Streik

Klinik von Charité-Patienten dringend gesucht

Seit an den drei Charité-Standorten – in Wedding, Mitte und Steglitz – streikbedingt nur noch Notfälle behandelt werden, können sich die umliegenden Krankenhäuser vor Patienten kaum retten. Sanitäter und Ärzte sind überfordert, Patienten hilflos und viel unterwegs.

Foto: AFP

Michail Gaverperk verlässt gerade die Notaufnahme des Bundeswehrkrankenhauses. Bei seiner Frau haben Pfleger am Morgen sehr hohen Blutdruck gemessen, Sanitäter holten die alte Dame aus dem Pflegeheim und wollten sie eigentlich hierher bringen. Der Pole berichtet, dass der Rettungswagen offenbar umgekehrt sei, weil es hier zu einer viel zu langen Wartezeit gekommen wäre. Jetzt teilt ihm eine Schwester mit, dass er sich ans DRK-Klinikum Mitte wenden soll. „Ich weiß nicht mal, wo das liegt“, sagt Gaverperk. Er sieht hilflos aus, winkt ein Taxi herbei, steigt ein. Der Fahrer will ihm helfen. Einen ähnlichen Fall habe er erst vor zwei Tagen gehabt, sagt er.

Hunderte OPs verschoben

Die Tarifauseinandersetzung an der Charité wird zusehends zur Belastungsprobe für die umliegenden Berliner Krankenhäuser. An den drei Charité-Standorten – in Wedding, Mitte und Steglitz – werden nur noch Notfälle behandelt. Seit Montag streiken am Uniklinikum Tausende der über 10.000 Mitarbeiter im Pflege- und Technikbereich, 90 Prozent aller Behandlungen können seither nicht durchgeführt werden. Mehrere hundert Operationen wurden verschoben. Feuerwehr und private Krankentransporte sind angewiesen, andere Kliniken anzufahren. In Mitte berichten Notärzte von Engpässen in Rettungsstellen. So komme es in umliegenden Kliniken, darunter im Jüdischen Krankenhaus oder in der Evangelischen Elisabeth Klinik, zu einem verstärkten Patientenaufkommen in den Notaufnahmen.

Sanitäter Michael Fuchs hatte diese Woche Dienst, er arbeitet für einen privaten Krankentransportdienst. Fuchs ist ein zupackender Mann in weißem Kittel, 33 Jahre alt. „Solche Zustände habe ich noch nicht erlebt“, sagt er. Doppelt so viele Fahrten wie sonst mache er derzeit pro Tag. Die Häuser der Charité fahre er nur noch in äußersten Notfällen an. Darum fährt er nun viele Umwege. Das Problem: Viele Rettungsstellen sind voll, Patienten mit dringenden Problemen muss er woanders hinbringen. Laut Fuchs sei die Situation in Vivantes- und DRK-Krankenhäusern noch gut, in kleineren Kliniken sei er auch schon abgewiesen worden. „Manchmal muss ich richtig darum kämpfen, dass der Patient dableiben darf“, sagt er. Kürzlich transportierte er einen Mann mit Verdacht auf Schlaganfall in eine Pankower Klinik. Dort sei Fuchs geraten worden, ein anderes Krankenhaus aufzusuchen. Auch die nächste Rettungsstelle habe ihn abgewiesen, dabei sei die linke Gesichtshälfte des Patienten schon gelähmt gewesen.

Verstärktes Patientenaufkommen

Das Bundeswehrkrankenhaus ist ein Akademisches Lehrkrankenhaus der Charité. Weil Soldaten nicht streiken dürfen, sind hier alle im Einsatz. Ein verstärktes Patientenaufkommen zeigt sich am Freitag bereits vor dem großen Tor. Mehrmals pro Stunde biegen Feuerwehrwagen in die Einfahrt, tragen Rettungskräfte Kranke in die Notaufnahme. Drinnen huschen Pfleger und Ärzte durch die schmalen Gänge. Patienten blicken erwartungsvoll. Alle Sitzplätze der Notaufnahme sind belegt, die meisten warten seit Stunden. Ein Mann mit geschwollenen Beinen, ein Soldat mit Platzwunde über der Braue, eine Schwangere. Behandelt wird ein Patient mit Herzrhythmusstörungen, offenbar ein Notfall, der vorgeht.

17.000 Notfälle werden hier pro Jahr behandelt. Der leitende Arzt sagt, dass derzeit bis zu 20 Prozent mehr Patienten kommen. „Wir spüren die Auswirkungen des Streiks hier sehr“, sagt er. Nach Ankündigung des Streiks am Montag sei aber Personal aufgestockt worden. Seither sind mehr Pfleger, Schwestern und Ärzte im Dienst. „Überstunden machen sie trotzdem“, sagt er. „Ich hoffe, dass sich die Situation an der Charité bald klärt“, sagt der Leiter der Rettungsstelle. Für ihn und seine Mitarbeiter gilt eine klare Regel: Am Bundeswehrkrankenhaus darf kein Patient abgewiesen werden. „Die Wartezeiten sind das Problem“, sagt er.

200 Euro mehr

Während Mitarbeiter der Rettungsstellen über den ungewohnt starken Ansturm klagen, gibt es seitens der Charité ein positives Signal: Die Tarifparteien haben die Verhandlungen wieder aufgenommen, der Streik wird unterbrochen. Gewerkschaften fordern für 10000 Beschäftigte im Pflege- und Technikbereich rund 300 Euro mehr im Monat. Nach ersten Gesprächen am Mittwoch legte das Uniklinikum ein neues Angebot vor: Dieses sieht eine Erhöhung von 200 Euro bis Juli kommenden Jahres vor, außerdem eine Angleichung des Kündigungsschutzes von Beschäftigten aus Ost und West.

Freitag früh versammeln sich mehrere hundert Schwestern und Pfleger vor dem Bettenhaus. Sie sitzen auf Bierbänken, stimmen Sprechchöre an. Plötzlich tritt Streikführer Carsten Becker vor die Menge. Mit einem Megafon berichtet er vom Angebot der Charité, zeitgleich tun das seine Kollegen am Campus Benjamin Franklin in Steglitz und am Virchowklinikum. Es wird plötzlich still, dann wird abgestimmt. Ergebnis des Stimmungsbildes: Schwestern und Pfleger finden das Angebot zumindest ernstzunehmend.

Dann kommt noch eine Nachricht via Megafon: „Eine MTA wird dringend in die Urologie gebeten.“ Gleich drei Frauen eilen ins Bettenhaus. „Wir kümmern uns!“, ruft eine.