Prenzlauer Berg

Wo das Abenteuer Gemeinschaftsschule funktioniert

Individualisiertes Lernen ist die neue Unterrichtsmethode, mit der die Gemeinschaftsschulen auf das unterschiedliche Leistungsniveau der Schüler eingehen sollen. Doch nicht in allen Pilotschulen ist die Methode bereits so etabliert wie an der Wilhelm-von-Humboldt-Schule in Prenzlauer Berg. Sie könnte dreimal so viele Schüler aufnehmen – alle anderen Gemeinschaftsschule in Berlin haben Probleme.

Foto: Amin Akhtar / Akhtar

Im Klassenzimmer der „Ernies“ ist es mucksmäuschenstill. Schweigezeit steht auf dem Stundenplan an der Wilhelm-von-Humboldt-Schule in Prenzlauer Berg. Manche Kinder üben Rechnen, andere Schreiben oder Lesen. Ältere helfen den Jüngeren. Caroline (7) sitzt neben Ben Lucas (6). Aufmerksam liest sie einige Sätze, die der Schulanfänger in sein Heft geschrieben hat. Leise buchstabiert sie dann einzelne Wörter. Ben Lucas nickt und radiert. Dann fängt er noch einmal von vorne an. Mit Carolines Hilfe steht schließlich ein richtig geschriebener Satz unter dem Bild mit der Maus und dem Fußball.

Individualisiertes Lernen ist die neue Unterrichtsmethode, mit der die Gemeinschaftsschulen auf das unterschiedliche Leistungsniveau der Schüler eingehen sollen. Doch nicht in allen Pilotschulen ist die Methode bereits so etabliert wie an der Wilhelm-von-Humboldt-Schule. Das zeigt der erste Zwischenbericht, den die Universität Hamburg und die Ramboll Management Consulting GmbH im Auftrag des Senats erstellt haben.

Untersucht wurden alle zwölf Pilotschulen, die bereits 2008 gestartet sind. Im Bereich der Unterrichtsmethoden würden sich die größten Unterschiede zwischen den untersuchten Schulen zeigen, heißt es in dem Bericht, der Morgenpost Online vorliegt. Die Bandbreite reiche von geringen Kenntnissen über Formen der Individualisierung bis hin zu etablierten Konzepten. Meist gibt es in den Grundschulen durch die Jahrgangsmischung bereits Erfahrungen mit Wochenplänen und Gruppenarbeit. Ab den siebenten Klassen dagegen ist der Frontalunterricht oft noch alltäglich.

Das Beispiel der Wilhelm-von-Humboldt-Schule zeigt eher die Ausnahme. Die Schule ist die einzige, die neu gegründet wurde. Bisher gibt es hier nur Kinder von der ersten bis zur dritten Klasse, die von Anfang an mit dem neuen Konzept aufwachsen. Die Lehrer kommen zum großen Teil von der reformorientierten Thomas-Mann-Grundschule, in der die Methoden bereits erprobt wurden.

Zusammenarbeit und gegenseitige Hilfe gehören zum Schulalltag der Kinder. „Wir praktizieren das, so oft es geht“, sagt Silke Lembcke. Sie ist Klassenlehrerin der „Ernies“, einer jahrgangsgemischten Schülergruppe der Schule. Zur Gruppe gehören 26 Kinder, darunter neun Schulanfänger. Die anderen Schüler sind bereits in der zweiten beziehungsweise dritten Jahrgangsstufe.

Partnerlernen ist bei den „Ernies“ erwünscht. Wer Schülern, die es schwerer haben, hilft, festigt sein eigenes Wissen und dient anderen als Vorbild. „Bei uns steht das gemeinsame Lernen im Mittelpunkt“, sagt Silke Lembcke. Dabei würde jeder Schüler seinem individuellen Lernplan folgen, sein Tempo selbst bestimmen.

Wer einen Schritt weiterkommt, wird vor der Klasse gelobt. Wie Lucas, dem die Kinder an diesem Morgen applaudieren, weil er sein erstes Schreibheft beendet und erfolgreich einen Mathe-Test absolviert hat. „Im Rechnen wird Lucas heute eine Etage höher kommen“, sagt Silke Lembcke. Ihre Freude darüber steckt auch die anderen Kinder an.

Während Lucas sich gerade mit den Zahlen vertraut gemacht hat, ist Bruno bereits bei der Überschlagsrechnung. Stolz zeigt der Achtjährige sein Matheheft vor. „Es gibt Mathe- und Deutschpläne. Da steht drin, bis wo wir arbeiten sollen“, sagt Bruno. Wer seinen Plan geschafft hat, macht einen Test. Dann gibt es einen neuen Plan.

„Meine Schüler haben ganz unterschiedliche Fähigkeiten. Einigen fällt das Lernen schwer, andere kommen schnell voran“, sagt Silke Lembcke. Ziel der Gemeinschaftsschule sei es, alle mitzunehmen.

Allerdings ist gerade die richtige Mischung der Schüler ein Problem, mit dem laut Zwischenbericht alle Gemeinschaftsschulen zu kämpfen haben. Dabei besteht die Grundidee darin, dass hier Schüler verschiedener Leistungen und sozialer Schichten miteinander lernen.

Dieser Ansatz ist bei den Eltern zunehmend gefragt. Anders als zunächst erwartet, scheint das rot-rote Schulprojekt nicht zuletzt deshalb auf Erfolgskurs zu sein. Die Wilhelm-von-Humboldt-Schule ist jedenfalls regelrecht überrannt worden. Schulleiterin Gabriela Anders-Neufang kann berichten, dass es für das laufende Schuljahr dreimal so viele Anmeldungen wie Plätze gab. „Wir mussten per Los entscheiden, wen wir aufnehmen.“ Die angemeldeten Kinder kommen alle aus sehr bildungsnahen Familien.

Für die richtige Mischung fehlten hier die Kinder aus bildungsferneren Schichten, heißt es in dem wissenschaftlichen Bericht. Doch auch hier ist die Schule aus Prenzlauer Berg eine Ausnahme; in den meisten anderen Schulen besteht gerade die Schwierigkeit darin, Schüler mit Gymnasialniveau zu finden. Zwar gebe es oft überdurchschnittlich viele Schüler mit Realschulleistungen, deren Eltern gerade die Möglichkeit schätzen, dass an der Gemeinschaftsschule auch das Abitur möglich ist.

Die besonders leistungsstarken Schüler wechselten aber nach der vierten oder sechsten Klasse dessen ungeachtet aufs Gymnasium. Wie erfolgreich die Wilhelm-von-Humboldt-Schule tatsächlich ist, wird sich erst zeigen, wenn die Schüler in der sechsten Klasse sind. Dann müssen die Eltern entscheiden, ob sie bei dem Konzept Gemeinschaftsschule bleiben oder doch das Gymnasium vorziehen.

Rachel Seeling hat vor allem überzeugt, dass die Kinder an einer Gemeinschaftsschule lange gemeinsam lernen. Deshalb hat sie ihren achtjährigen Sohn Nathan mit Beginn dieses Schuljahres an der Wilhelm-von-Humboldt-Schule angemeldet. Auch ihre beiden jüngeren Kinder will sie hier einschulen. „Alle bleiben lange zusammen, viele sogar bis zum Abitur. Das gefällt uns“, sagt die Ärztin.

Auch in den anderen Berliner Bezirken ist die Nachfrage groß. So haben Eltern in Charlottenburg-Wilmersdorf mit Beginn dieses Schuljahres den Start einer Gemeinschaftsschule durchgesetzt. Auch im CDU-regierten Steglitz-Zehlendorf soll es auf Drängen der Eltern zum kommenden Schuljahr eine Gemeinschaftsschule geben.

Neben dem gemeinsamen ist das selbstverantwortliche Lernen ein wichtiges Prinzip der Gemeinschaftsschule. Immer wieder müssen die Schüler die eigene Leistung einschätzen, ihr Wissen präsentieren und entscheiden, was sie lernen und wie sie vorgehen wollen. So viel Eigenständigkeit macht Spaß und motiviert. Deshalb ist es kein Wunder, dass fast alle Arme hochfliegen, wenn Lehrerin Silke Lembcke ihre Schüler fragt, wer am Nachmittag ins Lernbüro möchte, um dort an seinen Plänen weiterzuarbeiten.

Für Schulleiterin Gabriela Anders-Neufang ist besonders wichtig, dass die Kinder gern und ohne Druck zur Schule kommen. „Es geht um Inhalte und nicht um Zensuren“, sagt sie. Noten soll es deshalb bis zur achten Klasse nicht geben. Die Pädagogin ist überzeugt, dass das Gemeinschaftsschulkonzept einer Spaltung der Gesellschaft entgegenwirkt. „Bei uns haben alle Kinder die gleichen Chancen, unabhängig davon, aus welcher sozialen Schicht sie kommen.“ Die geplante Strukturreform geht Anders-Neufang deshalb nicht weit genug. „Eine Gemeinschaftsschule für alle wäre der große Wurf gewesen“, sagt sie.

Stattdessen kommt im nächsten Jahr die Sekundarschule. Nicht von der ersten Klasse an, sondern ab dem siebenten Jahrgang lernen dort Hauptschüler, Realschüler und angehende Abiturienten zusammen. Daneben soll es weiter die Gymnasien geben. „Die neuen Sekundarschulen können von den Erfahrungen der Gemeinschaftsschulen profitieren, denn auch hier sollen Schüler verschiedener Leistungsniveaus zusammen lernen“, sagt Özcan Mutlu, bildungspolitischer Sprecher der Grünen.

Der Bericht hebe vor allem das hohe Engagement der Lehrer und Eltern hervor. Gerade das könnte bei den Sekundarschulen fehlen und zur Gefahr werden, weil Lehrer und Eltern nicht genügend auf die Reform vorbereitet wurden, so Mutlu. Während die Lehrer freiwillig am Pilotversuch Gemeinschaftsschule teilnähmen, würden die Sekundarschulen zur Reform gezwungen.