Märchen

In der Schatzkammer der Brüder Grimm

Die Bücher der Märchenautoren Jakob und Wilhelm Grimm werden nach und nach in einer Buchbinderei in Spandau restauriert. Das ist recht aufwendig - die Bibliothek sucht Buchpaten.

Foto: Sergej Glanze

Mit den Schätzen in Märchenbüchern ist es oft so, dass sie sich an dunklen Orten befinden, an Plätzen, die versteckt sind und nur schwer zu erraten. Ähnlich verhält es sich mit dem größten Schatz des Berliner Grimm-Zentrums, der Bibliothek der Humboldt Universität. Um hier einen Schatz zu finden, müssen die Besucher bis hinauf in den sechsten Stock des im vergangenen Jahr eröffneten Gebäudes beim Bahnhof Friedrichstraße. Dort hilft – auf Anfrage – Elke Peschke bei der Suche nach dem Schatz weiter. Die Leiterin der historischen Sammlungen der Grimm-Bibliothek hat eine Chipkarte, mit der sie Besucher durch die Gänge bringt. Bis zu einer Stahltüre in einem dunklen Flur neben dem Forschungslesesaal. Hinter der eher unauffälligen Tür verbirgt sich die Bücherei der Brüder Jakob und Wilhelm Grimm. 6000 Bücher umfasst die Arbeitsbibliothek der berühmten Märchenautoren, die etwa die Geschichten von „Schneewittchen und den sieben Zwergen“ und „Rapunzel“ verfasst haben. 1840 sind die Brüder nach Berlin gezogen, um hier zu lehren und zu forschen.

In den Raum hinter der Stahltüre darf nicht jeder. „Ich achte darauf, dass nur einmal wöchentlich Leute durch geführt werden“, sagt Elke Peschke. Zuviel Besuch schade dem Raumklima. Die Sammlung der gelehrten Brüder wird nämlich bei 18 Grad Celsius und etwa 70 Prozent Luftfeuchtigkeit aufbewahrt. Damit die alten Werke erhalten bleiben, darf das Klima im Raum nur geringfügig schwanken. Kommen viele Besucher, steigt die Luftfeuchtigkeit schnell an.

Doch heute darf die Bibliothek betreten werden. Elke Peschke hält ihre Magnetkarte an den automatischen Öffner neben der Tür aus Stahl. Dann geht die Tür zur Schatzkammer der Grimms auf. Zu sehen sind Regale aus dunklem Metall, in denen die alten Bücher in Reih und Glied stehen. Es ist sehr eng und etwas muffig. Eine aromatische Mischung aus Leder und Staub steigt in die Nase. „Hier stehen sie“, sagt Elke Peschke. Die Bücher der Brüder Jakob und Wilhelm Grimm.

Eine Signatur der Bibliothek auf dem Rücken der Bücher verrät es, „Grimm“ ist auf winzigen Kunststoffetiketten zu lesen. Die Bücher sind teilweise in dickes Leder eingebunden oder in bunt marmoriertes Papier. Einigen sieht man die jahrzehntelange Benutzung an, die Einbände sind zerschlissen oder lösen sich ab.

Erst seit vergangenem Jahr, als die Humboldt-Universität ihre geisteswissenschaftlichen Bibliotheken im großen und neuen Bauwerk an der S-Bahn-Trasse zusammengeführt hat, ist die Sammlung vollständig. In ihrer Gesamtheit ist sie sehr wertvoll. Es ist aber nicht nur das Alter der rund 6000 Exemplare, welches die Bücher so kostbar macht. Vielmehr sind es ihre früheren Besitzer. „Die Bücherei zeigt quasi die Werkbank der Grimms“, sagt Elke Peschke. Märchen zu schreiben war nur ein Teil ihrer Arbeit. Die Söhne aus einer hessischen Beamten- und Pastorenfamilie gelten als Mitbegründer der Germanistik, der deutschen Sprachkunde. Wie ihre Bibliothek zeigt, haben sie sich neben der Sprache auch mit fremden Kulturen und Recht beschäftigt. „Wir sehen hier den Mikrokosmos einer geisteswissenschaftlichen Bibliothek des frühen 19. Jahrhunderts“, meint Peschke. Einer Zeit, in der sich die Gelehrten Berlins trafen, um über Bücher und ihre Inhalte zu sprechen, da sie im Zentrum ihres wissenschaftlichen Schaffens standen.

Elke Peschke zieht ein Buch aus dem Regal und schlägt es auf. Ohne Handschuhe oder andere Vorsichtsmaßnahmen. „Den Büchern tut es gut, etwas Fett oder Feuchtigkeit zu bekommen“, meint sie. Allerdings achtet die 62-jährige Bibliothekarin sehr auf Sauberkeit, „etwa 30 bis 40 Mal wasche ich mir jeden Tag die Hände.“

Im Einband in Peschkes Händen steht der Titel „Popular Antiques of Great Britain“, zu Deutsch „Beliebte Antiquitäten aus Großbritannien“. Am Seitenende hat Jakob Grimm das „Ex Libris“ der Grimms eingeklebt, wie das typische Zeichen des Besitzers genannt wird. „Und hier ist eine weitere Eigenart der Grimm-Brüder zu sehen“, sagt Elke Peschke, als sie weiterblättert. Am Textrand stehen fast unleserliche Anmerkungen, einzelne Textpassagen sind säuberlich unterstrichen. Das sei Jakob Grimm gewesen, meint Peschke. Wilhelm Grimm, der im Gegensatz zu seinem Bruder verheiratet war und zwei Kinder hatte, las die Bücher meist nach seinem Bruder. Wegen seiner Familie hatte er weniger Zeit als Jakob. Sein Bruder hinterließ ihm deshalb in den Büchern Notizen und markierte wichtige Textpassagen. „Diese Anmerkungen sind für Kenner der Beweis für die Echtheit eines Buches aus der Grimm-Bibliothek“, meint Peschke.

Dann zieht die Elke Peschke ein weiteres Buch hervor. Die „Historia Ecclesiastica“ – die Geschichte des englischen Kirchenvolks – ist am Einband fransig, Wasserflecken hat es auch. Aus der Mitte ragt ein rosafarbener Zettel hervor. „Für die Benutzung gesperrt, in Vorbereitung zur Restauration“, ist darauf zu lesen.

Die „Historie Ecclesiastica“ ist nicht das einzige Buch mit einem rosafarbenen Vermerk. „400 Bücher konnten wir schon restaurieren lassen, aber etwa 500 Exemplare sind noch schadhaft“, sagt Elke Peschke. Das Budget der Universitäts-Bibliothek sei nicht groß genug, um die Instandsetzungen zu finanzieren. Deshalb suche man Spender, die Buchpatenschaften übernehmen.

Findet sich ein Pate, gibt Elke Peschke das Buch an die Buchbinderei Horst Zemann in der Altstadt Spandau. Die Tochter des Buchbinders, Carola Zemann, ist Expertin für die Wiederherstellung antiquarischer Bücher, gelernt hat sie neben der Buchbinderei auch Papierrestauration. Carola Zemann arbeitet häufig an Büchern aus der Grimm-Bibliothek, 1997 hat sie von Elke Peschke ihren ersten Auftrag erhalten.

Auch heute hat sie eines auf ihrem Werkstatttisch liegen. Gerade beginnt sie die Ausgabe von 1750 zu heften, sie näht Leinen an den Buchrücken. „Das Buch war in einem schlechten Zustand, den Titel kann ich gar nicht entziffern“, sagt Carola Zemann. Sie zeigt den abgelösten Ledereinband, der Löcher und Risse hat. Undeutlich ist ein schwarzes Ornament darauf zu erkennen. Reparieren könne man den Einband nicht mehr, der Verschleiß sei nicht aufzuhalten. „Aber ich unterlege es mit altem Leder, dann sieht man auf den ersten Blick keine Spuren der Restauration.“

Carola Zemann verwendet historisches Material, sofern sie es vorrätig hat. Seit Jahren sammelt die 50-jährige Spandauerin bereits altes Holz, Papier, Leder und Textilien für ihre Arbeit. Das Buch solle ja seinem ursprünglichen Zustand so nahe wie möglich bleiben, meint sie. Mit synthetischen Materialien, Dispersionsklebstoff oder anderen Chemikalien, die heutzutage beim Buchbinden verwendet werden, würde Carola Zemann nie arbeiten. Also näht sie das Leinen mit einer riesigen Nadel und naturbelassenem Faden an. Ist sie damit fertig, wird sie den Ledereinband des Buches auf dem Flachsfaserstoff anbringen. Bis dahin werde allerdings noch ein Arbeitstag verstreichen. Die Zeit, die Carola Zemann mit einem Buch verbringt, variiert. Mal sind es nur einige Stunden. „Im Sommer habe ich fünf Bände wiederhergestellt und insgesamt viereinhalb Monate darüber gesessen.“ Die Lexika seien von Wasser beschädigt worden, weswegen sie sich viele Seiten habe einzeln vornehmen müssen. Es sei viel Kleinarbeit notwendig, um ein Buch zu restaurieren. Doch Carola Zemann liebt ihre Arbeit, der sie seit 30 Jahren im väterlichen Betrieb nachgeht. Es sei toll, wenn sie die Bücher wieder benutzbar machen könne. Natürlich spiele auch Nostalgie eine Rolle. „Es ist doch schön, wenn das Buch wieder so wie früher aussieht und nach der Restauration auch noch lange erhalten bleibt.“ Über hundert Jahre alt sind die meisten Bücher, die auf ihrem Tisch in der kleinen, hellen Werkstatt in Spandau landen, „die jüngeren Exemplare sind meist noch gut erhalten.“

Ist die Restauration abgeschlossen, hat das Buch nicht einen größeren Wert. „Aber es ist dennoch ein kleiner Schatz“, sagt sie. Deshalb wird das Buch zusätzlich in einen schützenden Karton verpackt. Dann kann es wieder zurück zur Grimm-Bibliothek und den dort arbeitenden Forschern einen unvergleichlichen Einblick in die frühere Wissenschaft geben. Zumindest, wenn Elke Peschke ihnen erlaubt, die Schatzkammer der historischen Sammlung zu betreten.

Info:

Buchpatenschaft Eine Patenschaft für ein Buch der Grimm-Brüder kostet 670 Euro. Alle Buchpaten erhalten ein Faltblatt mit einem Faksimile des Titelblatts „ihres“ Buches und Angaben über die restauratorischen Arbeiten sowie ein Dankesschreiben. Spender, die einen Betrag ab 50 Euro spenden, bekommen ein kleines Dankeschön. Für weitere Informationen steht Elke Peschke unter der Telefonnummer 20 93 32 45 zur Verfügung. Spenden können steuerlich geltend gemacht werden.

Digitalisierung Die Humboldt-Universität möchte ihre historischen Bestände allen Interessenten zur Verfügung stellen. Deshalb werden die Bücher der Grimm-Bibliothek digitalisiert. Auch hierfür kann eine Spende übernommen werden, die Umwandlung kostet 240 Euro.

Buchbinderei In der Buchbinderei Zemann in Spandau (sind auch Privatkunden wollkommen. Für die Restaurierung eines Buches zahlt man bei nur leichten Schäden ab 30 Euro. Weitere Informationen unter www.buchbinder-innung-bb.de/zeman