Haussanierung

Klimaschutz ist vielen Berliner Mietern zu teuer

Zwar halten laut einer Umfrage die Menschen in Berlin eine energetische Sanierung von Mietshäusern für sinnvoll. Doch die Angst vor steigenden Wohnkosten ist groß.

Foto: Christian Hahn

Das Haus, in dem Andreas Berndt seit zehn Jahren lebt, liegt in einer ruhigen Gegend. Auf dem Friedhof gegenüber sind die Blätter der Bäume frühlingsgrün, die Wohnung wurde kürzlich modernisiert. Sogar zu seiner Mutter, die mit ihren 83 Jahren schon mal Hilfe gebrauchen kann, hat es Berndt nicht weit. Sie wohnt nur einige Türen weiter.

Eigentlich könnte alles ganz prima sein. Wäre da nicht der Streit um die Modernisierung der Alboinhöfe. 255 Wohnungen in dem Karree zwischen Burgemeister-, Alboin-, Totilastraße und Greveweg wurden 2008 auf einen modernen Wohnstandard gebracht und energetisch saniert. Die restlichen 726 Wohneinheiten sollen bis zum Jahr 2015 folgen. Für die Mieter bleibt das, allen Einsparungen bei den Energiekosten zum Trotz, allerdings keineswegs kostenneutral. Nicht zuletzt daran entzündete sich Streit, der nicht nur bei den Berndts bis vor Gericht führte. „Letztlich geht es bei solchen Dingen zum Schluss immer um den Preis und dessen Verhältnis zu dem Vorteil, den man als Mieter hat“, sagt Andreas Berndt.

Erhöhung um bis zu 14 Prozent

109 Euro waren es bei Mutter Annemarie Berndt für ihre knapp über 60 Quadratmeter. „Wenn ich dann 25 bis 30 Cent pro Quadratmeter bei den monatlichen Betriebskosten spare wegen der energetischen Sanierung, dann stehen dieser Mieterhöhung gerade mal rund 18 Euro weniger Kosten gegenüber“, sagt ihr Sohn Andreas Berndt. Um bis zu 14 Prozent steige die Gesamtmiete in den sanierten Wohnungen, bestätigte Lutz Ackermann, Pressesprecher der Wohnungsbaugesellschaft Degewo, am Dienstag. Der Degewo gehören die Alboinhöfe.

Wenn Berndt auf die Kosten der energetischen Sanierung angesprochen wird, reagiert er skeptisch. So wie viele Berliner. Das ergab nun auch eine repräsentative Umfrage der Info GmbH, die im Auftrag der Degewo 1043 Berliner befragte. Danach halten zwar 87 Prozent Investitionen in eine energetische Modernisierung für „sehr wichtig“ oder „wichtig“. Aber wenn es darum geht, wer die Kosten für neue Fenster, eine bessere Dämmung oder Solar auf dem Dach übernehmen soll, dann werden die Berliner kritischer. Auf die Frage, ob die Beteiligung der Mieter an den Kosten gerecht ist, sagten 53 Prozent Ja, aber 40 Prozent lehnten eine Beteiligung ab. Vor allem in Bezirken mit älteren Einwohnern ist die Skepsis groß. Auch im Altersvergleich wird deutlich: Je älter die Befragten, desto weniger wollen die energetische Sanierung mitbezahlen. Während bei den 14- bis 29-Jährigen 57 Prozent eine Kostenbeteiligung akzeptieren, sind es bei den über 50-Jährigen nur noch 46 Prozent.

So geraten die Wohnungsbaugesellschaften wie die Degewo in ein Dilemma. Denn einerseits wollen viele junge Mieter eine energetische Sanierung – gerade auch mit Blick auf die steigenden Heizkosten. Andererseits muss sich eine solche Sanierung für ein Wohnungsunternehmen wie die Degewo auch rechnen. „Wir haben ja keinen Sack mit Geld im Keller stehen“, sagte Vorstandsmitglied Frank Bielka, der den Jahresbericht am Dienstag vorstellte. Ganz im Gegenteil: Die Degewo muss seit Jahren einen hohen Schuldenberg abbauen. Dafür und für weitere Investitionen in den Bestand muss das Unternehmen einen Überschuss erwirtschaften. Die Zahlen, die die Degewo präsentierte, sind positiv. Das Gesamtergebnis 2010 lag bei 16,6 Millionen Euro (2009: 14,9 Millionen Euro). Die Verschuldung konnte um etwa 50 Millionen Euro auf 1,93 Milliarden Euro gesenkt werden. Die Degewo besitzt in allen Bezirken außer in Spandau Wohnungen, insgesamt sind es 71000 Wohnungen.

Bielka kündigte an, die energetische Sanierung vorantreiben zu wollen. Bis 2015 will das Unternehmen 262 Millionen Euro für das Sparen von Energie ausgeben. 5725 Wohnungen sollen bessere Fenster, neue Fassaden, neue Heizungen oder neue Dächer bekommen. „Dass das nicht zum Nulltarif geht, muss jeder wissen“, sagte Bielka. Christoph Beck, der im Vorstand für die Finanzen zuständig ist, warnte davor, dass mit der Kürzung von staatlichen Förderprogrammen die Sanierung für den Mieter und die Wohnungsunternehmen letztlich noch teurer werden könnte.

Trotzdem steigen die Warmmieten in den sanierten Wohnungen. Die Höhe hängt von dem baulichen Zustand und den ehemaligen Betriebskosten ab. So stiegen die Mieten in der Gropiusstadt in Neukölln durchschnittlich um elf Prozent auf 7,83 Euro pro Quadratmeter. In den Alboinhöfen in Tempelhof mussten die Mieter 14 Prozent mehr Miete zahlen. Der Quadratmeterpreis liegt im Durchschnitt bei den sanierten Wohnungen bei 9,23 Euro.

Die energetische Sanierung ist auch politisch gewollt. Allerdings stoppte der rot-rote Senat im November vergangenen Jahres sein geplantes Klimaschutzgesetz. Vor allem die SPD befürchtete, dass in der „Mieterstadt Berlin“ eine durchschnittliche Erhöhung der Mieten von mindestens einem Euro pro Quadratmeter für viele Menschen nicht zumutbar ist. Die Berliner Grünen haben angekündigt, im Falle eines Wahlsiegs oder einer Regierungsbeteiligung einen erneuten Anlauf für ein sozialverträgliches Klimaschutzgesetz in Angriff zu nehmen.

Die städtischen Wohnungsbaugesellschaften wollen auf jeden Fall an ihrer Strategie festhalten – auch wenn es im Einzelfall zu gerichtlichen Auseinandersetzungen kommen kann. „Überwiegend ist die Resonanz aber positiv“, sagte Degewo-Chef Bielka. Für die sanierten Wohnungen gebe es eine große Nachfrage bei den Neuvermietungen.

Klage vor Gericht

„Energetische Sanierung ist gut und notwendig“, sagt auch Andreas Berndt. 50 bis 60 Euro Erhöhung, da ist sich der 47-Jährige sicher, hätten die Mieter in den Alboinhöfen hingenommen, ohne dass es viel Ärger gegeben hätte. Wenn da nicht noch andere Kritikpunkte wären. „Die Gefahr bei so einer Sanierung ist immer, dass der Vermieter darunter auch Instandhaltungsarbeiten fasst, die dann gleich mitgemacht und ebenfalls auf die Miete umgelegt werden, obwohl das gar nicht zulässig ist.“ Im Falle von Berndts Mutter, die ebenfalls in den Alboinhöfen wohnt, erklärte das Amtsgericht Tempelhof-Kreuzberg den Modernisierungszuschlag auf die Miete für unzulässig.