125 Jahre

Warum der Kudamm eine Typberatung braucht

Berlins berühmtester Boulevard wird 125 Jahre alt - und ist ein bisschen in die Jahre gekommen. Mit ein paar Veränderungen könnte der Kurfürstendamm bald schon viel schöner sein - sagt Architekt Hans Kollhoff.

Am Kurfürstendamm gibt es immer noch zahlreiche kraftvolle, opulente Häuser, solche, die ihn gewissermaßen als Boulevard etablieren. In die Architekturgeschichte haben diese Häuser kaum Eingang gefunden, weil im vergangenen Jahrhundert vornehmlich das Avantgardistische die Aufmerksamkeit der Architekturkritiker, Baugeschichtler und, wie sollte es anders sein, der Architektenschaft genoss. Bis heute kümmert sich die Denkmalpflege eher um das Andersartige, nicht selten Abwegige, das keiner mehr will, als um das konventionell Anspruchsvolle, das sich stadtbürgerlicher Beliebtheit erfreut. Offenbar ist der Kurfürstendamm ein Ort, an dem diese konträren Welten, die der intellektuellen Sehnsucht nach Visionen und die des volkstümlichen Bedürfnisses, gut aufgehoben zu sein, zusammenprallen. Die Bürger lieben ihren „Kudamm“, die Architekturbeflissenen nehmen ihn naserümpfend als historistische Peinlichkeit zur Kenntnis.

Nicht zuletzt deshalb war und ist der Kurfürstendamm immer gefährdet, Modernisierungsversuche über sich ergehen lassen zu müssen, die ihm wehtun und nicht selten an die Substanz gehen. Es gibt Häuser, die ihn grob entstellen und die man abreißen sollte. Natürlich gibt es zahlreiche belanglose Häuser, meist neueren Datums, die nicht sonderlich stören und über die man nicht reden muss. Dann gibt es solche, die nicht allzu sehr stören, obwohl sie unsensibel überformt wurden, was man mit etwas gutem Willen korrigieren könnte. Schließlich gibt es Bauten, die aus der Distanz massiv in den Kudamm hineinwirken, Hochhäuser, die man aus ihrem Autismus, aus ihrer Kopf- und Gesichtslosigkeit befreien sollte.

Man versteht nicht, warum gerade unsere Aushängeschilder im globalen Wettbewerb kein Gespür haben für den Genius Loci des Kurfürstendamms. Die Deutsche Bank verunstaltet in den achtziger Jahren ein wunderbares 20er-Jahre-Haus, das wohl nicht unter Denkmalschutz stand, weil es nicht zu den revolutionären künstlerischen Leistungen seiner Zeit gezählt wurde. Bei BMW haben wir es mit einem Neubau zu tun, der an Peinlichkeit nicht zu überbieten ist. Zu viel ist am Kudamm eingeklemmt zwischen restriktiven Vorschriften und Profiterwartung.

Zwischen Leibniz- und Schlüterstraße sieht man, dass es anders geht. Offenbar ist die luxuriöse Mode immer noch oder wieder auf ein Ambiente angewiesen, das dem alten Kudamm eigen war, dort wurden einige Häuser auf bewundernswerte Weise modernisiert und dem heutigen Bedarf angepasst. Leider Gottes muss nun dort, wie die Faust aufs Auge, ein Shopping-Center mit Allerweltsarchitektur aus Glas entstehen. Einmal mehr hat der Bezirk es versäumt, dafür zu sorgen, dass hier der Kudamm wieder zu sich selber findet.

Der Kudamm war immer, wie jeder Boulevard, Überschwang und Verschwendung. Mit politisch korrekter Abstraktion ist dem nicht beizukommen. Und auch nicht mit Massenkonsum, der vom Tauentzien her den Boulevard aufzufressen droht. Allzu wenige Bürger, die sich mit diesem einzigartigen Stadtraum Berlins identifizieren und aufbegehren, wenn er angegriffen wird, stehen einer Phalanx von profitfixierten Investoren, willfährigen Architekten und überforderten Beamten gegenüber. Wo ist das bürgerliche Engagement geblieben, das den Kudamm einmal hervorgebracht hat?

Aufwendig und grobschlächtig

Mit wenig Aufwand ließe sich das Haus der Deutschen Bank korrigieren. Ein ebenso aufwendiger wie grobschlächtiger Umbau hat die Erdgeschoss- und Dachzone dieses bemerkenswerten, großstädtischen 20er-Jahre-Hauses auf skurrile Weise entstellt. Man wollte mit riesigen Schaufenstern auffallen, merkte aber, dass man den Dekorationsaufwand in Grenzen halten möchte oder gar keine Schaufenster mehr braucht, weil sie dem Sicherheitsbedürfnis abträglich sind. Die protzigen, überdimensionierten Edelstahlprofile hatten offenbar das Budget schon so weit dezimiert, dass man den Aufwand, die türkis glasierten, großformatigen Keramikplatten des Bestandes nach historischem Vorbild herzustellen scheute, um stattdessen einen neureichen Badezimmerstein für die Fassade zu verwenden. Zu allem Übel bleibt das größte „Schaufenster“ unverglast, eine schräge Fläche kippt nach hinten und wird mit „Blue Bahia“ tapeziert. Zu guter Letzt wird das Dach mit billigem Blech gedeckt. Anstatt Gauben gibt es Veluxkippfenster und einen groben Terrasseneinschnitt.

Etwas mühevoller gestaltet sich die Verbesserung des BMW-Hauses. Hier haben wir es mit einem Neubau zu tun, der provinzieller nicht sein könnte. Seine Glastrommel soll wohl den Berlin-typischen Erker nachempfinden und gleichzeitig einen Motorzylinder symbolisieren – wenn die Architekten überhaupt so weit gedacht haben. Die unterschiedlichen Bauteile führen ein sonderbares Eigenleben, das Glas will von den Steingestellen nichts wissen und diese nichts vom Dach, das sich über ihnen verschämt von der Seite heranschleicht. Die seitlichen Lochfassaden sind mit einem Allerweltsgranit, den man von Gehwegplatten kennt, verpackt. Natürlich auch hier hochglanzpolierte Edelstahlfensterrahmen. Mit überdimensionierten Werbeflächen im ersten Obergeschoss, die verraten, dass es hier vielleicht gar nicht um ein Kudammhaus ging, sondern um ein gut platziertes Werbegerüst. Vulgärer geht's nicht.

Wenn es die Denkmalpflege seiner 50-er-Jahre-spezifischen Ecksituation wegen noch nicht unter Schutz gestellt hat, sollten die Scheuklappen Hauses an der Bleibtreustraße mit dem erst kürzlich aufwendig hergerichteten Schmuckgeschäft genutzt werden, die Decken bis zur Bauflucht vorzuziehen und mit einer neuen Fassade zu versehen. Der dabei zu erwartende Mietflächengewinn in den Obergeschossen lässt die Maßnahme durchaus profitabel erscheinen und der Kurfürstendamm hätte ein respektables Eckhaus gewonnen, das nur nicht den Fehler seines Gegenübers wiederholen sollte, mit einem für den Kudamm untypischen, schwerfälligen Granit aufzutreten und sich dann noch ein sonderbares Signet auf die Stirn zu setzen.

Das im Bau befindliche Projekt Kudamm 195 ist ein Ärgernis ohnegleichen. Es wird eine ähnliche Kerbe in den Boulevard schlagen wie das unselige Kranzlereck. Was für eine Gelegenheit wurde hier vertan, anstatt eines Großprojektes, das sich weit in die Tiefe des Blockes frisst, zwei, drei neue Kudammhäuser zu realisieren, um den Boulevard an einer neuralgischen Stelle zu stabilisieren! Muss man wirklich zusehen, wie der Kudamm mit dieser mediterranen Allerweltsarchitektur Grimassen zieht? Wäre man in der Lage umzudenken, bevor der Beton fließt, könnte man sich die Abrisskosten sparen.

Ein Gebäude wie ein Monster

Gleich nebenan wird der ehemalige Boardingpalast für hochwertiges Wohnen umgebaut von einem Bauherrn, der auf ganz bemerkenswerte Weise eine ganze Reihe von Kudammhäusern vorbildlich hergerichtet und hochwertig vermietet hat. Die Leute, die hier einziehen, werden sich für dieses Monster in ihrer Nachbarschaft bedanken. Man sollte dafür sorgen, dass am Kurfürstendamm wieder mehr Menschen wohnen, die im Auge behalten, was um sie herum passiert.

Ganz einfach ließe sich das 50er-Jahre-Hochhaus des Kudammkarrees mit seiner Steinfassade aus den Siebzigern aufwerten, indem man ihm einen Hut verpasst. Ein Hochhaus bedarf einer Schmuckform als Turmabschluss, das weiß man spätestens seit Saarinens Siegerprojekt des Chicago-Tribune-Wettbewerbs, das alle abstrakten europäischen Kisten hinter sich gelassen hat. Mit überschaubarem Aufwand vom funktionalistischen Container zur Hochhaus-Landmark!

Der Autor Hans Kollhoff wurde 1946 in Lobenstein (Thüringen) geboren. Er studierte Architektur an der Universität Karlsruhe. Kollhoff betreibt in Berlin ein Architekturbüro. Er entwarf unter anderem Gebäude für den Potsdamer Platz. Zudem ist er Professor für Architektur und Konstruktion in Zürich.