Rathausforum

Fünf Vorschläge für Berlins Geburtsort

Das Areal zwischen Fernsehturm und Schloßplatz soll nach dem Bau der U-Bahn ab 2017 neu gestaltet werden. Offen ist aber, wie das historische Zentrum Berlins künftig aussehen soll. Im Gespräch ist eine Bebauung, angelehnt an das alte Stadtraster. Star-Architekten setzen dem jetzt ihre Pläne mit viel Grün und Wasser entgegen.

Ein Central Park, ein Hafencity, ein sozialistischer Aufmarschplatz, ein archäologisches Grabungsfeld oder eine multifunktionale Amüsiermeile: Das sind die fünf Visionen, die die Büros Graft, David Chipperfield Architects und Kiefer Landschaftsarchitekten im Auftrag der Senatsbaudirektorin Regula Lüscher für die historische Mitte Berlins entwickelt haben.

Das 14 Hektar große, bislang namenlose Areal zwischen Fernsehturm und Schloßplatz soll nach dem Bau der U-Bahn ab 2017 neu gestaltet werden. Offen ist aber, wie das historische Zentrum Berlins künftig aussehen soll. Mit diesen Visionen will die Senatsbaudirektorin heute Abend die Diskussion darüber eröffnen. In einer „Bürgerwerkstatt Zukunftsraum Historische Mitte“ sollen die Pläne erstmals öffentlich präsentiert werden.

„Wir wollen einen kreativen Denkprozess anschieben und nicht gleich ein fertiges Ergebnis präsentieren“, sagte die Baudirektorin. Sie wolle deshalb auch nicht sagen, welcher Vorschlag ihr persönlich am besten gefalle. „Wir sind ja erst ganz am Anfang der Überlegungen. Jetzt schon den Fokus auf eine der Ideen zu legen, wäre sicherlich verfrüht.“ Reizvoll wäre aus ihrer Sicht allerdings eine Kombination aus Stadtpark und Hafenbecken.

Die historische Vision fehlt

Viele Bürger werden sich angesichts dieser Pläne allerdings fragen, warum keine der Visionen für ein Rathausforum sich mit der aktuell so kontrovers diskutierten Frage beschäftigt, ob man das zu DDR-Zeiten abgerissene ehemalige Marienviertel nicht wieder in seinen historischen Grundrissen aufbauen sollte. Das Viertel rund um die alte Marienkirche musste nach dem Krieg Platz machen für die DDR-Staatsachse mit ihren Aufmarschplätzen für Großdemonstrationen und Paraden. Für die Variante einer kritischen Rekonstruktion der historischen Stadtmitte setzt sich neben vielen Bürgervereinen und Architekten vor allem der frühere Senatsbaudirektor Hans Stimmann vehement ein. Man solle aus der Staatsmitte wieder eine Stadtmitte machen, so sein Credo. 20 Jahre nach dem Ende der DDR sei es nun an der Zeit, eine Revision der verstaatlichten Mitte vorzunehmen.

Auch der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) hatte sich in die Debatte eingeschaltet, indem er sich demonstrativ hinter seinen Kulturstaatssekretär André Schmitz stellte. Der hatte sich für eine städtebauliche „Rückgewinnung der Keimzelle der Stadt, ihres eigentlichen Geburtsortes“ und damit für die Bebauung ausgesprochen.

Sie habe ganz bewusst auf die Darstellung einer bebauten Mitte verzichtet, begründet die amtierende Senatsbaudirektorin Lüscher ihren Verzicht auf die Darstellung einer sechsten, bebauten Variante des Rathausforums. „Diese Bilder haben ja schon andere beigesteuert“, entgegnet sie mit Bezug auf Stimmann. Dieser hatte im Frühjahr ein Buch nicht nur mit seinen Thesen vorgelegt, sondern auch mit städtebaulichen Entwürfen befreundeter Architekten, die seine Idee einer städtisch bebauten Mitte begeistert aufgegriffen hatten. Besonders die Entwürfe von Bernd Albers hatten für Aufsehen gesorgt.

Albers schlägt vor, den Fernsehturm komplett einzubauen. Die großzügigen Freiflächen zwischen Fernsehturm und Schloßplatz hat der Architekt auf drei vergleichsweise kleine Stadtplätze reduziert. Vom heutigen Marx-Engels-Forum mit dem Bronzedenkmal der kommunistischen Vordenker bliebe nur ein kleiner Grünstreifen übrig.

Seine Amtsnachfolgerin hatte diesen bildgewaltigen Plänen bislang nichts entgegenzusetzen. Das soll sich mit den Visionen der Stararchitekten aus den Büros Graft und Chipperfield nun ändern.

Doch nicht nur um die Bilder in den Köpfen der Menschen gehe es ihr, sagt die Schweizerin: „Schließlich gibt es auch eine Koalitionsvereinbarung, wonach das Gebiet als Grün geprägter Stadtraum definiert ist.“

Entscheidung noch vor der Wahl

Ob eine der fünf Freiraum-Visionen oder auch die kritische Rekonstruktion des historischen Stadtgrundrisses eine Chance bekommt, wird spätestens im Sommer 2011 feststehen. Noch vor der Berlin-Wahl will die Senatsbaudirektorin ein Entwicklungskonzept durch Senat und Abgeordnetenhaus bestätigen lassen. Auf Grundlage dieses Beschlusses solle dann 2012 ein internationaler Gestaltungswettbewerb starten.

„Wenn die Baustelleneinrichtungen für den Bau des Humboldt-Forums und der U-Bahn auf dem Marx-Engels-Forum nicht mehr gebraucht werden, können wir mit dem Umbau beginnen“, so Lüscher. Das sei voraussichtlich im Jahr 2017 der Fall. Über die Kosten etwa eines Hafenbeckens oder auch die technische Machbarkeit der Visionen nachzudenken, sei deshalb zu diesem Zeitraum auch verfrüht. „Erst einmal müssen wir ja wissen, was wir überhaupt in der Mitte wollen.“