Iglu-Mann

Ein Obdachloser mit 21.000 Facebook-Fans

Horst Holtfreter ist obdachlos und berühmt: Im Internet feiern Tausende Fans den Mundharmonika-Mann, der sich wieder ein Iglu auf dem Nollendorfplatz baut.

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Wenn Horst Holtfreter Mundharmonika spielt, gerät er auch ohne Alkohol in einen Rausch. Breitbeinig wirft der Musiker seinen Oberkörper vor und zurück, wippt und wackelt im Rhythmus der Musik, verliert fast das Gleichgewicht. Mit zusammengekniffenen Augen bläst er dazu in sein Instrument, improvisiert wilde Akkordsprünge zu dem Popgedudel des Miniradios, das er fest umklammert und an sein linkes Ohr presst. Dieser Künstler ist Kult, und das Publikum liebt ihn: Seine Auftritte werden dutzendfach gefilmt, ins Internet gestellt und von Hunderten angesehen. Sein schwedischer Künstlername lautet "Munspelsmannen", Mundharmonika-Mann, sein Facebook-Profil verzeichnet mehr als 21000 Fans – und seine Bühne ist die Straße. Horst "Hotte" Holtfreter ist obdachlos.

Sein Leben lässt sich in zwei Teilen erzählen. Es ist zum einen die Geschichte eines Mannes, der nicht vom Alkohol loskommt, dessen Versuche, sich eine Existenz aufzubauen, immer wieder scheitern. Das ist die Geschichte von Horst Holtfreter, 53 Jahre alt, gelernter Tiefbaumaurer aus Schwerin, vorbestraft, seit acht Jahren ohne festen Wohnsitz. Einer der vielen Berliner Obdachlosen, die jetzt wieder in den Eingängen von Kaufhäusern und S-Bahnhöfen sitzen und schnorren. An denen die Fußgänger unangenehm berührt, beschämt oder achtlos vorbeieilen.

Zum anderen ist es die Geschichte eines Mannes, der im Internet als verrückter Straßenmusikant gefeiert wird, der mit seiner Mundharmonika und seinen Verrenkungen die Passanten in Berlin und Stockholm begeistert. Das ist die Geschichte vom "Munspelsmannen", dem Mundharmonika-Mann, laut, lustig und kurios, von seinen Anhängern als "eines der öffentlichen Originale Stockholms" bejubelt. Ein deutscher Obdachloser, dem in einem sozialen Netzwerk fremde Menschen ihre Sympathie bekunden, obwohl die meisten von ihnen außer den verwackelten Clips allenfalls seinen Künstlernamen kennen.

Derzeit sitzt das "Stockholmer Original" vor dem Eingang des Berliner U-Bahnhofs Nollendorfplatz und wartet darauf, dass es Januar wird. "Dann darf ich wieder nach Schweden", sagt Holtfreter und grinst breit. Im Januar 2009 war er abgeschoben worden, nach einer Prügelei in der Innenstadt, "da hat mich einer gestört beim Spielen". Den schwedischen Ordnungshütern war der deutsche Obdachlose wohl schon öfter aufgefallen, und mit dieser Körperverletzung war das Maß voll: Holtfreter wurde in einen Flieger zurück nach Berlin gesetzt und erhielt ein zweijähriges Einreiseverbot. "Danach darf ich aber wiederkommen, haben die gesagt", sagt der 53-Jährige und grinst wieder. "Meine Fans warten ja auch schon auf mich."

"Alles die Wahrheit!"

Es ist kurz nach zehn Uhr an diesem Vormittag, Holtfreter und seine "Kumpels" sitzen im Freien vor der U-Bahnstation, mit dem Rücken zum ehemaligen Metropoltheater. Morgens um acht, wenn die Notübernachtung an der Lehrter Straße schließt, kommt Holtfreter hierher, und er verlässt seinen Stammplatz erst, wenn die Kältehilfe Berlin um 21 Uhr wieder öffnet – oder wenn es regnet. Dann stellt er sich unter die Brücke oder in das Bahnhofsgebäude. "Sonst werd' ich ja nass wie Flipper", grient er und greift zu seiner Ein-Liter-Flasche "Christkindl Glühwein". Zur Hälfte ist sie schon ausgetrunken, pro Tag "machen ich und meine Kumpels schon so zwei bis drei Flaschen leer", erzählt Holtfreter aufgekratzt. Nüchtern ist der 53-Jährige nicht mehr, wenn er sich vorbeugt, schlägt dem Zuhörer eine Fahne entgegen. Doch auf sein Gedächtnis, so versichert er, sei Verlass: "Ich schwöre, was ich sag', ist alles die Wahrheit!" Prüfen lässt sich das nicht. Aber Horst Holtfreter berichtet lange, lückenlos und lebhaft, und seine Erinnerungen sind voller Namen, Orte, Daten und Details. Er ist ein guter Erzähler.

Er beginnt seine Geschichte im Jahr 1987 in der DDR. Dort saß der damals 30-Jährige wegen Diebstahls und Körperverletzung im Gefängnis und beschloss, einen Ausreiseantrag zu stellen, weil er "diesen Scheiß vom Honecker nicht mehr hören konnte". Der Antrag wurde genehmigt, und so setzte sich Horst Holtfreter am 20. Mai 1988 in den Interzonenzug nach Hamburg-Altona und fuhr "nach'n Westen". Das genaue Datum jenes Tages hat der 53-Jährige ebensowenig vergessen wie sein Willkommensgeschenk am Grenzbahnhof Büchen: "Die haben jedem aus'm Osten 'ne Banane in die Hand gedrückt – mir war das so peinlich, ich hab' die direkt unter der Jacke versteckt."

Im Aufnahmelager Gießen bekommt Holtfreter Jeans, Pullover und zweihundert Westmark, nach einer Woche voller Papierkrieg will er nach Hamburg weiterziehen – doch sein Kumpel Frank, der mit ihm in Haft und ausgereist war, stimmt ihn um: "Der sagte, Mensch, komm mit nach West-Berlin, da tobt das Leben! Also hab' ich mit der Rasierklinge das 'Hamburg' von meinem Antrag ganz vorsichtig weggekratzt und 'Westberlin' hingeschrieben. Alles wahr! Sonst würd' ich ja jetzt nicht hier sitzen."

Berliner Zeiten – zum Lachen

Holtfreter sitzt auf einer niedrigen Mauer, pafft seine Stummelpfeife und redet immer weiter. Er scheint nicht zu merken, dass die klamme Luft durch das Zeitungspapier und die dünne beige Decke langsam in seinen Körper kriecht, vielleicht wegen des Alkohols, vielleicht, weil er ständig in Bewegung ist, aufspringt, sich wieder setzt oder lacht. Holtfreter lacht oft und laut, er reißt gerne Sprüche, "da kenn' ich 'ne Menge von", und wenn er wieder einen rausgehauen hat, lehnt er sich zurück, strampelt mit den Beinen in der Luft und gackert aus vollem Hals. Bei ihm lässt sich wirklich sagen: Er schmeißt sich weg.

Am meisten lacht Horst Holtfreter, wenn er von seinen Berliner Zeiten erzählt, seinem Leben, das so unstet verlief und immer gerade dann wieder kippte, als sich alles zum Guten zu wenden schien. Der arbeitslose Alkoholiker schafft es dennoch, diese Geschichten wie launige Anekdoten klingen zu lassen. Er erzählt, wie er bereits nach einer Woche in Berlin schon Arbeit bei einem Bauunternehmen fand und 2000 Mark netto im Monat verdiente, bis er den Job wieder verlor, "da hab ich Scheiße gebaut, zu viel gesoffen". Wie er von seinen ersten Ersparnissen einen Wochenendausflug nach Hamburg machte, im Casino Black Jack zockte und nach einer Glückssträhne ständig verlor, bis er fast pleite war. Wie er seinem Kumpel Frank für 300 DM einen alten, weißen VW Käfer abkaufte, obwohl er keinen Führerschein hatte, und damit eines Nachts "im Suff" einen Unfall baute und Fahrerflucht beging. Erwischt wurde er trotzdem, die Geldstrafe über 10000 DM legte sein Freund Werner aus, in dessen Schöneberger Kneipe Holtfreter dafür aushalf, um seine Schulden abzuarbeiten.

Er erzählt auch, dass er in den 90er-Jahren im offenen Vollzug war, wegen Körperverletzung, und als Arbeitsloser mit seiner Freundin Vera beim Supermarkt Kaisers' die Türen aufhielt, "damals waren das ja noch keine Automatiktüren". Mit Vera und seinen zwei Hunden, dem Boxer Prinz und dem Schäferhund Jerry, lebte er in einer Eineinhalb-Zimmer-Wohnung in einem Moabiter Hinterhof, "schön eingerichtet, und die Vera hat gut gekocht". Bis Vera für drei Wochen verschwand und nach ihrer Rückkehr einen Seitensprung gestand. Holtfreter sagt, er habe ihr damals verziehen; die Beziehung ging dennoch in die Brüche. "Und wir sind aus der Wohnung geflogen. Haben zu oft und zu laut Musik gehört und gestritten. Und gesoffen."

Eine junge blonde Passantin wird auf ihn aufmerksam, zögernd tritt sie auf ihn zu. Sie studiere Fotografie und würde gerne ein Bild von ihm machen – ob er etwas dagegen habe? Holtfreter strahlt und wirft sich sofort in Pose. Er ist es gewöhnt, ständig fotografiert und gefilmt zu werden, und er genießt spürbar den Rummel um seine Person – nicht nur als Straßenmusikant: Im vergangenen Winter hatte er hier am Nollendorfplatz aus Schnee und Eis ein meterhohes Iglu aufgeschaufelt, aus einer Laune heraus. Bald berichteten Zeitungen und Fernsehsender über ihn, und Holtfreter wurde für kurze Zeit zu Berlins bekanntestem Obdachlosen: "Da kam sogar ein Kamerateam aus Italien!"

Horst Holtfreter im Porträt

Die Studentin hat derweil ihr Foto gemacht, Horst Holtfreter im Porträt, einmal lachend, einmal ernst, mit Glühweinflasche in der einen und einer lilafarbenen Rentier-Tasse in der anderen Hand. In dem Becher sammelt er sonst Kleingeld, "ein Glückscent muss immer drin sein", sagt der Straßenmusikant und stellt ihn zurück vor seinen hellbraunen Lederkoffer, den er "mal auf dem Nollendorfplatz gefunden" hat. Die Tasse, der Koffer, ein Schlafsack, zwei leere Bierflaschen und eine blaue Ikea-Plastiktasche für seine Habseligkeiten: Das ist der gesamte Besitz von Horst Holtfreter. Und, natürlich, seine wertvollsten Stücke: das Miniradio und die Mundharmonika.

Mit dieser Mundharmonika beginnt die andere Geschichte im Leben von Horst Holtfreter, und ganz zu Beginn war sie einmal ein Weihnachtsgeschenk – eines, mit dem Holtfreter zunächst gar nichts anfangen konnte. Zwei junge Frauen schenkten es ihm vor acht Jahren, als der Obdachlose in einer Stockholmer Fußgängerzone saß. In der schwedischen Hauptstadt war Holtfreter gelandet, nachdem er Berlin im Sommer verlassen hatte, um Vera, Deutschland und seine Vergangenheit endgültig hinter sich zu lassen. Also saß Holtfreter an Heiligabend 2002 vor einem Spätkauf in der Stockholmer Innenstadt, als ihm die Passantinnen ein frohes Fest wünschten und die kleine silberne Mundharmonika in die Hand drückten, um ihm eine Freude zu machen, wie sie sagten. "Soll ich die aufessen, hab' ich se gefragt, ich konnt' ja nicht einen Ton darauf spielen. Aber dann hab' ich se doch genommen, war ja nagelneu." Ein paar Stunden und etliche Schlucke später sei er dann aber doch in Stimmung gekommen und habe es probiert, "ich kannte von früher noch zwei, drei Volkslieder, und ein russisches, 'Es war in einer Winternacht'…"

Horst Holtfreter begann, jeden Tag zu üben, zunächst ohne Radio. Stattdessen stellte er sich in Hörweite einer chilenischen Indiogruppe auf und begleitete die Panflötenspieler, zu deren Verdruss, mit seinen Mundharmonikaklängen. Die Chilenen spielten allerdings nur freitags bis sonntags, und Holtfreter war auf seine täglichen Einnahmen angewiesen – also beschaffte er sich als Begleitmusik kurzerhand ein Miniradio. "Ich such' mir immer 'nen schwedischen Sender mit schöner Musik, am liebsten Rock'n'Roll oder Country, aber Klassik kann ich auch." Seit acht Jahren musiziert er nun schon, spielt zu ABBA, Bob Dylan oder Nena, und verdient damit "gutes Geld". "So 300 bis 400 Kronen am Tag", rund 40 Euro, "und ein ganzes Hähnchen kostet nur 40 Kronen".

Irgendwann muss ein schwedischer Passant einmal auf die Idee gekommen sein, diesen merkwürdigen Straßenmusiker bei einem seiner furiosen Auftritte zu filmen und das Video ins Internet zu stellen. Dann kam noch ein Film dazu. Und noch einer. Die Leute sahen sich die Filmchen an, schrieben in die Kommentare, dass sie diesen Mann auch kennen und seine Mundharmonika-Improvisationen so toll fänden, dass sie mit ihm zusammen ein Foto gemacht hätten. Und dann muss ein Schwede für Horst Holtfreter eine Facebook-Gruppe gegründet haben, unter dem Namen "Munspelsmannen", Mundharmonika-Mann. Auf der Pinnwand des sozialen Netzwerks jubeln die Facebooker über Holtfreters Auftritte, sie feiern seine Originalität. Manche berichten zwar, dass er sie verfolgt oder erschreckt hat, die meisten sind aber einfach nur begeistert von diesem deutschen Obdachlosen, dem komischen Kauz, der plötzlich zu einer kleinen Berühmtheit geworden ist. Zu ihrem Star von der Straße.

Das Ziel: Stockholm

Ahnt Holtfreter, dass er von wildfremden Menschen derart gehypet wird? Auf die 21000 Facebook-Fans angesprochen, grinst er nur und schüttelt den Kopf. Starrummel um seine Person scheint hier am kalten Nollendorfplatz ziemlich abwegig. Aber er weiß, dass er in seiner Wahlheimat Schweden bekannt und beliebt ist. In einer Stockholmer Kirchenorganisation arbeite ein guter Bekannter von ihm, Max, der habe ihm mal die Videos gezeigt. "Und dann hat er gemeint, hier, du hast sogar 'nen Fanclub." Damals seien es 6000 Leute auf seiner Facebook-Seite gewesen. "Da hab' ich nur gesagt, Mensch, du spinnst doch, kann gar nicht sein. Alles wahr!"

Noch knapp zwei Monate muss Holtfreter noch warten, Weihnachten und Sylvester hinter sich bringen, dann darf er wieder nach Stockholm. Bis dahin wird er Tag für Tag am Nollendorfplatz sitzen, den irritierten Passanten Sprüche hinterherrufen, Pfeife rauchen und vielleicht sogar wieder einen Iglu bauen. Und er wird natürlich weiter Mundharmonika spielen, meist zu den Klängen von Radio NRJ oder Fritz, und sich dabei überlegen, wie er am besten wieder nach Schweden kommt.

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