurologische Frührehabilitation folgt nun eine mehrwöchige Heilbehandlung in einer Kurklinik.

Marcel zieht erst mal zur Schwester

„Ich freue mich so, endlich aus dem Krankenhaus zu kommen“, sagt Marcel R. Erst einmal wird ihn seine Schwester Katja aufnehmen, die aber schon auf der Suche nach einer neuen Wohnung für ihren Bruder ist – möglichst nahe bei Mutter und Schwester. Marcel wird selbstständig leben und alle alltäglichen Dinge verrichten können. „Er wird auch wieder in der Lage sein zu arbeiten“, bestätigt der Neurologe Ingo Schmehl. Das ist Marcels sehnlichster Wunsch. Am liebsten möchte er zurück in die Firma, bei der er zuletzt gearbeitet hat. Bis dahin ist es allerdings noch ein langer Weg. Nach der Kur folgt für mindestens ein halbes Jahr die ambulante Rehabilitation. Hinzu kommt kontinuierliches Sprachtraining, um die Leistungsfähigkeit des Gehirns zu erhalten.

Sein Gedächtnis kehrt langsam zurück, aber an die Tat selbst hat er keine Erinnerung. Doch er weiß, dass viele Menschen an seinem Schicksal Anteil nehmen und für ihn gespendet haben – dafür ist er sehr dankbar. Nach dem Überfall hatte die Berliner Morgenpost mit ihrem Verein Berliner helfen und dem Radiosender 104.6 RTL eine Spendenaktion für Marcel gestartet. Mehr als 55.000 Euro sind bisher zusammengekommen. Das Geld soll ihm bei der Rückkehr in ein normales Leben helfen – auch wenn es nie wieder so sein wird wie vorher.

Es war der Fall Marcel R., der das Thema Gewalt in U-Bahnhöfen und Zügen wieder stärker ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gebracht hat. Nach dem brutalen Überfall auf ihn gab es weitere spektakuläre Fälle. Zuletzt sorgte der 18-jährige Torben P. aus Reinickendorf für Schlagzeilen. Der Schüler hatte Ende April im Bahnhof Friedrichstraße einen 29-Jährigen mit Schlägen und Fußtritten gegen den Kopf derart verletzt, dass die Staatsanwaltschaft Anklage wegen versuchten Totschlags erhob.

Neues Sicherheitskonzept mit Schwächen

Obwohl die Zahl der Straftaten im öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) in den vergangenen fünf Jahren um mehr als 20 Prozent zurückgegangen ist, hat auch die Berliner Polizei erkannt, dass brutale Einzeltaten immer wieder zu einer Beeinträchtigung des Sicherheitsgefühls der Bevölkerung führen. So wird es in einer Einsatzanordnung der Behörde formuliert, die der Berliner Morgenpost vorliegt. Eine Intensivierung der polizeilichen Maßnahmen sei daher geboten, heißt es in dem Behördenpapier weiter.

Seit einigen Tagen wird jetzt ein neues Konzept zu mehr Sicherheit in Bahnhöfen und Zügen umgesetzt – durch verstärkte Polizeipräsenz. Beteiligt sind die Direktion Zentrale Aufgaben mit ihren Bereitschaftspolizeiabteilungen und die sechs örtlichen Direktionen, die in Absprache mit der BVG Kräfte abstellen sollen. Die Schwerpunkteinsätze sollen sich dabei an Lagebildern orientieren, in denen Tatorte und Tatzeiten von Gewaltdelikten aufgelistet sind.

Die „Einsatzanordnung zur Erhöhung der Präsenz im ÖPNV“ weist aber auch auf die Schwächen des Konzeptes hin. So soll die angekündigte weitere Intensivierung der Polizeipräsenz „im Rahmen der Möglichkeiten“ erfolgen. Die Einsatzanordnung sieht weiterhin vor, dass geschlossene Einheiten der sogenannten Landeseinsatzreserve bis auf Weiteres täglich in der Zeit von 18 Uhr bis 6 Uhr ausschließlich Kriminalität im U-Bahnnetz bekämpfen – „soweit keine anderen ad hoc Einsätze auf Weisung des Lagezentrums durchzuführen sind“.

Korrektur der bisherigen Politik

Das heißt im Klartext: Die zusätzlichen Streifen in U-Bahnhöfen und Zügen werden dort nur so lange aktiv, wie sie nicht anderweitig gebraucht werden. Genau das passierte bereits in der zweiten Nacht nach dem Start (wir berichteten). Und Kritiker des Konzeptes befürchten, dass sich das angesichts der Personalsituation bei der Berliner Polizei wiederholen wird. Entsprechend harsch fallen die Urteile bei den Oppositionsparteien CDU („ungedeckter Scheck in die Zukunft“) und FDP („Nullnummer“) aus.

Sorgen bereitet vielen Polizeibeamten, dass die Landeseinsatzreserve die Hauptlast der Streifen im ÖPNV bestreiten soll. Die Einheit wurde eigentlich geschaffen, um im Notfall Funkwagenbesatzungen und Gruppenstreifen bei heiklen Einsätzen zu unterstützen. „Wenn die nicht bereitstehen oder erst von sonst wo herkommen müssen, ist das schon ein mulmiges Gefühl“, sagte ein im Brennpunkt-Kiez Neukölln-Nord eingesetzter Beamter. Ein Punkt, den auch FDP-Innenexperte Björn Jotzo bemängelt.

Positiver bewertet hingegen Thomas Kleineindamm, Innenexperte der SPD-Fraktion im Abgeordnetenhaus, das neue Sicherheitskonzept. Die Aufstockung von Personal im ÖPNV sei auch eine gewisse Korrektur der bisherigen Politik – nachdem der Personaleinsatz zuletzt stetig zurückgefahren worden sei. Dieses Umdenken sei zu begrüßen, sagte Kleineidamm. Auch sein Kollege von den Grünen, Benedikt Lux, beurteilt den Willen des Senats, mehr Personal von BVG und Polizei für mehr Sicherheit einzusetzen, positiv.