Doktortitel-Affären

"Täuschungsversuche werden sichtbar - zum Glück!"

Die Doktortitel-Affären um Guttenberg, Koch-Mehrin und Saß müssen Konsequenzen haben, sagt Jan-Hendrik Olbertz, Präsident der Humboldt-Universität (HU): Die Promotionsverfahren sollten verschärft werden.

Foto: M. Lengemann

Berliner Morgenpost: Herr Olbertz - erst Guttenberg, dann Koch-Mehrin, jetzt Edmund Stoibers Tochter: Ist es Zufall, dass wir so oft von neuen gefälschten Doktorarbeiten erfahren? Oder werden die Nachwuchsakademiker immer dreister?

Jan-Hendrik Olbertz: Letzteres glaube ich nicht. Wir haben es vielmehr mit einem erwachten - und ich sage: zum Glück erwachten - öffentlichen Interesse zu tun, solchen Fällen nachzugehen, was dann auch zu Enthüllungen führt. Für die Hochschulen ist es ein guter Anlass, die Regeln guter wissenschaftlicher Praxis zu kommunizieren. Zu der allgemeinen Nachsicht, die im Falle Guttenberg zunächst geherrscht hatte, kam es doch nur, weil wir schon länger darauf verzichtet haben, öffentlich darüber zu sprechen, an welche Regeln sich Wissenschaftler halten müssen, die ernst genommen werden wollen.

Berliner Morgenpost: Die Täuschungsfälle haben aber nicht zugenommen?

Jan-Hendrik Olbertz: Jedenfalls lässt sich dieser Befund nicht aus der Medienpräsenz dieser sehr spektakulären Fälle ableiten. Es wird dauern, bis wir sagen können, ob es eine Zunahme solcher Täuschungen oder ob es nur drei prominente Beispiele gibt. Ich kann mir aber vorstellen, dass die Möglichkeiten, die das Internet heute bietet, dazu führen, dass es zu mehr Täuschungsversuchen kommt - aber eben auch dazu, dass solche Fälle eher sichtbar werden als früher. Die elektronischen Mittel machen das sehr leicht möglich. Man kann sagen: Zum Glück ist das so!

Berliner Morgenpost: Sinkt das Unrechtsbewusstsein im Umgang mit geistigem Eigentum anderer?

Jan-Hendrik Olbertz: Ich fürchte, es gibt eine mindestens fahrlässige Routine. Es ist wohl schon jedem klar, wenn er das Urheberrecht verletzt, dass er das tut. Vor allem, wenn es in der systematischen Weise geschieht, wie die Universität Bayreuth das in dem Gutachten über Guttenbergs Doktorarbeit jetzt beschrieben hat. Dann muss man von Vorsatz reden, und ich finde es gut, dass die Uni Bayreuth das macht. Sie positioniert sich damit auch als eine in ihrem Urteil unabhängige und selbstkritische Organisation.

Berliner Morgenpost: Wie man aber zur Top-Note summa cum laude gekommen ist, bleibt das Geheimnis Ihrer Kollegen aus Bayreuth.

Jan-Hendrik Olbertz: Na ja, immerhin wird aus dem Gutachten doch deutlich, dass es der Kommission rätselhaft erscheint, warum die Arbeit als herausragend eingestuft wurde. Wenn etwas "nicht nachvollziehbar" ist, dann handelt es sich im akademischen Sprachgebrauch um eine relativ deutliche Kritik. Das heißt letztlich: rational nicht abzuleiten. Das ist ein hartes Urteil.

Berliner Morgenpost: Haben die Skandalfälle das Ansehen des Doktorgrades insgesamt beschädigt?

Jan-Hendrik Olbertz: Ganz bestimmt. Andererseits setzt nun an den Universitäten eine kritische Reflexion ein, welchen Zweck der Doktorgrad erfüllt. Es geht dabei doch nicht in erster Linie um schmückendes Beiwerk für einen Namen, den man mal eben nebenher erwirbt. Eigentlich soll der Grad Akademiker dazu in die Lage versetzen, wissenschaftlich zu forschen oder eine Tätigkeit versehen, die sich auf wissenschaftliche Grundlagen stützt. Unsere wirtschaftswissenschaftliche Fakultät fragt deshalb jeden Bewerber: Was ist das Motiv der angestrebten Promotion?

Berliner Morgenpost: Reicht das denn schon?

Jan-Hendrik Olbertz: Nein, das tut es nicht, aber es eröffnet Möglichkeiten, Ansprüche zu formulieren, an die man sich hält. An der HU gibt es für die Promotionsförderprogramme ausformulierte Standards, die für die Betreuung wissenschaftlicher Qualifikationsarbeiten gelten. Sie sollen jetzt auf alle Promotionen ausgedehnt werden. Auch die mangelnde Betreuung war ja ein Problem bei Guttenberg. Ich dringe darauf, dass es künftig eine Rahmenpromotionsordnung gibt, die vorschreibt, dass Abschlussarbeiten immer auch in elektronischer Form abgegeben werden. Damit wenigstens immer die Möglichkeit besteht, sie auch in Bezug auf unerlaubte Übereinstimmungen mit anderen Arbeiten zu überprüfen. Das muss man nicht in jedem einzelnen Fall machen, aber wenn es gute Regel ist, dass man sich stellt, kann das sogar eine vertrauensbildende Maßnahme zwischen Professor und Doktorand sein.