Umbau

Denkmalstreit um das Jagdschloss Glienicke

Rekonstruktion oder Neubau. Ein Glaserker des Berliner Architekten Max Taut aus der Nachkriegszeit bringt die jetzige Architektin Petersen in einen Konflikt. Doch die Zeit drängt.

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Eigentlich hätte Christina Petersen allen Grund, stolz zu sein. Seit fünf Jahren leitet die Architektin die Bauarbeiten am Jagdschloss Glienicke, dessen Südflügel 2003 durch einen Kabelbrand stark zerstört wurde. Mittlerweile sind die Arbeiten fast vollständig abgeschlossen, der Südflügel ist inzwischen wieder in alter Pracht erlebbar – zumindest auf der Seite des Schlosshofes. Im merkwürdigen Kontrast dazu präsentiert sich jedoch die Gartenfront des Schlosses, auf der sich zu Mauerzeiten der Haupteingang befand. Dort hatte der Berliner Architekt Max Taut in den 60er-Jahren die Schlossfassade in den unteren beiden Etagen aufgebrochen und einen Glaserker eingesetzt. Die 54-Jährige hat im Rahmen der denkmalgerechten Sanierung nun den Auftrag, auch die Taut'sche Glassfassade wieder auf Vordermann zu bringen. „Technisch ist das natürlich machbar“, sagt die erfahrene Bauleiterin. Aber ob es auch sinnvoll sei, diese Frage treibe sie um.

Als die Architektin 2008 ihr denkmalpflegerisches Konzept für den Umbau einreichte, sei sie noch ganz selbstverständlich davon ausgegangen, dass zum Ensemble auch die Umgestaltungen aus der Zeit des Kalten Krieges gehören. Weil die historische Zufahrtstraße sowie der Haupteingang zum Schloss sich bereits im Sperrgebiet der DDR-Exklave Klein Glienicke befanden, hatte Taut damals den Auftrag bekommen, den Eingang auf die Gartenseite zu verlegen und das Schloss für die Nutzung als Jugendbegegnungsstätte umzubauen. „Diese Aufgabe hat Taut sehr ernst genommen, das belegen zahlreiche hochwertige Planungsentwürfe, die in der Akademie der Künste aufbewahrt werden“, so Petersen. Das, was dann jedoch gebaut worden sei, habe diesen Qualitätsanspruch jedoch in keiner Weise widergespiegelt. „Die Betonkonstruktion ist viel zu dünn ausgeführt und mittlerweile in desolatem Zustand, zudem hat der ganze Glasvorbau noch nicht einmal ein Fundament“, so Petersen. Hinzu komme, dass die Einfachverglasung und die thermisch nicht getrennten Stahlprofile eine „energetische Katastrophe“ darstellten. Die Stahlkonstruktion weise außerdem erhebliche Korrosionsschäden auf. Im Ergebnis müsse der gesamte Vorbau neu aufgebaut werden, so die Expertin weiter. Kostenpunkt: „150.000 Euro und hinterher ist es kein originaler Taut mehr, sondern eine Nachinterpretation von Petersen.“

Natürlich sei auch eine Sparvariante unter Beibehalt der alten Stahlprofile möglich: „Doch dann haben wir wieder Kältebrücken und Feuchtigkeitsschäden im Innenbereich.“ Das würde die laufenden Heiz- und Bauunterhaltskosten dauerhaft erhöhen.

Ins Grübeln kam die Architektin auch, weil von den Relikten der 60er-Jahre „mit ausdrücklicher Genehmigung des Landesdenkmalamtes“, wie Petersen betont, sowohl der alte Laubengang, der dem Schlossgarten Schulhofcharakter verlieh, als auch der angebaute Küchentrakt bereits abgerissen worden sind. Natürlich ist auch die Mauer, die die Eingangsverlegung einst nötig machte, längst gefallen.

„Rekonstruktionsprojekte müssen sich der kritischen historischen Auseinandersetzung stellen“, weiß Petersen. Dazu gehöre aber auch, die Grenzen der Rekonstruktion zu erkennen. Wenn sowohl der Zusammenhang als auch die Funktion nicht mehr gegeben sei und dann auch noch die Qualität nicht stimme, müsse man neu nachdenken dürfen. Die Architektin beschäftigt sich seit 30 Jahren mit der Sanierung von Baudenkmalen. Unter anderem leitete Petersen die Umbau- und Instandsetzungsmaßnahmen des Gutshauses in Steglitz, der Häuser des Stadtmuseums (Märkisches Museum und Nikolaikirche) in Mitte oder der Kolonnaden auf der Berliner Museumsinsel.

Ihre Bedenken teilte sie den Denkmalbehörden bereits im Januar dieses Jahres mit – und fügte zwei neue Planungsvarianten an. Diese sehen die Rekonstruktion des Zustands von 1890 vor: Mit klassischer Schlossfassade und großer Freitreppe, wie der Zustand bis in die 60er Jahre war. Kosten: 154.000 Euro und damit nahezu genauso teuer wie die Sanierung der Glasfassade.

Die 60er-Jahre wären auch mit Verzicht auf den Glaserker aus dem Schloss auch nicht verschwunden, so ihre Argumentation: Aufwendig saniert sind im Inneren mittlerweile der Hörsaal und die Treppenanlage, die der Bruder des berühmten Bauhaus-Architekten Bruno Taut einbauen ließ.

Ob das 1682 bis 1693 für den Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm errichtete und 1889 von Albert Geyer umgebaute Gebäude auf der Gartenseite seinen Schlosscharakter wieder zurückerhalten darf oder ob das Schulheimambiente konserviert werden muss, auf diese Entscheidung wartet die Architektin allerdings noch heute. Mittlerweile drängt die Zeit, im April soll das Haus wieder an das Sozialpädagogische Fortbildungsinstitut Berlin-Brandenburg übergeben werden, deren Seminarteilnehmer dort künftig ein Standard der 3-Sterne-Hotekategorie vorfinden. Insgesamt 14 Millionen Euro werden nach Abschluss aller Arbeiten in das alte Gemäuer geflossen sein. Während die Architektin noch auf eine Antwort wartet, wie sie mit der Gartenfront verfahren soll, sind am Schlossbau interessierte Bürger schon weiter. „In einer Anfrage an den Berliner Landeskonservator Jörg Haspel wollten wir wissen, ob die einmalige Chance genutzt wird, die alte Schlossfassade wieder herzustellen“, sagt Thomas Löwenstein, der auf seinen Spaziergängen die Sanierungsarbeiten in den vergangenen Monaten aufmerksam verfolgt hat. Vom Landesdenkmalamt kam in diesen Tagen jedoch die ernüchternde Antwort: „Die Berliner Denkmalbehörden fühlen sich verpflichtet, die Glasfassade als Beitrag der Nachkriegszeit – und als Antwort Tauts auf die Grenzziehungen des Kalten Krieges – zu begreifen“, schreibt Haspel. Entsprechend der Charta von Venedig, die die internationalen Denkmalkriterien festlege, sollten die Beiträge aller Epochen respektiert und konserviert werden. „An die Charta fühle ich mich natürlich gebunden“, sagt Petersen. Leider habe das Taut offenbar anders gesehen, als er den Umbau des Schlosses 1963 bis 1964 leitete und dabei zum Teil mit „Brachialgewalt“ vorging. „Ich habe wirklich nichts gegen Taut, der Berlin wunderbare Schulen beschert hat“, sagt die Architektin. „Ich habe nur was dagegen, dass man hier mit hohem Kostenaufwand einen Zustand herstellt, der letztendlich niemanden zufrieden stellen kann.“

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