U-Bahn-Schläger

Als Torben P. mit seinem Vater zur Wache fuhr

Der 18-jährige Täter vom U-Bahnhof Friedrichstraße wird von der Justiz wegen versuchten Totschlags angeklagt. Nach der Tat stellte er sich freiwillig der Polizei, blieb aber auf freiem Fuß. Der zuständige Richter verteidigt nun sein Vorgehen.

Nicht einmal zwei Wochen nach dem brutalen Angriff auf einen 29-Jährigen im U-Bahnhof Friedrichstraße hat die Justiz jetzt Anklage gegen den mutmaßlichen Täter erhoben. Das bestätigten am Donnerstag Justizsenatorin Gisela von der Aue (SPD) und die Staatsanwaltschaft. Dem 18-jährigen Gymnasiasten Torben P. wird versuchter Totschlag vorgeworfen.

Mit diesem Tatvorwurf war bereits Haftbefehl gegen den Schüler ergangen. P. hatte sich kurz nach dem Überfall auf einer Polizeiwache gestellt und den Übergriff zugegeben. Dass die Vollstreckung des Haftbefehls daraufhin außer Vollzug gesetzt und der Beschuldigte auf freien Fuß gesetzt wurde, hatte zu heftiger Justizschelte geführt und hitzige Debatten über den so genannten Warnschussarrest für junge Straftäter ausgelöst.

Überfall sorgt für Entsetzen

Der Überfall am Sonnabend vor Ostern löste bundesweit Entsetzen aus, nachdem die Polizei zu Fahndungszwecken Videoaufnahmen einer Überwachungskamera veröffentlicht hatte. Die Bilder zeigen, wie der Installateur Markus P. nachts um 3.30 Uhr auf dem U-Bahnsteig der Linie 6 mit zwei jungen Männer erst in Streit gerät und dann von einem der Angreifer niedergeschlagen wird. Anschließend prügelt der Schläger mit wuchtigen Fußtritten gegen den Kopf des wehrlos am Boden liegenden Opfers, bis zu dessen Bewusstlosigkeit.

Geradezu bizarr wirkten jene Aufnahmen, die zeigen, wie der Angreifer Torben P. Sekunden nach der brutalen Attacke am Tatort freudig herumtänzelt. Ein 21-jähriger Zeuge aus Bayern war kurz zuvor eingeschritten und hatte den Schläger von dem Opfer weggezogen. Dabei wollte er Torben P. festhalten. Dies verhinderte jedoch P.s gleichaltriger Komplize, indem er den Zeugen mit einem Tritt in den Rücken attackierte und damit erst die Flucht der beiden Schläger ermöglichte.

Georg B. hatte anschließend sein Unverständnis darüber geäußert, dass niemand außer ihm selbst eingegriffen hat, obwohl viele andere Fahrgäste auf dem Bahnsteig warteten. Der 21-Jährige hatte durch den Fußtritt Hautabschürfungen erlitten. Die Mutter des Opfers sagte nach der Entlassung ihres Sohnes aus dem Krankenhaus zu Morgenpost Online, sie sei überzeugt davon, dass das beherzte Einschreiten von Georg B. ihrem Sohn womöglich das Leben gerettet habe. Berlins Polizeipräsident Dieter Glietsch dankte dem Mann in einem Brief für seinen couragierten Einsatz und lud ihn zu einem Hauptstadt-Besuch ein.

Die Ermittlungen in dem Fall hatte umgehend eine Mordkommission übernommen. Doch der mutmaßliche Täter Torben P., der in Heiligensee bei seinen Eltern wohnt, stellt sich noch am Abend des Tattages in Begleitung seines Vaters auf einer Reinickendorfer Polizeiwache. In der Vernehmung soll der 18-Jährige den Beamten gesagt haben, er sei zum Tatzeitpunkt betrunken und zudem in einer aggressiven Stimmung gewesen.

Der Jugendrichter, der Torben P. nach seinem Geständnis nicht in die Untersuchungshaft einweisen ließ, wurde für seine Entscheidung scharf kritisiert. Formal war sie aber korrekt. Denn der mutmaßliche Täter hatte ein Geständnis abgelegt, außerdem war er polizeilich zuvor noch nicht in Erscheinung getreten. Damit fehlten entscheidende Gründe für eine Untersuchungshaft, nämlich Flucht- oder Verdunklungsgefahr. Justizsenatorin von der Aue sagte hierzu: Das Gesetz verbietet es, Untersuchungshaft zur „Abschreckung“ oder als Vorwegnahme der Strafe zu benutzen. Dies besage eine Entscheidung des Bundesverfassungsgerichtes.

Auch der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Martin Steltner, bezeichnete am Donnerstag die Entscheidung des Jugendrichters als „vertretbar.“ Aus der Anklage wollte Steltner keine Details bekanntgeben. Darüber könne er nicht sprechen, bevor diese den Beteiligten des Verfahrens nicht zugestellt sei, sagt er zur Begründung. Unklar ist, ob auch gegen den zweiten Tatverdächtigen, gegen den wegen gefährlicher Körperverletzung ermittelt wird, bereits Anklage erhoben wurde.

Debatte über Warnschuss-Arrest

Gestritten wird nach dem Übergriff auch über einen von der Bundesregierung geplanten Warnschuss-Arrest für junge Straftäter. Der Deutsche Richterbund lehnt diesen als weitgehend wirkungslos ab. Die Gewerkschaft der Polizei fordert mehr Polizeipräsenz in Großstädten, Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) plädiert für ein bundesweites Alkoholverbot in öffentlichen Verkehrsmitteln.

Für Diskussionen sorgt auch, dass die Staatsanwaltschaft im Fall des Berliner U-Bahn-Schlägers lediglich wegen versuchten Totschlags und nicht wegen versuchten Mordes ermittelt hat. Die Unterscheidung dieser Formen von Tötungsdelikten ist eindeutig geregelt. Im Gegensatz zum Totschlag, also der vorsätzlichen Tötung eines Menschen, kann der Vorwurf Mord nur bei zusätzlichen Merkmalen erhoben werden. Dazu zählen Heimtücke, Habgier oder niedere Beweggründe, etwa wenn eine Tat zur Befriedigung des Sexualtriebs begangen wurde.

So wird gegen die Tatverdächtigen des Überfalls auf einen Handwerker im Februar im U-Bahnhof Lichtenberg, in dessen Folge das Opfer wochenlang im Koma lag, wegen gemeinschaftlichen Raubmords und gefährlicher Körperverletzung ermittelt. Die vier Jugendlichen, der jüngste Verdächtige ist erst 14 Jahre alt, sitzen seit ihrer Festnahme in Untersuchungshaft.

Noch immer flüchtig sind indes die Schläger, die vergangene Woche in einem Bahnhof in Wedding einen 21-Jährigen brutal getreten und zusammengeschlagen haben. Die Täter hatten den Angriff am Donnerstagmorgen im U-Bahnhof Amrumer Straße verübt und wollten dort das Opfer ausrauben. Obwohl die Polizei am Dienstag ein Video herausgegeben hat, fehlt von den Angreifern jede Spur. Bis Donnerstag lag erst ein Hinweis vor.