Prenzlauer Berg

Plötzlich ist der Helmholtzplatz ein Problemkiez

Jahrelang konnten sich die Anwohner am Helmholtzplatz miteinander arrangieren. Jetzt aber haben zehn Familien beim Bezirksamt Beschwerde eingelegt. Der Grund: Es gibt zu viele herrenlose Hunde, zuviel Lärm und zu viele Alkoholiker.

Foto: Glanze

Es ist ein Platz für alle. Kinder spielen im Sand und schaukeln. Junge Leute bevölkern den Bolzplatz. Eltern schieben den Kinderwagen über die Wege, Pärchen sitzen auf den Bänken. Der Helmholtzplatz hat viel zu bieten. Im Zentrum auch zwei Tischtennisplatten, die des Nachts von Laternen beleuchtet werden. Das Pingpong der kleinen weißen Bälle tönt bis in die Nacht hinein. Ein ruhiger Platz ist es nicht. Kinder schreien. Alkoholisierte unterhalten sich lautstark.

„Es gibt Tage, an denen bellt zwei Stunden lang ein Hund“, sagt Ilona Sachs. Sie wohnt seit vielen Jahren am Platz. „Ich höre das alles nicht mehr.“ Doch jetzt sei die Stimmung angespannt, erzählt sie. Anwohner haben sich beim Bezirksamt beschwert. „Wir erleben, wie sich Monat für Monat die Zustände auf dem Helmholtzplatz wahrnehmbar verschlechtern“, heißt es in einem Brief, den zehn Familien von Lettestraße und Schliemannstraße unterzeichnet haben. Sie beklagen „lautes Gegröle, Musizieren bis zum Teil fünf Uhr morgens“.

Büsche dienen als Toilette

Unangeleinte Hunde streunen über den Platz. Der Platz und die Büsche am Rand dienen als Toilette. Eine Gruppe von etwa 30 Personen verursache die Situation.

Bürgermeister Matthias Köhne (SPD) sagt, die Nöte und Sorgen der Anwohner seien berechtigt. „Das Problem mit den unangeleinten Hunden kriegt man schwer in den Griff.“ Außerdem gebe es Hygieneprobleme, auch mit „Eltern, die ihre Kinder ins Gebüsch halten und benutzte Windeln wegschmeißen“.

Ende März haben sich Anwohner, Ämter und Polizei im Platzhaus auf dem Helmholtzplatz getroffen. Ergebnis: Es soll keine Verdrängung geben, aber klare Regeln im Umgang. Nur wie, das bleibt weitgehende offen. Die Familien von Lette- und Schliemannstraße schlagen vor, dass das Bezirksamt ein Alkoholverbot für die späten Abendstunden verhängt. „Nicht durchsetzbar“, sagt Jens-Holger-Kirchner, Stadtrat für öffentliche Ordnung. Für unrealistisch hält er auch den Vorschlag, Sozialarbeiter und Mitarbeiter des Ordnungsamtes sollten abends präsent sind, wenn es kritische Situationen gibt. „Ich habe 38 Mitarbeiter im Ordnungsamt für ein Gebiet zwischen Mitte und dem Umland“, so Kirchner. Für die Schreiber des Beschwerdebriefes sind die Reaktionen von Kirchner und Köhne enttäuschend. „Das Gespräch hat gezeigt, dass das Bezirksamt kein Interesse hat, den Beschwerden abzuhelfen“, so einer der Beteiligten. Lediglich die Polizei habe mehr Verständnis gezeigt. Auch die Fraktionen der BVV hätten bis auf die CDU nicht reagiert. Doch ihr Antrag – mehr Kontrollen und mehr Ordnungskräfte am Helmholtzplatz – wurde abgelehnt.

Die Polizei will mehr Kontrollen durchführen. Der Abschnitt 15 werde „mit Beginn der wärmeren Jahreszeit lageangepasst die Präsenz erhöhen“, teilte der stellvertretende Pressesprecher Thomas Neuendorf mit. Der Abschnitt biete außerdem regelmäßigen Informationsaustausch mit den Anwohnern an. Im vergangenen Jahr registrierte die Polizei 21 Straftaten auf dem Platz und acht in unmittelbarer Nähe: Beleidigung, Diebstahl, Körperverletzung, Raub. 2011 seien bisher zwei Vergehen erfasst worden: eine Körperverletzung und eine Fundunterschlagung.

„Man kann sich die Nachbarn an einem Park nicht aussuchen“, sagt Ilona Sachs. „Wer seine Ruhe haben will, wohnt hier am falschen Ort.“ Sie leitet den Förderverein Helmholtzplatz, der seit Jahren das Platzhaus betreibt. Sie meint, dass sich am Helmholtzplatz soziale Konflikte entladen, die mit der beschleunigten Aufwertung des Quartiers zu tun haben. 80 Prozent der Bewohner seien ausgetauscht, sagt sie. Nur noch wenige der früheren Bewohner seien geblieben. „Die alten Leute wurden wegsaniert.“ Gutsituierte junge Leute aus Westdeutschland und Westeuropa seien zugezogen. Die Konflikte am Platz seien zyklisch und kehrten immer wieder.

Beim Gespräch mit den Anwohnern ist die Idee entstanden, dass die Trinker bei Aktionen auf dem Platz einbezogen oder angesprochen werden. Etwa, wenn der Platz gesäubert werde, sagt Stadtrat Kirchner. „Die Alkoholiker vom Helmholtzplatz haben Wohnungen, sie sind keine Obdachlosen“, so Kirchner. Ab 22 oder 23 Uhr gehen viele nach Hause. Die meisten Trinker seien friedlich, nur wenige aggressiv. Davon erzählt ein Mitarbeiter aus dem Platzhaus. „Manchmal ist es laut“, sagt er. „Ich bin schon beschimpft und bedroht worden, aus nichtigen Anlässen.“ Er habe auch schon mal die Polizei gerufen. Trotzdem sei es ein gutes Miteinander auf dem Platz. „Irgendwo müssen sie bleiben“, sagt der Mann. „Wenn man sie vertreibt, gehen sie woanders hin.“

„Sehr lebendig“ sei der „Helmi“, sagt Anwohnerin Friederike Pöschel, und „von hoher Lebensqualität“. Der Platz sei biederer geworden, das Szene-Volk sei weggezogen, sagt dagegen Natalie Ardet. Die Französin wohnt seit zehn Jahren dort. Sie habe sich gleich heimisch gefühlt, erzählt sie. Es sei schön, auf die Bäume zu gucken. Auch ihr sind schon nachts Betrunkene aufgefallen, aber besonders gestört fühlt sie sich nicht. Sie wohnt an der Nordseite des Platzes, entfernt von der Passage in der Mitte. Dort stehen die Bänke auf denen die Trinker sitzen, dort stehen die Tischtennisplatten, auf denen sie den Ball tanzen lassen – trotz des Alkoholkonsums.

Die Familien, die den Beschwerdebrief geschrieben haben, denken jetzt darüber nach, einen Bürgerantrag zu stellen. Entschieden sei noch nichts, sagt ein junger Vater. Ein frappierender Unterschied sei deutlich geworden. „Die Parkzonen werden intensiv kontrolliert, jeder Verstoß wird geahndet. Aber wilde Hunde zwischen Kindern und Störung de Nachtruhe werden mit Nachsicht behandelt.“ Eine Vortortstille erwarte er nicht. „Aber die Exzesse gehen an die Nerven. Das Schreien und Grölen gehe weit über Mitternacht hinaus.“ Es nehme zu, je wärmer es draußen werde.

Zu den Unterzeichner gehört auch ein Ehepaar, dass seit 47 Jahren am Platz wohnt. „Man fühlt sich bedrängt und beengt, wenn man über den Platz geht“, sagt der alte Herr. Belästigt worden sei er noch nicht. Ihn stört besonders, dass Männer und Frauen ungeniert auf dem Platz urinieren, und dass die Hunde frei umher laufen und manchmal auch über das Gitter zum Spielplatz springen.

„Auf dem Platz wird es immer Schwierigkeiten geben“, sagt Matthias Köhne. „Man kann es nicht so regeln, dass alle Leute zufrieden sind.“