Pandemie

Berlin bleibt auf Schweinegrippe-Impfung sitzen

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Die geplanten Impfungen gegen die Schweinegrippe könnten für das Land Berlin teuer werden. Da die Berliner sich weit weniger immunisieren ließen als erwünscht, lagern nun hunderttausende Impfdosen ungenutzt im Berliner Apothekenlagern und Arztpraxen. 2010 werden womöglich 1,4 Millionen weitere geliefert. Werden sie nicht verbraucht, bleibt das Land auf den Kosten sitzen: 13 Millionen Euro.

Die große Impfaktion gegen die Schweinegrippe kann das Land Berlin bis zu 13 Millionen Euro kosten. Denn die Krankenkassen bezahlen die Impfung nur, wenn Ärzte das Serum Patienten auch spritzen. Bleibt es in der Hauptstadt bei der gegenwärtigen Impfmüdigkeit, muss das Land die Rechnung für seine großen Impfvorräte selbst begleichen. Bisher hätten sich schätzungsweise erst 120.000 bis 130.000 Berliner gegen die Neue Grippe immunisieren lassen, sagte Berlins Infektionsschutzbeauftragte Marlen Suckau.

Zurzeit gibt es rund 285.000 Impfdosen im zentralen Berliner Apothekenlager, bis zu 140.000 Impfdosen lagern darüber hinaus in Praxen. Wird keine neue Mengenabnahme der Bundesländer ausgehandelt, bekommt Berlin im kommenden Jahr automatisch weitere 1,4 Millionen Dosen Impfstoff geliefert. Eine Dosis kostet rund 8 Euro. Werden all diese Vorräte nicht verimpft, entstehen dem Land mehr als 13 Millionen Euro Kosten.

Nach den langen Erfahrungen mit der saisonalen Grippe rechnet Suckau jedoch im Januar und Februar mit einer neuen Schweinegrippe-Welle. Damit werde auch das Interesse an der Impfung wieder zunehmen, schätzt sie. Der Impfstoff sei zwei Jahre haltbar. Zurzeit laufen Verhandlungen, ob die Bundesländer angesichts des milden Verlaufs der Schweinegrippe so viele Impfdosen wie vereinbart abnehmen müssen. Wird die Zahl nach unten korrigiert, sinken auch die Kosten für die Länder.

Bisher gibt es rund 8000 bestätigte Schweinegrippe-Fälle in Berlin. Vier Menschen starben in einem zeitlichen Zusammenhang mit der Infektion. Das ist wenig im Vergleich mit der „normalen“ Grippe, die jedes Jahr durchschnittlich 10.000 Menschen in Deutschland das Leben kostet.

„Ich finde nicht, dass der Bund oder die Länder bei der Schweinegrippe überreagiert haben“, urteilte Suckau. Der Staat habe nun einmal einen Vorsorgeauftrag. „Und Vorsorge kostet Geld. Wenn wir das nicht machen würden, gäbe es zu Recht Beschwerden.“ Die Impfmüdigkeit wundert sie hingegen nicht. Die Berliner Bevölkerung sei nun mal gelassener.

Suckau wertet den Umgang mit der Neuen Influenza in Berlin bisher als Erfolg. „Das Management der Pandemie ist bis zum Start der Impfung bilderbuchmäßig gelaufen“, sagt sie. Den Beginn der Impfaktion sieht sie im Rückblick allerdings kritisch. „Das ist ein wunder Punkt.“ Denn es gelang dem Land nicht, sich mit der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) auf ein Honorar pro Spritze zu einigen. Stattdessen musste das Land in wenigen Tagen Einzelverträge mit niedergelassenen Ärzten schließen, die impfen wollten. Das gab es sonst nur in Bremen und Schleswig-Holstein.

„Ich finde es bedauerlich, dass wir mit der KV in dieser Situation über 2 Euro mehr diskutieren mussten. Da hätte ich mehr Solidarität erwartet“, sagte Suckau. Für die Zukunft sei das Problem der Interessenspolitik noch nicht ausgeräumt. Ein Manko war nach Suckaus Ansicht auch die erste Berliner Internet-Information über niedergelassene Ärzte, die impfen. In vielen Praxen gab es zum Zeitpunkt der Veröffentlichung im Netz noch kein Serum. „Daraus haben wir gelernt“, sagte sie.

Die Pandemie-Planung seit 2006 hält Berlins Infektionsschutz-Beauftragte dennoch für einen Glücksfall. „In der Regel überrollt es einen kalt“, sagt sie. Dass ein neues Virus im April identifiziert werde und im Oktober ein Impfstoff da sei, das habe es noch nie gegeben. In der Regel dauere auch das Aushandeln von Impfvereinbarungen 2 bis 3 Jahre. In Berlin seien in der heißen Phase nur wenige Wochen dafür geblieben. Von den anfänglichen Pannen abgesehen habe sich die Bevölkerung zügig impfen lassen können.

Große Alternativen für künftige Massenimpfungen sieht Suckau für Berlin nicht. „Wir sind auf die rund 6000 niedergelassenen Ärzte angewiesen. In den Gesundheitsämtern haben wir nur 280 Mediziner.“ Genaue Lehren aus der Schweinegrippe-Impfung will Berlin nach einer detaillierten Auswertung im kommenden Jahr ziehen.

( dpa/hed )