Club-Szene

Das Berghain ist nur für Erwachsene

Das Berghain in Berlin-Friedrichshain gilt als einer der besten Clubs der Welt. Seit sieben Jahren kommen Menschen von überall her, auf der Suche nach der wildesten Nacht ihres Lebens. Warum nur?

Wie in Zeitlupe streicht der Junge dem Mädchen über die Stirn, vielleicht, weil er dort eine Schweißperle entdeckt hat. Sie nimmt seinen Kopf in ihre Hände, schaut ihm sehr ernst in die Augen. Sekunden? Minuten? Dann kommen sich ihre Münder näher und dann: Der Kuss. Endlos.

Es ist Sonntag, elf Uhr morgens, hinter den beiden Küssenden tanzen 300 Menschen im Berghain zu lauter Technomusik. Ben Klock legt seit einer Stunde auf, er ist ein weltweit bekannter DJ und einer von 20 „Berghain Residents“, also denen, die hier je einmal im Monat auflegen. Ein A4-Blatt neben ihm zeigt an, dass er „bis zum Ende“ für die Musik zuständig ist. Aber dieses Ende ist jetzt genauso wenig absehbar und erwünscht wie das eines sehr langen Kusses.

Zu beschreiben, was die Faszination des Berghain ausmacht, gleicht dem Beschreiben eines guten Kusses. Die Menschen, die dort waren, erzählen von einer magisch aufgeladenen Stimmung, von einem großen Gefühl der Zugehörigkeit. Die noch nicht im Berghain waren, haben nur Bilder im Kopf, die in Zeitungen stehen: Schlangennest, Technotempel, Drogenhölle. Doch es gibt noch immer die, die jedes Wochenende zum ersten Mal dazu gehören wollen, und deshalb von überall her nach Berlin kommen, am Ostbahnhof in Friedrichshain aussteigen, die 400 Meter zur Straße „Am Wriezener Bahnhof“ laufen, vorbei am Hostel „Ostel“ und an einem Graffiti „Berghain ist doof“ – und trotzdem die Hoffnung haben, hier die Nacht ihres Lebens zu verbringen.

Wer dann vor dem großen, kastenförmigen Gebäude steht, kommt zunächst an einen sehr leisen Ort. Die Schlange, die sich in den Nacht zu Sonntag bildet, kurz bevor der Club 23.59 Uhr aufmacht, hat eine beinahe weihevolle Stille. Die Anstehenden sind meist in Alltagskleidung, nur wenige haben sich zurechtgemacht. Die meisten kennen die Regel: Sei einfach du selbst, dann nickt der Türsteher am Eingang. Der bekannteste von ihnen ist der Fotograf Sven Marquardt. Er hat lange, graue Haare, trägt gern Anzug und Fliege in Rot-Schwarz und ist nicht nur im Gesicht tätowiert und gepierct. Er hat einmal gesagt, wenn er „Leben in den Gesichtern sieht“, dann lässt er sie ein, die Gäste. Das ist gewollt unkonkret formuliert, weil es letztlich keine Regeln gibt. Laut einem Gerücht wurde US-Popstar Britney Spears hier abgewiesen, Lady Gaga kam rein.

Kein VIP-Bereich, keine Spiegel

Besonders lang war die Schlange vor zwei Jahren, als das sonst wenig bekannte „DJ Mag“ aus London das Berghain zum „weltbesten Club“ kürte. Im Jahr 2010 kam das Berghain auf Platz 8, in diesem Jahr auf Platz 6, hinter Clubs auf Ibiza, in London und New York. Doch auch das Magazin erklärt nicht, wie es zu dem Urteil kommt. Vor allem lobt es Dinge, die im Berghain nicht gibt: keine VIP-Bereiche, keine Spiegel auf den Toiletten und keine teuren Cocktails. „Es gibt nur eine gute Musikanlage, fabelhafte DJs und ein tolles Publikum.“ Dann schreiben sie einen seltsamen Satz: „Für Uneingeweihte wird das Berghain ein Mysterium bleiben.“

Die beiden Club-Chefs Michael Teufele und Norbert Thormann haben sich nie dazu geäußert. Seit Jahren geben sie immer nur einen Satz an die Öffentlichkeit: „Wir machen weiter wie bisher.“ Das wichtigste Wort dabei: „Wir“, denn wer sich länger mit Mitarbeitern des Berghain unterhält, hat immer das Gefühl, dass es eine Gemeinschaft ist, die diesen Ort funktionieren lässt. Das sind Menschen, die sich genauso kleiden wie das Publikum, das sie gern drin hätten, Menschen, die pünktlich zur Arbeit erscheinen, egal ob die Schicht um 23.59 Uhr beginnt oder am Sonntagmorgen um acht.

Da ist Lennart Häger, der an der Garderobe die Jacken gegen Marken austauscht. Der 29 Jahre alte Architekt entwirft unter der Woche Gebäude – und am Wochenende ist er im Berghain, weil seine Kollegen seine Freunde sind.

Da ist Achim Brandenburg, der unter dem Namen Prosumer in Clubs in Asien und den USA aufgelegt hat. Er kommt aus Saarbrücken, wo manchmal seine Eltern im Wohnzimmer die Platten des Sohnes ihren Freunden vorspielen.

Da ist Kerstin Egert, die schon als Tama Sumo vor 17 Jahren in den Clubs an der Leipziger Straße aufgelegt hat, und heute wie Prosumer und Ben Klock „Berghain Resident“ ist, den Namen des Berliner Clubs mit in die Welt nimmt.

Sie alle reagieren eher zurückhaltend auf die Begeisterung, die schon das Wort Berghain bei vielen auslöst, und sprechen lieber von einer „Familie“, bei der sich fast alle kennen und auch die Chefs sich nie herausstellen. Wenn sie an die Garderobe oder die Bar kommen, lassen sie immer Gästen den Vortritt. Die haben schließlich eine Stunde angestanden, sich nach Drogen absuchen lassen und 12 Euro Eintritt bezahlt – plus an der Garderobe 1,50 Euro. „Bis vier Uhr“, sagt Lennart Häger von der Garderobe, „kommen die Erstbesucher, denen man eine Hysterie anmerkt.“ Je näher es gen Morgen gehe, umso mehr Stammpublikum sei dabei. „Mit denen ist es entspannter“, sagt er, „weil sie wissen, wie der Laden tickt.“ Ihnen muss man nicht erklären, was sie nicht dürfen (fotografieren) und was sie dürfen (sonst alles).

Die einfachste Art, den Berghain-Sog zu verstehen, ist, sich oben an die breite Treppe neben der Tanzfläche zu stellen und den Neuankömmlingen zuzusehen, wenn sie die Stufen hinaufsteigen. Ihre Augen werden größer, die Münder öffnen sich und manche sagen: „Wooaah!“. Den meisten fehlen die Worte. Sie sehen drei Meter hohe Boxen, ein DJ-Pult, das an dicken Ketten hängt, eine 15 Meter hohe dunkle Wand, Bars, die hinter Gittern liegen, muskulöse, halbnackte Männer und Frauen in leuchtenden Leggins. Die Neuen gehen auf Entdeckungstour in die Eisbar, setzen sich mit einem Bier auf eine Schaukel oder verschwinden in einem der beiden Darkrooms, Nischen, in denen nur Schemen zu erkennen sind. Wenn sie dort herauskommen, haben sie dann wieder diesen „Woahh!“-Blick, weil es solch einen Ort, da, wo sie herkommen, eben nicht gibt. Für sie muss es sich anfühlen wie auf einer Safari, die schnell den ganzen Sonntag dauern kann.

Endlose Feiern und die hemmungslose Gäste

Das hat viel mit der treibenden Musik zu tun, die keinen Anfang und kein Ende hat – und durch die hohen Boxen und den hohen Saal hier ihren perfekten Raum findet. DJ Achim Brandenburg weiß noch genau, wie er zum ersten Mal gebucht wurde für das Berghain. „Die haben mir gesagt, ich soll um elf Uhr auflegen“, sagt er. Irritiert habe er gefragt: „Das Berghain macht doch erst um Mitternacht auf?“ – Die Antwort: „Na, wir meinen elf Uhr morgens.“ Noch heute, wenn er im Flieger nach New York oder Tokio sitzt, schaut er aus dem Fenster und muss grinsen bei dem Gedanken, dass es geklappt hat. Mit dem Berghain, mit ihm und mit der Musik. Doch er weigert sich, den Namen als Marke zu sehen. „Eine Marke hat eine sehr starke Identität, die man sofort verstehen muss“, sagt er. „Für mich aber ist das Berghain eher ein Gemeinschaftsprodukt, das sich ständig verändert – wie die Musik, die wir machen.“ Deshalb gebe es auch keine „Berghain-Partys“ irgendwo sonst in der Welt, denn die Stimmung dieses Ortes in Berlin lasse sich nicht übertragen. „Das Berghain“, sagt Achim Brandenburg, „kann nur hier funktionieren.“

Das wiederum hat viel mit der Stadtpolitik zu tun. In Berlin gibt es keine Sperrstunde, in kaum einer anderen Stadt in Europa ist das endlose Tanzen möglich. Die Wochenend-Partys dauern bis Montagmorgen, an Silvester, Ostern und Pfingsten gern auch drei Tage. Das endlose Feiern und die hemmungslosen Gäste, die trinken, sich küssen und sich manchmal gegenseitig ausziehen, übereinander herfallen, sie alle sind Teil dieses „Wir“, das dem Berghain das Image gegeben hat, das auch in die Berlin-Literatur Eingang fand. Aus Büchern wie Helene Hegemanns „Axolotl Roadkill“, Airens „Strobo“ oder Tobias Rapps „Lost and Sound“ wurden Bestseller, weil sie Licht in das Dunkel des Berghain brachten. Und dem Leser auch ein bisschen Angst machen vor diesem Ort.

Auf Augenhöhe mit dem Publikum arbeiten

Dabei scheint auch im Berghain das Tageslicht an vielen Stellen durch die Fenster, in der Raucherlounge zum Beispiel, oder in der Panoramabar, dem zweiten Dancefloor des Berghain, auf dem die Musik nie die 100-Dezibel-Grenze überschreitet – etwa so laut wie ein vorbeifahrender LKW. Dass auch dort noch den ganzen Sonntag hunderte Menschen tanzen, hat genau mit diesem Tageslicht zu tun, das schemenhaft durch die Jalousien blitzt. Alle paar Stunden öffnet jemand diese Jalousien für Sekunden und dann gleichen die Tanzenden einer Horde Vampire, die plötzlich der Sonne ausgesetzt werden – und darüber gerade sehr glücklich sind.

Djane Kerstin Egert liebt diesen Moment und wie er entsteht – denn sie hat nichts damit zu tun. Ihre Kollegen hinter der Bar entscheiden, wann sie diesen Effekt auslösen. Auch ein Ausdruck des stummen „Wir“-Verständnisses. Außerdem mag sie am Berghain, dass ihr DJ-Pult nicht auf einem Podest steht, sondern sie auf Augenhöhe mit dem Publikum arbeitet. „So lässt sich die Stimmung leichter aufnehmen.“ Dass viele erst sonntagmorgens zum Tanzen kommen, ist für sie nur eine logische Folge. „Wenn jemand eine Fünf-Tage-Woche hat, kann er nicht bis frühmorgens ausgehen.“ Da sei es doch schlicht praktischer, tagsüber tanzen zu gehen und sich später vielleicht noch in den Park zu legen. „So ein Tag kann eine Batterie auffüllen.“

Genau diesen „Service“-Charakter sieht auch Marcel erfüllt, einer der regelmäßigen Berghain-Gäste. „Ich komm rein, besorg's mir und gehe wieder nach Hause.“ Er habe sich nie in einem Fitnessstudio angemeldet, weil dieser Club für ihn schon diese Funktion erfülle. Tanzen, sich verausgaben. Von Drogen spricht hier niemand, Marcel ist seit zehn Stunden hier, auf seinem T-Shirt steht: „Ich schmelze“. Dass in der Nacht zu Sonntag hier viele Touristen sind, hat ihn nie gestört. „Entweder beschweren sich Leute, dass sie immer nur die gleichen Gesichter sehen, oder sie ärgern sich über Touristen.“ Das mit der „härtesten Tür Berlins“ hält er auch für übertrieben. Er sei noch nie abgewiesen worden.

Drei Schlangen am Eingang

Durch die Jalousien der Panoramabar lässt sich diese Schlange gut beobachten, die erst am frühen Morgen kürzer wird. Schon längst gibt es nicht nur „die eine Schlange“ vor dem Berghain. An manchen Abenden teilen sich die Gäste in drei Schlangen auf: vor der „Berghain-Kantine“, vor dem Berghain – und eine vor dem „Lab“, einem Sexclub für Männer, die sich in Lack, Leder, Sport- oder Militärsachen kleiden. Gerade am vergangenen Osterwochenende blitzte es hier noch einmal auf, das „Schlangennest“: „Snax“ ist der Name der jährlichen Sexparty, für die Männer aus ganz Europa anreisen. Der Abend war mit „Baustelle“ überschrieben, zum einen, weil viele Mitarbeiter wie Bauarbeiter gekleidet waren, inklusive Helm – aber letztlich auch, weil die Party zum Teil im noch unfertigen neuen Club „Kubus“ stattfand. Der soll in einigen Wochen eröffnet werden, als weiterer kultureller Veranstaltungsort für Konzerte, bis zu 2500 Leute sollen dort Sitzplätze finden.

Wer DJane Kerstin Egert auf die „Snax“-Party anspricht, erntet wieder ein Schulterzucken wie häufig, wenn sie über ihren Job spricht. „Vielleicht schockt mich wenig, aber ich hab auch in dieser Nacht nichts Ungewöhnliches gesehen.“ Die Menschen kommen, um zu feiern und sie kommen ins Berghain, weil sie es dort eben am besten können. Als Kerstin Egert 1990 nach Berlin zog, gab es andere Orte, die den Ton angaben: Elektro, E-Werk, Frisör – und auch das Ostgut, der Vorgänger des Berghain, das im Januar 2003 schließen musste. Auf genau diesem Areal steht jetzt die O2 World, Berlins größtes kommerzielles Konzerthaus. Als im Herbst 2004 das Berghain öffnete, war Kerstin Egert mit dabei und wenn sie ein paar Wochen nicht hier ist, fehlt ihr etwas. Auch ihren 40. Geburtstag hat sie hier gefeiert, zusammen mit Freunden und ihrer 63 Jahre alten Mutter. Die sei bis früh um fünf Uhr geblieben, hörte die Musik ihrer Tochter und habe sich mit deren Freunden prächtig verstanden. „Ich fand das rührend“, sagt Kerstin Egert, „und als sie ging, sagte sie, dass sie wiederkommen wolle.“

Vielleicht gehen sie dann auch nur in das kleine Restaurant, das vor einigen Monaten direkt neben dem Berghain aufgemacht hat. Es nennt sich „Kreuzfriedrich“ und nimmt so das Wortspiel aus Kreuzberg und Friedrichshain auf, das dem Berghain einst den Namen gab. Am heutigen Sonntag öffnet es erstmals den Sommergarten. Und während dort die Gäste in der Sonne sitzen, wird Achim Brandenburg nebenan seine neue CD vorstellen. Er steht auf der Setlist als letzter DJ, wie Ben Klock an dem Wochenende, als sich auf der Tanzfläche in Zeitlupe das Paar küsste. Diese Schicht kann zehn Stunden dauern. Doch egal wie lang die Gäste bleiben, die meisten nehmen ein Taxi nach Hause. Die Schlange ist lang und die Fahrer geduldig. Wer sie fragt, was sie von den Berghain-Gästen halten, bekommt wieder ein Schulterzucken und ein Abwinken mit der Hand: „Ach, wissen Sie, die sind okay. Wirklich anstrengende Kundschaft gibt es nur nach Betriebsfeiern zu Weihnachten.“