Bürgerinitiativen

Wie die Berliner ihre Stadt schöner machen

Sie reparieren Häuser, pflanzen Blumen oder engagieren sich kulturell: Die vielen Berliner Bürgerinitiativen setzt sich auf unterschiedlichste Weise für ihren Kiez ein. Morgenpost Online stellt fünf von ihnen vor.

Foto: David Heerde

Nicht erst seit Stuttgart 21 wollen die Bürger mitreden, wenn es um Entscheidungen vor ihrer Haustür geht. Gerade in der Hauptstadt engagieren sich Initiativen und Vereine mit langer Tradition ehrenamtlich. Sie pflegen Grünflächen, gießen Bäume, pflanzen Blumen, übermalen Graffiti auf Bänken wie im Lietzenseepark – und gestalten ihre Stadt ideenreich mit Beharrlichkeit und eigener Initiative. Mit viel Einsatz engagieren sie sich auch im sozialen Bereich, schaffen Orte der Kultur. Morgenpost Online stellt beispielhaft fünf Projekte vor, mit denen sich Berliner in ihrem Kiez starkmachen für die Gemeinschaft. Dabei werden sie unterstützt von den Behörden, oft genug müssen Bürger diese aber auch mahnen, wenn etwas nicht funktioniert.

  • Für Naturschutz in Frohnau

ÜSelbst im grünen Frohnau fernab der City-Hektik ist das nötig. Der Bürgerverein in der Gartenstadt mit seinen 80 Mitgliedern hat sich zum Ziel gesetzt, die historische Gründungsidee der 100 Jahre alten Gartenstadt, die als Unikat gilt, zu bewahren. „Infrastruktur, Architektur und die ganze Gestaltung sind als harmonisches Ganzes konzipiert. Das soll auch so bleiben“, sagt Hans-Peter Lühr. Als Experte für Wasserwirtschaft setzt er sich dafür ein, dass die Idee der einstigen Gartenstadterbauer, Regenwasser am Ort des Niederschlags versickern zu lassen, weiterverfolgt wird. Das Niederschlagswasser fließt über die breiten Straßen und die nicht komplett versiegelten Gehwege überwiegend noch zu den 21 Versickerungsteichen an den tiefsten Punkten des Ortsteils.

Weil der Bezirk jedoch in Absprache mit den Wasserbetrieben in manchen Straßen –wie auch künftig in der Alemannenstraße vorgesehen – Rohrleitungen für die Regenkanalisation verlegt, fürchtet der Bürgerverein um die Zukunft der Frohnauer Teiche. Das Wasser fließe zwar weiterhin über die Rohre in die Teiche, werde aber nicht mehr durch den Boden gefiltert. Die Folge sei, dass die Teiche verschmutzten. „Auch das kleingliedrige Pflaster, über das das Wasser langsam versickert, fehlt schon an vielen Stellen“, beobachtet Lühr mit Sorge. Um den Siedlungscharakter von Frohnau zu bewahren und behutsam für die Zukunft weiterzuentwickeln, will der gebürtige Lübecker, der 1974 nach Frohnau zog, zusammen mit dem Naturschutzbund deshalb jetzt ein Forschungsvorhaben auf den Weg bringen. „Wir werden Flugblätter verteilen und die Frohnauer auf einer Informationsveranstaltung aufklären“, kündigt der 69-jährige Professor für Wasserwirtschaft an.¯

  • Nachbarschaftshaus für Heinersdorf

Auch in Heinersdorf gibt es bürgerschaftliches Engagement. An der Romain-Rolland-Straße 112 wurde mithilfe der Zukunftswerkstatt Heinersdorf ein ehemaliges Apothekengebäude in ein Nachbarschaftszentrum verwandelt. Der Verein hat das ungenutzte Gebäude in den vergangenen Monaten um- und ausgebaut. Ende März war die festliche Eröffnung. „Bis auf Kleinigkeiten ist alles fertig“, sagt Mitarbeiterin Doreen Stock. Das Haus gehört der Gesobau. Eine Gruppe von 15 bis 20 Helfern, meist Vereinsmitglieder, hat viele Arbeiten selbst durchgeführt, auch in Einsätzen am Wochenende. Alte Böden wurden herausgerissen und durch neue ersetzt, die Wände verputzt und gemalert sowie eine Rampe für Rollstuhlfahrer und eine behindertengerechte Toiletten eingebaut.

Für den Umbau stellte die Stiftung der Deutschen Klassenlotterie Berlin 67.500 Euro bereit. Miete und Betriebskosten bezahlt künftig das Bezirksamt Pankow. Das Nachbarschaftshaus des Vereins war früher an der Berliner Straße untergebracht. „Durch den neuen Standort sind wir in Heinersdorf stärker präsent“, sagt Doreen Stock. Die neuen Räume sind größer und besser ausgestattet als die alten. Ganz in der Nähe liegt ein Spielplatz. Das Nachbarschaftshaus ist ein Treff für alle Generationen. Besonders gefragt sei der Handarbeitskursus für Kinder, erzählt Doreen Stock. Es gibt Musik-, Yoga-, Tanz- und Pilateskurse, einen Schülerklub sowie ein Eltern-Kind-Café. Der Verein engagiert sich auch im Kiez. So hat er in den vergangenen Jahren den Bolzplatz an der Romain-Rolland-Straße saniert. Die Zukunftswerkstatt nutzt den Platz für Fußball und Volleyball. Im Juli 2011 ist in Dorffest geplant, im September der Heinersdorfer Viertelmarathon.

  • Friedenauer retteten Kirche

Dank einer engagierten Rettungsaktion der Gemeinde kann die Philippus-Kirche in Friedenau instand gesetzt werden. Das Gotteshaus an der Stierstraße ist seit Pfingsten 2010 gesperrt. Das Dach droht infolge von Winterschäden einzustürzen. Die Leimverbindungen zwischen den Holzstreben haben sich aufgelöst. Die Kosten für ein neues Dach wurden auf circa 450.000 Euro veranschlagt. Die Landeskirche und der Kirchenkreis Berlin-Schöneberg wollen zusammen 150.000 Euro beisteuern.

Ein Drittel der Gesamtsumme wird die Philippus-Nathanael-Gemeinde aus eigenen Rücklagen aufbringen. Weitere 150.000 Euro hat eine groß angelegte Spendensammlung erbracht. Die Christen sind auf die Suche nach Sponsoren gegangen und haben Benefizkonzerte organisiert. Die Förderergemeinschaft der Kirche und der Opernsänger Hanno Müller-Brachmann engagierten sich. Eine Stiftung und eine Bank gaben Geld dazu. Jetzt läuft der Countdown für das neue Dach. „Die staatliche und die kirchliche Baugenehmigung sind erteilt“, sagt Gemeindmitglied Klaus Wittmann, der die Rettungsaktion koordiniert hat. Nun werden die Aufträge ausgeschrieben. Im Juni oder Juli sollen die Bauarbeiten beginnen. „Wir hoffen, dass wir bis Weihnachten wieder ein Dach haben.“ Bis dahin wird der Gottesdienst im benachbarten Gemeindehaus gefeiert.

Die Gemeinde ist an der großen Aufgabe gewachsen, der sie sich gestellt hat. Die Befürchtung, dass das rege Leben mit vielen Gesprächskreisen und Chören beeinträchtigt würde, weil die Kirche gesperrt ist, hat sich nicht bewahrheitet. Auch der Versuchung, den einfacheren Weg zu gehen, hat die Gemeinde nicht nachgegeben: Der Abriss der Kirche wäre die preiswertere Lösung gewesen. Er hätte nur etwa 380.000 Euro gekostet. Die Philippus-Kirche ist 1962 erbaut worden und hat eine Altarwand aus blau-grünem Glas. Der Entwurf stammt vom Architekten Hansrudolf Plarre. Er belegte den zweiten Platz bei der Ausschreibung für die Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche.

  • Obstbäume für Kreuzberger Park

Die Kreuzbergerinnen Rahel Schweikert und Claudia Spiller hatten die Idee: Eine Wiese mit Obstbäumen im Görlitzer Park. Anwohner pflanzen, pflegen und ernten. „Wir wollten Nachbarn für ein nachhaltiges Projekt zusammenbringen“, sagt die Musikpädagogin Schweikert. Die Idee ist Wirklichkeit geworden. Jedenfalls zu einem Teil. Die beiden Frauen haben sich umgehört, wer Interesse hat. Haben Plakate aufgehängt und mit einem Dutzend Interessierter seit Herbst 2010 geplant. Ende März hat die Initiative acht Apfelbäume im „Görli“ gepflanzt. „Alles alte Sorten“, erzählt die 42-jährige Rahel Schweikert. Sie heißen Wintergoldparmäne, Brettacher Gewürzapfel, Zabergäurenette, Schöner aus Herrnhut, Jakob Fischer, rotgestreifte gelbe Schafsnase, Kaiser Wilhelm und Rote Walze. „Die Bäume sind angewachsen und tragen Blätter“, sagt Schweikert. „Jetzt kommt es darauf an, sie gut zu pflegen.“ Es gebe eine Gruppe von etwa 20 Leuten, die sich mit dem Gießen abwechseln. Das ist fast eine Zeremonie. Eine große Tonne auf Rädern, die 100 Liter aufnimmt, wird zum nahe gelegenen Kinderbauernhof gerollt. Dort pumpen die Baumpfleger Wasser ins riesige Gefäß und karren es zu den Bäumen.

„Es wird drei bis vier Jahre dauern, bis sie wirklich Früchte tragen.“ Die Apfelbäume stammen aus einer Baumschule in Eberswalde. Sie wurden mit Spenden und Mitteln des Quartiermanagements bezahlt. Auch das Grünflächenamt hat die Pflanzaktion unterstützt. Und eine Fortsetzung ist schon angedacht. „Aber erst 2012, wenn die Wege um den einstigen Pamukkale-Brunnen fertig sind.“ Dann sollen weitere Obstbäume gepflanzt werden. Vorgesehen sind insgesamt 20 bis 30 Stück. Es gebe eine Liste von 150 Menschen, die sich für das Vorhaben im Görlitzer Park interessieren und bereit sind, mitzumachen, sagt Rahel Schweikert. Sie würden über die Fortschritte bei der Begrünung des Görlitzer Parks auch mittels des Internets informiert. Die Netz-Adresse: www.obstbäume-im-görli.de.¯

  • Stadtreparatur in Wilmersdorf

Auch am Bundesplatz stehen die Zeichen auf Veränderung. 101 Mitglieder zählt die Initiative, die sich vor einem Jahr gegründet hat, um den Platz und das Stadtquartier rund um die Bundesallee zu verschönern. Viele Details sind schon notiert. „Die Leitplanke an der Grünanlage mitten in der Innenstadt ist doch absurd. Die alten Menschen im Caritasheim können die Straße zur Kirche nicht überqueren, sondern müssen einen Riesenumweg in Kauf nehmen“, nennt Vereinsvorsitzender Wolfgang Severin nur eines von vielen Beispielen. Der 62-jährige Unternehmensberater hat zusammen mit der Uni Weimar und Studenten der TU ein städtebauliches Projekt initiiert, bei dem visionäre Entwürfe für den Bundesplatz entstanden sind.

Zu sehen sind die Entwürfe im Amerikahaus an der Hardenbergstraße noch bis zum 22. Mai, mittwochs bis freitags 15 bis 18 Uhr und am Wochenende 11 bis 18 Uhr. Auf dem Bundesplatz, wo das Gras kniehoch wuchert und viele überflüssige Relikte der 60er-Jahre dafür sorgen, dass höchstens Hundehalter ihn benutzen, muss noch viel geschehen. Immerhin hat der Bezirk schon 3000 Euro aus Stiftungsmitteln zur Verfügung gestellt, damit wenigstens einige Ideen der Bürger umgesetzt werden können. Auch das Verkehrsproblem wollen die Anwohner thematisieren. Nach ihrer Beobachtung nimmt der Ost-West-Verkehr in der Umgebung des Bundesplatzes seit Jahren zu.

Während Wexstraße und Detmolder oft mit Autos verstopft sind, ist der Tunnel in Nord-Süd-Richtung nur mäßig befahren – Hoffnung, dass der Tunnel als Relikt einer autogerechten Stadt aus den 60er-Jahren eines Tages doch noch geschlossen werden könnte. „Der Verkehr quält sich an unserem Quartier vorbei, der Tunnel bringt da gar keine Entlastung“, sagt Schatzmeister Friedrich Berghald. Der 64-Jährige hat bis zu seiner Pension im Bundesministerium der Finanzen gearbeitet und dadurch beste Voraussetzungen, in der Initiative den Posten des Schatzmeisters auszuführen. Bis zu 40 Aktive treffen sich jeden ersten Dienstag im Monat von 20 bis 22 Uhr im Bistro der Caritas an der Ecke Tübinger Straße. Interessenten sind jederzeit willkommen. Informationen gibt es im Internet unter: www.initiative-bundesplatz.de