Integrationsprojekt

Dolmetscher im Löschfahrzeug

Berlin will den Anteil von Mitarbeitern nichtdeutscher Herkunft bei Feuerwehr, Polizei und Verwaltung deutlich erhöhen. So will man Mentalitäts- und Sprachproblemen begegnen. Wie das funkltioniert, ist bei der Berliner Feuerwehr zu sehen. Morgenpost Online hat dort Ceyhun Heptaygun besucht, Berlins ersten türkischstämmigen Feuerwehrmann.

Foto: Massimo Rodari

Der Verkehrsunfall in Wedding fordert mehr Verletzte, als die Feuerwehr zunächst annimmt. Zusätzliche Rettungswagen müssen alarmiert werden. Flugs steigt die Zahl der Schaulustigen auf 100 Personen an, viele türkischer und arabischer Herkunft. Feuerwehrmann Ceyhun Heptaygun merkt bereits, dass die Traube bedrohlich nahe an die Verletzten heranrückt. Es besteht die Gefahr, dass die Lebensretter ihre Arbeit nicht mehr ungehindert verrichten können. Da wendet sich Heptaygun der Menschenmenge zu, ruft ein paar Worte auf Türkisch in ihre Richtung, damit sie zurückweichen. Sie tun es. Sie treten zurück. Wenig später treffen die benachrichtigten Rettungswagen ein. Die Unfallopfer können versorgt und abtransportiert werden.

Keine alltägliche Situation. Aber Heptaygun löste sie. Aus der Geschichte, die Heptaygun vor einiger Zeit erlebte, will das Land Berlin nun lernen und den Anteil von Mitarbeitern nichtdeutscher Herkunft bei Feuerwehr, Polizei und Verwaltung deutlich erhöhen. Mentalitäts- und Sprachprobleme, wie sie zum Beispiel auch bei der Brandkatastrophe an der Ufnaustraße aufgetreten waren, sollen dann der Vergangenheit angehören.

Pilotprojekt "Einsatz Berlin"

Das Pilot-Projekt dazu heißt „Einsatz Berlin“ und soll vor allem Zugezogenen eine einfachere Möglichkeit geben, Brandmeister oder Brandmeisterin zu werden. Dafür werden zunächst in zwei Lehrgängen im März und September 2010 jeweils 15 junge Berliner zu Feuerwehrleuten ausgebildet. Ein mittlerer Schulabschluss genügt. Für den September-Lehrgang sind noch Plätze frei. „Wird die Zusammensetzung unserer Bevölkerung in Berlin innerhalb der Berliner Feuerwehr gut widergespiegelt, so erleichtert uns das die Arbeit in vielen Bereichen“, sagt der stellvertretende Landesbranddirektor Karsten Göwecke. „Uns ist in vielen Gesprächen mit Migrantengruppen deutlich geworden, dass es nötig ist, noch aktiver auf Menschen mit Migrationshintergrund zuzugehen, um sie für den Beruf des Feuerwehrmannes oder der Feuerwehrfrau zu interessieren.“

Ceyhun Heptaygun war „der erste Türke“ bei der Berliner Feuerwehr. 1984 war das. Die ersten neun Jahre wuchs der heute 47-Jährige in seinem Heimatland auf, dann ging die Familie nach Deutschland. „Ich war aber nie der typische Türke“, sagt er. „Ich kam von der Hauptschule, wurde Elektrogerätemechaniker. Aber ich war zielbewusst. Man kann etwas erreichen, wenn man will. Aber man muss es selber wollen.“ In der Türkei sei der Beruf des Feuerwehrmannes schlecht bezahlt und auch nicht gut angesehen. Vielleicht sei das auch ein Grund dafür, dass so wenige Berliner mit türkischer Herkunft zur Feuerwehr gehen, sagt Heptaygun.

Feuerwehrmann im zweiten Anlauf

In Berlin gibt es 3500 hauptberufliche Feuerwehrleute, aber nur wenige, die eine nichtdeutsche Herkunft haben. Vor allem der hohe Anteil von Türken und Arabern wird bei den Berliner Brandbekämpfern und Rettungssanitätern kaum abgebildet. Aber auch Einwanderer aus Ex-Jugoslawien oder dem früheren Ostblock sind rar. Zbigniew Kozlowski stammt aus Posen in Polen. Dort arbeitete er bei der Feuerwehr, doch als er 1992 zu den Berliner Kollegen stieß, wurde das nicht anerkannt. Er musste noch einmal die Ausbildung durchlaufen, noch einmal vom Polizei-Psychologen befragt werden. Noch einmal Lehrgänge absolvieren.

Wie Heptaygun hat er den Aufstieg vom mittleren zum gehobenen Dienst geschafft. Bei der Feuerwehr herrsche schon ein härterer Ton, sagt Kozlowski. Im Prinzip sei es auch eine Männer-Gesellschaft, mit Ritualen, aber vor allem mit festem Teamgeist. Da müsse man sich durchbeißen. „Wichtig war aber auch immer: Wer etwas leistet, wer zeigt, was er kann, wird auch schnell akzeptiert“, sagt der 47-Jährige. „Man überzeugt hier nur durch Arbeit.“

"Es spielt keine Rolle, wo ich herkomme"

Jeder Feuerwehrmann muss eine handwerkliche Ausbildung absolviert haben. So finden sich auf den Wachen die verschiedensten Fähigkeiten, vom Rohrleger bis zum Tischler. Alles können sie bauen oder reparieren. Bekim Uzunaj (32) ist Kfz-Mechaniker. Er ist albanischer Herkunft, aber in Berlin geboren. „Ich bin in Schöneberg aufgewachsen. Bei uns im Kiez sind viele im Knast gelandet. Die wenigsten haben einen Beruf gelernt. Entscheidend waren für mich meine Eltern. Mein Vater sagte immer: Bekim, eine Ausbildung ist Pflicht“, erzählt Uzunaj. Er schaffte es. Längst ist er auch bei der Feuerwehr fest integriert. „Es spielt keine Rolle, wo ich herkomme. Man ist ein Feuerwehrmann. Das ist entscheidend. Und unsere Arbeit ist stets eine große Herausforderung, ob wir ein Kind retten oder einen Brand löschen.“

Mit dem Pilotprojekt setzt die Feuerwehr ein Zeichen der Integration. Eine handwerkliche Grundausbildung soll für die jeweils 15 Auszubildenden nicht mehr nötig sein. Diese erhalten sie in einem 18-monatigen Grundkurs. Dabei werden sie von der Handwerkskammer in den Bereichen Holz, Metall, Elektro- und Installationstechnik ausgebildet. Parallel dazu finden Praktika in Betrieben der Handwerksinnungen statt. Die Bewerber müssen mindestens 16,5 Jahre alt sein, einen mittleren Schulabschluss haben und die Staatsangehörigkeit eines Mitgliedsstaates der Europäischen Union besitzen. Die Voraussetzung dafür wird in einem mehrstufigen Auswahlverfahren getestet. Darin geht es um Hartnäckigkeit, Stressresistenz und Intelligenz. Auch den Sport- und Gesundheitstest müssen die Bewerber überstehen.

Träger des Pilot-Projektes ist die Berliner Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (BGZ), deren Gesellschafter das Land Berlin (60 Prozent) und die Handwerkskammer (40 Prozent) sind. Die Feuerwehrleitung ist überzeugt, mit dem Projekt die Zeichen der Zeit erkannt zu haben. Vize-Landesbranddirektor Göwecke: „In wenigen Jahren würde uns die Nachwuchsgewinnung ohne die Berücksichtigung der Bürger nichtdeutscher Herkunft große Probleme bereiten. Mit ‚Einsatz Berlin’ bereiten wir uns also vor auf die neue Generation in der Gesellschaft – und bei der Feuerwehr.“