Hüttenpalast

Campen Sie doch mal in einem Berliner Hinterhof

In Berlin schießen Hostels und Hotels wie Pilze aus dem Boden. Da muss man sich schon etwas Besonderes einfallen lassen, um sich von der wachsenden Konkurrenz abzusetzen: Im Hüttenpalast kann man drinnen draußen sein.

Eine alte Fabrikhalle, drei Wohnwagen, drei Hütten und 200 Quadratmeter Platz. Wenn man wollte, dann könnte man das Konzept des Hotels „Hüttenpalast“ als Indoor-Camping bezeichnen, doch Silke Lorenzen möchte das nicht: „Ich benutze ungern Worte, die es schon gibt. Das, was wir hier anbieten, ist neu.“

Seit Mai hat das Hotel im Neuköllner Reuterkiez geöffnet. 30 Euro kostet eine Übernachtung. Das ist zwar nicht ganz billig, dafür aber auch nicht gewöhnlich. Die Wohnwagen in der weiträumigen Halle heißen „Große Schwalbe“ oder „Die kleine Schwester“, wurden über das Internet, auf Liebhaberseiten, erworben und stammen aus Dresden und Chemnitz. Schon zu DDR-Zeiten fuhren Urlauber mit ihnen in die Ferien in die Ukraine und nach Bulgarien, jetzt können die Gäste des „Hüttenpalastes“ nicht mehr fahren, sondern nur noch darin schlafen.

"Immer mobil bleiben“

So wie Angel. Der Australier stand am späten Abend plötzlich vor der Tür und suchte einen Schlafplatz. Einen Abendbetrieb gibt es nicht, das Café schließt nach Frühstück und Mittagstisch um 18 Uhr. Doch Silke Lorenzen wohnt im Kiez gleich um die Ecke und kennt keinen Feierabend. Sie nahm den verzweifelten Gast persönlich in Empfang, um ihn mit einem Bett und Sightseeing-Tipps für den nächsten Tag auszustatten: „Wenn ich in eine fremde Stadt komme, dann beginnt für mich die Reise da, wo ich übernachte.“

Wie für die hochschwangere Frau aus Berlin, die kurz vor der Geburt mit ihrem Ehemann noch einmal Urlaub machen wollte – in einem Wohnwagen. Bevor sie Mutter wurde.

"Immer mobil bleiben“, sagt Silke Lorenzen. Der Leitspruch des Hotels ist auch das Lebensmotto der 35-Jährigen. In Pakistan geboren, auf den Philippinen und in China aufgewachsen – und mit 15 Jahren kam sie nach Deutschland, vor zehn Jahren nach Neukölln. Richtig sesshaft wurde sie trotzdem nicht, sondern war noch immer auf der Suche, wollte etwas machen, „was mir Spaß macht“. Und Freiheiten lässt. Die Eventmanagerin arbeitete für eine Agentur, doch dann wollte sie selbst über ihr Leben bestimmen.

2009 meldete sie sich bei ihrem Arbeitgeber ab und bei der Industrie- und Handelskammer zur Prüfung zur Veranstaltungskauffrau an. Sie hatte eine Idee: Einen Ort, an dem man alles tun, alles erleben und alles haben kann. Ein Hotel sollte es werden, ein Raum mit viel Raum im Raum. Es wurde ein „Palast“ mit Hütten auf Rädern. Gemeinsam mit Sarah Vollmer machte sie sich an die Planung. Die 34-Jährige studierte Modedesign, wollte mit Freundin Silke arbeiten und übernahm die Kreativleitung des Projekts. Im Winter 2009 tüftelten sie den Businessplan aus, ein Jahr später dann den Bauplan für die Hütten und Wohnwagen. Das Konzept sollte persönlich, innovativ und neu sein. Etwas, das es bisher noch nicht gab.

Doch etwas, das so neu ist, dass nicht einmal Gründerin Silke Lorenzen dafür Worte findet, ließ sich anfangs nur schwer verkaufen; Bank und Behörden mussten für den Gründungskredit und die Genehmigungen erst überzeugt werden. Die dachten allerdings in starren Vorschriften, sodass aus dem Hotel auf Rädern fast ein Hostel geworden wäre, um das Konzept in gängige Kategorien zu pressen. Aber Silke Lorenzen lehnte ab: „Übereinander gestapelt schlafen, billige Unterkünfte und keinen Freiraum. Das sind wir nicht.“

"Ich mag die Verrückten“

Was sind sie? Glaubt man der Selbstbeschreibung, dann zunächst einmal verrückt. „Ich mag die Verrückten, die hier rumlaufen“, sagt Lorenzen und lacht. Denn das sind überwiegend Freunde, die das Projekt unterstützen. So wie Lissi Muschol. Die 27 Jahre alte Filmstudentin hilft bei der Öffentlichkeitsarbeit. Muss man verrückt sein, um hier zu arbeiten? „Klar!“ Silke, Sarah und Lissi sind sich einig. Anders ist das tägliche Pensum wohl kaum zu bewältigen. Spätestens um 7 Uhr steht Sarah Vollmer morgens in der Küche, 16 Stunden später fällt sie erschöpft ins Bett: „Ich kämpfe um meine sieben Stunden Schlaf. Meistens werden es deutlich weniger.“ Sarah Vollmer ist für den kreativen Part zuständig, entwarf das Design des Hotels und probiert sich auch in der Küche aus. Gemeinsam mit zwei Freundinnen bewirtet sie morgens und mittags die Gäste. Vegetarisch, bürgerlich und mediterran – auch die Speisekarte entzieht sich jeder Kategorisierung. „Wir üben noch und werden sehen, wo wir ankommen“, sagt Sarah Vollmer.

Diese Frage stellt sich für Frank Watson nicht. Nicht mehr. Die Außenseiten des Wohnwagens sind eingedrückt, zwei Fenster fehlen. Tageslicht ebenfalls. Doch den Gast aus Amerika stört das nicht: „Es ist genau so, wie es sein muss.“ Der Amerikaner liegt auf dem Doppelbett und liest. Seit 30 Jahren kommt er regelmäßig nach Deutschland. Hier will er neue Leute kennenlernen, chillen. Im „Hüttenpalast“ übernachtet er zum ersten Mal, zwei Wochen hat er sich im Hotel eingemietet. Ein Programm hat der Amerikaner nicht, er verbringt den Tag vor dem Wohnwagen im Sommergarten. „Ein paar Tage nur für mich“, sagt er. Trotz Hütte auf Rädern – Frank Watson ist angekommen.

Angekommen: Frank Watson aus New York macht im „Hüttenpalast“ Urlaub. Seine freien Tage verbringt er lesend im Wohnwagen oder im SommergartenAmin Akhtar