Kriminalität

Justizsenatorin von der Aue besucht JVA Tegel

Gisela von der Aue war zum ersten Mal hinter Gittern - allerdings nur zu Besuch. Sie wollte sich vor Ort ein Bild von der JVA Tegel machen, die als größtes und härtestes Gefängnis Deutschlands gilt.

Horst G. ist gern im Freien. Er schiebt gern Schnee an der frischen Luft und unterhält sich dabei gern mit anderen Menschen. Die Frau, die ihm an diesem Morgen begegnet, erkundigt sich nach seinen Lebensumständen. Und nach Missständen. Sie will wissen, ob alles in Ordnung ist. Eine ganz normale Unterhaltung unter Nachbarn oder Bekannten – könnte man meinen. Doch Horst G. ist Insasse der Justizvollzugsanstalt Tegel, und die Frau ist Justizsenatorin Gisela von der Aue. Mindestens einmal im Monat besucht die Senatorin die bei Kriminellen als „harter Knast“ klassifizierte Strafanstalt, um sich ein eigenes Bild zu machen, auf dem Laufenden zu bleiben. Morgenpost Online hat sie begleitet.

Die SPD-Politikerin weiß um die Probleme in Deutschlands größter Haftanstalt. Oft genug stand sie in der Kritik und hat parlamentarische Prügel einstecken müssen für eingeschmuggelte Drogen und Waffen, für Handys und Kinderpornos und Übergriffe auf das Vollzugspersonal. Sie und ihre Leute wissen um die Schmuggelwege und dass diese Lecks niemals für immer geschlossen werden können.

Knapp 1400 Häftlinge aus 60 verschiedenen Ländern sind an der Tegeler Seidelstraße untergebracht, 40 Prozent von ihnen haben Migrationshintergrund: Diebe, Räuber, Drogenhändler, Messerstecher, Vergewaltiger, Päderasten, Mehrfachmörder. Ihnen gegenüber stehen knapp 780 Mitarbeiter, 300 davon gehören dem Wachpersonal an. Personenschutz hat Gisela von der Aue bei ihrer Tour nicht. „Ich habe keine Angst davor, dass mir hier etwas geschehen könnte“, sagt sie an diesem Wintermorgen. Ein Mann mit Runen-Tätowierung am Hals und aufgepumptem Oberkörper läuft den Gefängnisgang entlang. Als er die Politikerin erkennt, nickt er ihr zu und geht weiter. „Sicherlich“, sagt Gisela von der Aue, „gibt es auch mal eine abfällige Bemerkung, aber der Großteil der Insassen will sich mit mir unterhalten und von seinem Leben erzählen.“

Drogenpakete fliegen über die Mauer

Die Haftanstalt ist schon öfter in die Schlagzeilen geraten, weil Drogenpakete über die Mauer geworfen und Handys eingeschmuggelt wurden. Im vergangenen Sommer hat die Morgenpost Online als erste darüber berichtet, dass bei einem verurteilten Pädophilen Tausende Kinderpornos entdeckt wurden. „Es gibt keine hundertprozentige Kontrolle, sonst hätten wir keinen humanen Strafvollzug mehr, sondern Zustände wie in Gefängnissen der dritten Welt“, sagt die Senatorin. „Das kann niemand wollen, denn Ziel muss es doch sein, die verurteilten Täter nicht nur zu bestrafen, sondern sie auch für die Wiedereingliederung in die Gesellschaft vorzubereiten. Das hat ebenso mit dem Schutz der Gesellschaft zu tun.“ Ralph Adam läuft neben Gisela von der Aue durch den Schnee. Der Anstaltsleiter hat den Mantelkragen hochgeschlagen, die Hände in den Taschen. „Kritik kann man leicht üben, das ist nicht schwer. Wir machen wirklich alles in unserer Macht stehende, um die Schmuggelwege zu erhellen und zu bekämpfen. Aber wenn man sich beispielsweise vorstellt, dass wir an manchen Tagen bis zu 40 Fremdfirmen im Haus haben, ist klar, dass auch hier und da verbotene Gegenstände eingeschmuggelt werden.“ Im Jahr 2009 waren es 55.328 Personen, die zur Sprechstunde kommen, um Verwandte oder Freunde zu sehen. Dazu noch 24.098 sonstige Besucher wie Handwerker und Dienstleister, 14.335 Fahrzeuge fuhren in die JVA herein und wieder heraus – jeder einzelne wird durchsucht. Wie auch jede der Transitpersonen. „Jeder Mensch wird mehrfach kontrolliert, auch mit technischen Geräten. Mütter kleiner Babys, die ihre Männer besuchen wollen, müssen ihre Kinder in Gegenwart des weiblichen Personals erneut wickeln, weil besonders perfide Menschen sogar diese Möglichkeit zum Drogenschmuggel nutzen. Natürlich bekommen sie von uns neue Windeln. Wenn wir Hinweise auf Drogenvorräte erhalten oder besondere Kontrollen durchführen, fordern wir beim Landeskriminalamt spezielle Spürhunde an. Oft auch mit Erfolg.“ So wurden in diesem Jahr unter anderem schon 871,53 Gramm Cannabis und 47,90 Gramm Heroin bei Durchsuchungen sichergestellt. In Päckchen, die über die Gefängnismauer geworfen wurden, waren 92,81 Gramm Marihuana und 15,8 Gramm Heroin. Eine Zahl, die Gisela von der Aue noch zu niedrig ist, wie sie sagt. Es müsse noch mehr getan werden.

Auch das Einschmuggeln von Mobiltelefonen stellt für die Justiz ein großes Problem dar. „Wer ein Handy hat, kann Absprachen mit Komplizen in Freiheit treffen oder Drogen ordern“, so ein Ermittler. Bei den Poker-Turnier-Räubern wurden mehrfach Mobiltelefone sichergestellt. In diesem Jahr wurden schon 272 Handys bei gezielten Kontrollen entdeckt und zwei über die Mauer geworfen. „Das werden nicht alle gewesen sein“, so Ralph Adam. „Aber es sind immerhin 274 weniger im Umlauf.“ Jeden Morgen suchen mindestens zwei JVA-Bedienstete vor Aufschluss der Zellen die Gefängnishöfe nach Paketen ab, die über die Mauern geworfen wurden. Sie werden regelmäßig fündig.

1992 gelang die letzte Flucht

1992 war der letzte Häftling erfolgreich über die Gefängnismauern geflüchtet, seitdem ist niemand mehr auf diesem Wege in Freiheit gelangt. Gisela von der Aue läuft über den Gefängnishof und zeigt auf die Wachtürme. „Diese sind schon lange nicht mehr besetzt.“ Zum einen würde das zuviel Personal binden, zum anderen seien die Mauern nach zahlreichen Nachbesserungen schier unüberwindbar. „Mit dem Stacheldraht sieht das Ganze zwar ziemlich martialisch aus, aber es ist nun einmal eine Strafanstalt.“

text-galleryWaffen gibt es innerhalb der JVA-Tegel nicht. Zwar würden die Beamten an Handfeuerwaffen ausgebildet und auch damit ausgerüstet, wenn sie einen Häftling bei einem Freigang oder Arztbesuch begleiten, innerhalb der Anlage sind diese aber tabu. „Wir haben hier weniger Gewaltprobleme als man sich jenseits der Mauern vorstellt. Wenn es Probleme zwischen Gruppen gibt, werden diese getrennt. Störenfriede werden in andere Häuser verlegt oder im Falle einer Eskalation in einen besonders gesicherten Haftraum gesteckt“, sagt Ralph Adam. Bei den Häftlingen selbst wird dieser Raum nur der Bunker genannt. „Da ist niemand gern drin, und wer es einmal war, hat sich danach meist gut benommen.“ Nicht der JVA-Bedienstete mit grimmigem Gesicht und Schlagstock werde in Tegel gebraucht, sondern der aufmerksame Typ, der Stimmungen mitkriegt, der Kleinigkeiten bemerkt und zu einem Bild zusammensetzt. „Bandenbildung wird verhindert“, sagt Gisela von der Aue bestimmt. „Natürlich werden sich immer Menschen gleicher Herkunft zusammenschließen, aber es darf nicht den Sinn des Unterdrückens anderer haben.“ Die Mitarbeiter der JVA würden bei der täglichen Arbeit auch die politischen Entwicklungen in der Welt nicht aus den Augen verlieren. „Als der Krieg auf dem Balkan eskalierte, hat man sich auch hier gefragt, wie Häftlinge der jeweiligen ethnischen Gruppe miteinander umgehen würden.“ Gleiches gelte für Türken und Kurden. Die befürchteten Konflikte gab es dann glücklicherweise nicht. Dennoch, so Anstaltsleiter Ralph Adam, sei sein Haus kein Ort der Harmonie. Nicht ohne Grund gebe es Schutzausrüstungen wie Schilde, Helme, Schlagstöcke und Pfefferspray. „Wenn ein Streit ausufert, werden die Mitarbeiter schnellstmöglich damit versorgt, um ebenso schnellstmöglich für Ruhe zu sorgen.“ In diesem Jahr gab es bislang fünf Gewaltattacken auf Bedienstete und 61 unter den Häftlingen.

Vor Weihnachten haben die Vollzugsbeamten besonders viel zu tun. Etwa 1000 Pakete gehen ein, bei allen wird der Inhalt geprüft, bevor sie an die Häftlinge ausgegeben werden. Flaschen und Dosen sind verboten, weil sie oft zum Schmuggeln missbraucht werden. Süßigkeiten, Wurst und Käse werden bevorzugt in die Haftanstalt geschickt, und nicht selten bekommen die Insassen ihre Salami bereits in Scheiben geschnitten, weil die Kontrolleure darin versteckte Drogen vermutet hatten. Ebenfalls streng verboten ist Alkohol. „Im letzten Jahr habe ich eine Ausnahmegenehmigung für den Weihnachtsstollen erlassen müssen, weil die Rosinen Rumaroma hatten“, sagt Adam.

Häftlinge brennen ihren Schnaps

Doch trotz aller Kontrollen: Alkohol hat es immer in Gefängnissen gegeben, und das wird sich nach Angaben eines Vollzugsbediensteten auch niemals verhindern lassen. „Die Häftlinge brennen sich ihren Schnaps mit selbstgebauten Destillier-Anlagen entweder selbst, oder sie setzen Obst mit Hefe an, bis das Ganze gärt und zu Likör wird.“ In einem kleinen „Museum“ im Verwaltungsbereich der Haftanstalt wird ausgestellt, was in den vergangenen Jahren sichergestellt wurde: Schnapsbrennereien, ausgehöhlte Bücher zum Schmuggeln von Drogen, Handys in Konservendosen, selbstgebaute Haschischpfeifen, aber auch selbst geschliffene Messer und mit Schrauben und Nägeln gespickte Keulen.

Der Fahrer des Dienstwagens gibt Gisela von der Aue ein Zeichen mit der Lichthupe, sie schaut auf die Uhr. „Ich muss jetzt los.“ Wieder einmal ist alles glatt gegangen. „Geredet wird viel“, sagt Anstaltsleiter Ralph Adam und erinnert sich an einen Häftling, der ihm ein zertrümmertes Gesicht versprochen hatte, falls man sich jemals „draußen“ begegnen sollte. „Eines Tages saß mir dieser Mann in der U-Bahn gegenüber. Er hat mir erzählt, wie es ihm nach der Entlassung ergangen ist. Und dass er einen Job gefunden hat. Geschlagen hat er mich nicht.“