Viel zu schwer

Mathe-Vergleichstest überfordert Berlins Schüler

Die Kritik an den Berliner Drittklässler-Vergleichsarbeiten Vera 3 reißt nicht ab. Nicht nur Lehrer sind gegen den Test, sondern auch gute Schüler empfinden die Textaufgaben als viel zu schwer. Bildungssenator Zöllner bleibt ein Verfechter der Überprüfung.

Foto: Michael Brunner

Nevin rechnet gern. Die Neunjährige gehört zu den guten Mathematikern ihrer Klasse. Die Aufgaben des Mathe-Vergleichstests Vera 3, die am gestrigen Dienstag sämtliche Drittklässler der Hauptstadt lösen mussten, hat sie trotzdem nicht alle geschafft. „Manche waren ein bisschen zu schwer. Ich habe nicht verstanden, was ich machen sollte“, sagt sie.

Wie Nevin geht es den meisten Schülern der Klasse 3a der Konrad-Agahd-Grundschule in Nord-Neukölln. Auch Suzan, Achmed und Ibrahim sagen, dass vor allem die Textaufgaben schwierig waren und sie manche Wörter nicht kannten. „Die Zeit hat gar nicht ausgereicht“, fügt Ibrahim hinzu. Er gehört ebenfalls zu den guten Schülern der 3a. Sieben Aufgaben habe er gar nicht geschafft, sagt Ibrahim.

Die Mathematiklehrerin der Klasse 3a, Marion Peckmann, schüttelt nur den Kopf. „Der Test war viel zu schwer“, sagt sie. Das bestätigt auch ihr Kollege Ralf Schröder, der mit der Parallelklasse die Mathe-Vergleichsarbeit geschrieben hat. „Manche Schüler waren geradezu verzweifelt, weil sie die Aufgaben nicht lösen konnten“, sagt Schröder. Die meisten Kinder seien an der Texterfassung gescheitert. Vor allem die guten Schüler, die einen hohen Anspruch an sich hätten, seien sehr unglücklich gewesen.

1000 Lehrer lehnen Prüfung ab

Genau aus diesem Grund haben erst vor wenigen Tagen mehr als 1000 Lehrkräfte aus 63 Berliner Grundschulen die Vergleichsarbeiten „Vera 3“ kritisiert. In einem offenen Brief an Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) haben vor allem Pädagogen aus Brennpunktschulen die Vergleichsarbeiten als zu schwer für ihre Schüler abgelehnt. Sie fordern, „Vera 3“ auszusetzen und stattdessen Verfahren einzuführen, die den individuellen Lernzuwachs der Schüler zeigen. Außerdem sollten kleinere Klassen eingerichtet und mehr Lehrer an Grundschulen eingestellt werden, heißt es in dem Schreiben weiter.

Bereits 2010 hatten rund 1000 Grundschullehrer gegen „Vera 3“ protestiert. Einige drohten sogar im Vorfeld mit dem Boykott des verpflichtenden Tests. Die Ergebnisse gaben den Kritikern Recht. Damals hatten 68 Prozent der Schüler von Brennpunktschulen die Mindeststandards in Mathematik nicht erreicht. Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) hatte daraufhin vom Institut für Schulqualität für die Berliner Schulen ein eigenes Testheft für Mathematik entwickeln lassen. Die von der Kultusministerkonferenz beschlossenen Standards werden darin zwar nicht abgesenkt, aber es sind mehr leichtere Aufgaben enthalten, zur Motivation der Schüler. Die Mathematiklehrer der Neuköllner Konrad-Agahd-Schule, Peckmann und Schröder, bezeichnen die Mathe-Vergleichsarbeit trotz der Veränderungen nicht nur als zu schwer, sondern auch als viel zu umfangreich.

Auch Leistungsstarke Schüler hatten Probleme

Zweimal eine halbe Stunde mussten ihre Schüler rechnen. 34 Aufgaben waren es insgesamt. „Für die Kinder war das eine große Herausforderung, sich so lange zu konzentrieren“, sagt Peckmann. Sie habe viele immer wieder motivieren müssen, überhaupt weiterzumachen. Selbst leistungsstarke Schüler, so Schröder, hätten ihre Probleme mit dem Umfang des Tests gehabt.

Die beiden Mathematiklehrer, aber auch die Schulleiterin der Konrad-Agahd-Grundschule, Simone Schützmann, kritisieren zudem, dass die Schulen mit den Testergebnissen allein gelassen werden. „An den unzureichenden Rahmenbedingungen in der Schule ändert sich nichts“, sagt Schröder. Die Lehrer wünschen sich zum Beispiel endlich eine 100-prozentige Personalausstattung und deutlich kleinere Klassen. „Wir können unsere Schüler nicht so fördern, wie sie es brauchten, weil Personal und Stunden fehlen“, sagt Schulleiterin Schützmann. Dann seien im Laufe des Schuljahres auch noch mehr als 30 Roma-Kinder an ihre Schule gekommen, deren Förderbedarf immens sei. „Wir haben das bisher nur mit ehrenamtlicher Hilfe geschafft“, so Schützmann.

Test als Diagnose-Instrument für die Lehrer untauglich

Auch die Initiative „Grundschulen in sozialen Brennpunkten“ hält nach dem Mathetest an der Kritik fest. „Obwohl die Ergebnisse noch nicht da sind, ist zu erwarten, dass viele Schüler bereits am Textverständnis gescheitert sind ohne überhaupt zum Rechenproblem vorzudringen“, sagt Jürgen Schulte von der Initiative.

Die von Zöllner angekündigte Veränderung bei der Aufgabengestaltung habe sich aus seiner Sicht nicht bemerkbar gemacht. Aber auch grundsätzlich sei der Test als Diagnose-Instrument für die Lehrer untauglich, so Schulte. Eine Lernentwicklung wird nicht erfasst. Zudem passten individualisierte Lernformen, wie sie in den Grundschulen gefordert werden, nicht zu solchen standardisierten Tests. Vielmehr müssten die Lehrer für jedes einzelne Kind den Lernprozess analysieren, um dann geeignete Fördermaßnahmen festzulegen.

Positiv sei, so Schulte, dass nun die Ergebnisse doch nicht auf das Schulporträt ins Internet gestellt werden müssen, so wie es Zöllner zunächst in seinem Qualitätspaket geplant hatte. Die Ankündigung der verpflichtenden Veröffentlichung hatte für einen Proteststurm von Lehrern und Schulleitern gesorgt. Zöllner lenkte ein und nahm diesen Punkt aus seinem Qualitätspaket wieder heraus. Im Unterschied zu den Abiturergebnissen oder Ergebnissen des Mittleren Schulabschlusses seien die Vergleichsarbeiten ein Instrument für die Lehrer, um Defizite zu erkennen, so Zöllner. Eine verbindliche Veröffentlichung könnte dazu führen, dass die Aufgaben vorher geprobt und somit die Ergebnisse verfälscht werden.

Ergebnisse sollen öffentlich gemacht werden

Dennoch müssen die Auswertungen der Vergleichstests schulintern in Zukunft intensiver als bisher diskutiert werden. Tatsächlich gab es viele Schulen, die der Rückmeldung vom Institut für Schulqualität kaum Beachtung geschenkt hatten. Künftig ist es Pflicht, die Auswertung in der Schulkonferenz, in der auch Elternvertreter sitzen, öffentlich zu machen und zu besprechen.

Zudem werden die Ergebnisse der einzelnen Schule ab dem kommenden Schuljahr ins Verhältnis gesetzt zu einer anonymen Vergleichsgruppe von Schulen mit ähnlicher Schülerzusammensetzung. Bisher konnten die Schulen ihre Ergebnisse nur mit dem Landesdurchschnitt der anderen Schulen vergleichen. Doch auch der Vergleich mit Schulen mit ähnlichem Anteil lernmittelbefreiter Schüler und Schülern nichtdeutscher Herkunftssprache, wie er jetzt vorgesehen ist, ist nach Ansicht von Schulte nicht gerecht. Schließlich sei es ein Unterschied, ob die Schüler beispielsweise türkischer Herkunft sind oder Roma und Sinti, so der Sprecher der Initiative „Grundschulen im Brennpunkt“. Am heutigen Mittwoch soll ein Treffen der Initiative mit dem Bildungssenator stattfinden, in dem noch einmal die Kritik an den Tests erörtert werden soll.

Zöllner ist ein Verfechter der Vergleichstests. Der Senator werde es den Lehrern nicht ersparen, eine Rückmeldung über ihre Unterrichtsqualität zu bekommen, sagt seine Sprecherin Beate Stoffers. So hätten die Lehrer die Möglichkeit, in der vierten Klasse Schwerpunkte zu setzen, um die Defizite auszugleichen.