Zu schwer

Schüler von Deutsch-Vergleichstest überfordert

Rund 25.000 Drittklässler haben bundesweit die umstrittenen Vergleichstest in Deutsch geschrieben. Vor allem Lehrer sprechen sich dagegen aus. Denn gerade Kinder an Brennpunktschulen seien gnadenlos überfordert und vom Misserfolg alles andere als motiviert.

Foto: Marion Hunger

Dave ist erschöpft nach dem 40-Minuten- Deutsch-Test Vera 3. „Ich habe fast alles geschafft“, sagt der Achtjährige. Dave ist das einzige Kind mit deutschsprachigen Eltern in der Klasse 3b der Neuköllner Sonnen-Schule. „Am Schwersten war der Text mit den Vögeln“, sagt er und meint die kleine Geschichte „Der König der Vögel“. Doch verstanden hat er ihn schon. Auch die neunjährige Alena erzählt mühelos die Tierfabel nach. Man merkt, dass sie gern und viel liest. Nur das Wort „jubilieren“ kannte sie nicht. „Vielleicht soll es gratulieren heißen“, sagt sie. Dave und Alena sind die leistungsstärksten Schüler in Deutsch. Schwerer hatte es schon Melda. „Ich habe zwar den ganzen Text gelesen, aber nur den ersten Satz verstanden“, sagt sie enttäuscht.

Aufgaben überfordern die Kinder

In Berlin haben gestern rund 25.000 Drittklässler die umstrittenen Vergleichsarbeiten in Deutsch geschrieben. Wie schon im vergangenen Jahr, hatten sich auch dieses Mal im Vorfeld mehr als 1000 Lehrer aus 63 Grundschulen gegen den Test ausgesprochen. Die Aufgaben seien zu schwer für die Schüler, hieß es in einem Schreiben an Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD). Die Pädagogen forderten die Abschaffung der Vergleichsarbeiten mit der Begründung, dass vor allem viele Schüler mit Migrationshintergrund den Test und die Aufgaben nicht verstehen und in der vorgegebenen Zeit nicht lösen könnten.

Marion Hein, Deutschlehrerin an der Sonnen-Grundschule, findet den Text zu anspruchsvoll für ihre Schüler. „Sie müssen nicht nur die verschiedenen Vogelarten bis zur Lerche kennen, sondern auch noch verstehen, dass den Tieren in der Fabel menschliche Eigenschaften zugeschrieben werden“, sagt sie. Diese Übertragung schaffen die Kinder noch nicht, meint sie. Zudem sei ihre Erfahrungswelt in der Natur oft sehr begrenzt. Als sie mit ihrer Klasse zum ersten Mal im Zoo war, dachten einige Kinder, die Affen seien große Eichhörnchen, erzählt die Lehrerin. Die meisten Eltern seien arbeitslos. Nur selten kämen die Kinder aus dem Neubaugebiet am Dammweg heraus.

Der Misserfolg demotiviert

Schon im Vorfeld der Vergleichsarbeiten kritisierten vor allem Lehrer von Schulen mit hohem Migrantenanteil, dass die Schüler durch die Aufgaben überfordert seien. Der Misserfolg demotiviere sie. So sagt etwa Gudrun Genschow, Lehrerin an der Neuköllner Eduard-Mörike-Schule, dass die Deutschkenntnisse ihre Schüler völlig unzureichend seien. Das sei ihr auch ohne die Vergleichsarbeiten bewusst. Die Kinder hätten nicht genügend Gelegenheit, Deutsch zu lernen. „Es gibt kaum noch deutsche Schüler an Brennpunktschulen wie unserer.“ Genschow fordert kleinere Klassen, damit die Kinder intensiver betreut werden können und wenigstens mehr Anlässe bekommen, zu sprechen.

Jörg Ramseger, Bildungsforscher an der Freien Universität, hält Tests wie Vera 3 grundsätzlich für wichtig. „Wir müssen ab und zu sehen, wo wir tatsächlich stehen“, sagt er. Der Staat brauche eine Qualitätskontrolle. Es würde allerdings ausreichen, wenn derartige Vergleichstests nur alle vier Jahre stattfinden, sagt er. So schnell ändere sich im Bildungsbereich nichts. Außerdem gebe es keinen Nachweis dafür, dass ständige Tests irgendetwas besser machen würden. Der Bildungsforscher warnt deshalb davor, den Vergleichsarbeiten eine zu hohe Bedeutung zuzuschreiben. „Diese Tests sind eine Momentaufnahme und bilden bei Weitem nicht alle Kenntnisse der Schüler ab.“

Kaum Aufgaben im unteren Leistungsbereich

Ramseger kritisiert zudem, dass Vera 3 zu wenige Aufgaben im unteren Leistungsbereich beinhaltet. „Berlin mit seinen vielen Migrantenkindern und Schülern aus sozial schwachen Verhältnissen wird bundesweit schlecht abschneiden“, prognostiziert er. Ein Vergleich mit reicheren Flächenländern wie Baden-Württemberg sei daher sinnlos. Auch mit dem Land Brandenburg, in dem es nur wenige Schüler mit Migrationshintergrund gibt, könne die Hauptstadt nicht verglichen werden. „Berlin kann sich nur mit anderen Migrationszentren wie Hamburg oder Stuttgart messen lassen“, sagt Ramseger.

Die Aufgaben in den Vergleichsarbeiten orientieren sich an den Standards, die die Kultusministerkonferenz vorgibt. Dabei sind Fragen zu verschiedenen Kompetenzstufen enthalten. Der Test, den alle Drittklässler am Donnerstag schreiben mussten, umfasste zwei Teile. Im ersten Teil mussten die Schüler Fragen zu einem abgedruckten Stundenplan beantworten. Auch wenn der Stundenplan anders aussah als der der 3b in der Sonnen-Schule, hatten die Kinder damit weniger Probleme. „Das kennen sie aus ihrem eigenen Alltag“, sagt die Lehrerin Marion Hein. Sie hätte sich deshalb auch beim zweiten Teil ein Thema gewünscht, das nah am Leben der Drittklässler ist.

Viele Gemüsesorten sind unbekannt

Die Schule sei bemüht, durch Ausflüge und Projekte den Kindern eine große Erfahrungswelt zu bieten. Schon beim Thema Ernährung zeige sich, dass Drittklässler viele Gemüsesorten nicht benennen können. Die Einführung eines Grundwortschatzes für Grundschüler findet Marion Hein gut. „Ich betrachte das eher als Hilfestellung, nicht als Verpflichtung, die Liste abzuarbeiten“, sagt sie. Sie habe schon recherchiert, welche Wörter etwa in Kinderbüchern häufig verwendet werden.

Bildungsforscher Jörg Ramseger ist anderer Meinung. „Es ist natürlich immer gut, wenn Menschen einen Mindestwortschatz haben“, sagt er. Textkompetenz würden Schüler aber nicht über einen Grundwortschatz, sondern allein durch vieles Lesen lernen. Dabei sei wichtig, dass die Kinder gerne lesen. „Wir müssen ihnen schöne Situationen und Anlässe bieten, um zu lesen.“