Gewalt im Nahverkehr

U-Bahnüberfall - "Jetzt machen wir dich fertig!"

11.000 Menschen wurden im vergangenen Jahr Opfer brutaler Gewalt. Ist das versuchter Totschlag oder doch eher Mordversuch auf Berliner Bahnhöfen? Betroffene berichten von ihrer Leidensgeschichte.

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Ein 29 Jahre alter Mann ist in der Berliner U-Bahn Station Friedrichstraße bewusstlos geprügelt worden. Die mutmaßlichen Täter haben sich gestellt.

Video: Reuters
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Die jüngsten Fälle von ins Koma geprügelten Bahnkunden erschüttern, die Freilassung gefasster Täter ebenso. Der Installateur Markus P. aus Marienfelde wurde in Mitte mit Füßen gegen den Kopf getreten, bis er bewusstlos war. Nur langsam kehrt seine Erinnerung zurück, an das Glück, dass ein mutiger Zeuge Schlimmeres verhinderte. Marcel R. aus Wedding lag nach einem brutalen Angriff in Lichtenberg aus dem gleichen Grund über Wochen im Koma, versucht, mit einer Reha ins Leben zurückzukehren. Wie fühlen sich die Opfer von angriffslustigen Jugendlichen? Wie erleben sie Justiz, den Umgang mit den Tätern? Und: Gibt es Bezirke, in den das Risiko, Opfer einer brutalen Attacke zu werden, besonders groß ist?

Laut Statistik kommt es in Berlin im Durchschnitt derzeit täglich zu 30 Fällen von schwerer und gefährlicher Körperverletzung. Macht rund 11.000 Fälle im Jahr. Die Kriminalstatistik weist für 2010 insgesamt 4446 Fälle von Körperverletzungen in Bussen, Zügen oder Bahnhöfen aus, genau 120 weniger als 2009. Das entspricht einem Rückgang von 2,6 Prozent.

Geschlagen und gewürgt

Das sind die Zahlen. Was sagen die Menschen? Markus P. hat kaum Erinnerungen daran, wie er in der Nacht zu Sonnabend zum Opfer wurde. Eine Pöbelei auf dem Bahnsteig, ein brutaler Schlag, dann nichts mehr. Aber das Wissen, dass ein beherzter Tourist ihm vielleicht das Leben gerettet hat. Ähnlich erging es Manfred Röwer aus Lichterfelde. Er hat das erlebt, wovor sich gerade in Großstädten viele Menschen fürchten. Aus heiterem Himmel wird Röwer Ende 2008 im S-Bahnhof Schlachtensee das Opfer einer Gewaltattacke. Er wird von Jugendlichen grundlos geschlagen und gewürgt. Der Übergriff zeigt bei dem 64-Jährigen bis heute Nachwirkungen. Er litt an Bluthochdruck. Nach dem Überfall verschlechtern sich die Werte. Hinzu kommen Angstzustände in bestimmten Situationen. Die juristische Aufarbeitung der Straftat zieht sich über zwei Jahre hin. Die Täter, eine Jugendliche aus Berlin und ein Jugendlicher aus Brandenburg, kommen in getrennten Verfahren mit geringen Strafen davon – obwohl beide wegen gefährlicher Körperverletzung angeklagt worden waren.

Zwei Tage vor Silvester 2008 geht Vorruheständler Röwer in Schlachtensee spazieren. Gegen 17 Uhr macht er sich auf den Heimweg nach Lichterfelde und betritt den S-Bahnhof. Am Aufzug stehen zwei schwarz gekleidete Punker. Ein Mann und eine Frau, die Röwer eher auf Mitte 20 schätzt, streiten sich. Manfred Röwer beginnt die Treppe zum Bahnsteig hinaufzusteigen, als er plötzlich barsch angesprochen wird: „Hey du, bleib stehen du Penner.“ Röwer ignoriert das und hastet weiter nach oben, als er plötzlich einen heftigen Schlag im Rücken spürt. Anna Marie F.* hatte mit einer Glasflasche zugeschlagen. Röwer hält kurz inne und macht eine instinktive Abwehrbewegung. Er tritt nach hinten aus und fühlt, dass er dabei einen der beiden Punker getroffen hat. Die Reaktion kommt prompt. „So, jetzt machen wir dich fertig“, brüllt der Begleiter und verfolgt Röwer auf den Bahnsteig. Der 17-jährige Mark M.* packt Röwer am Hals und würgt den Mann, ehe dieser begreift, was geschieht. Gleichzeitig fordert der Mann die Frau auf, Röwer eine volle Cola-Flasche ins Gesicht zu schlagen.

Einem glücklichen Zufall verdankt der 64-Jährige, dass es dazu nicht kommt. „Ein auf dem Bahnsteig wartender Bauarbeiter mischte sich ein und ging dazwischen, bevor Schlimmeres passierte. Heute glaube ich, dass er vielleicht mein Leben gerettet hat“, sagt Röwer. Der kräftig gebaute Frank T.*, etwa 35 Jahre alt, schreit die Angreifer an: „Lasst den Mann in Ruhe!“ Sekunden später packt er Mark M. und befreit Röwer so aus der Umklammerung des Angreifers. Es kommt zu einer Schlägerei, bei der der Angreifer dem Bauarbeiter klar unterlegen ist. Frank T. überwältigt den 17-Jährigen und hält ihn fest. Aus dem Würgegriff befreit, geht Manfred Röwer auf die Punkerin los. Die Glasflasche fliegt ins Gleisbett, die junge Frau drückt Röwer zu Boden. Dennoch gelingt es ihm, per Handy die Polizei zu alarmieren. Nach acht Minuten treffen die Beamten der Wache Nikolassee ein. Sie nehmen die beiden Punker fest.

Kein alltäglicher Vorgang in Schlachtensee. Der Bezirk Steglitz-Zehlendorf ist einer Studie zur Kriminalitätsbelastung zufolge vergleichsweise gering von Gewaltstraftaten betroffen. Seit 2006 reduzierte sich die Anzahl von schweren Körperverletzungen um nahezu 20 Prozent. 2009 gab es im Bezirk 433 solcher Fälle. 2005 waren es noch 513 gewesen. Treptow-Köpenick, 2006 noch geringer belastet, verzeichnet die gegenläufige Entwicklung. Hier stiegen die Fallzahlen im Vergleichszeitraum von 478 auf 518 an. Alle anderen Bezirke verzeichnen deutlich höhere Zahlen bei Körperverletzungen. So liegt Mitte an der Spitze mit mehr als 2000 Fällen. Überdurchschnittlich belastet sind auch Friedrichshain-Kreuzberg (1264) und Neukölln (1205). In Mitte kam es 2009 in Gesundbrunnen und Wedding zu 501 beziehungsweise 452 Fällen von schwerer oder gefährlicher Körperverletzung.

Gegend gilt als sicher

Dass es Manfred Röwer ausgerechnet in Schlachtensee getroffen hat, ist für ihn besonders bedrückend, da die Gegend der Studie zufolge als vergleichbar sicher gilt. In dem zum Polizeiabschnitt Nikolassee zählenden Ortsteil gab es zuletzt 26 Fälle von schwerer Körperverletzung im Jahr, also gerade knapp über zweimal im Monat. Vor fünf Jahren lag die Fallzahl bei 31.

Trotz der dicken Winterjacke, die den Schlag mit der Glasflasche abgefedert hat, attestiert ein Arzt infolge des Angriffs bei Manfred Röwer eine Brustkorb-Prellung. Der ehemalige Call-Center-Agent, der aus gesundheitlichen Gründen mit 57 Jahren in den Vorruhestand ging, muss seit dem Angriff wieder vermehrt blutdrucksenkende Mittel nehmen.

Und die Täter? Im Oktober 2009 muss sich Anna Maria K. vor einem Jugendrichter verantworten. Sie wird zu einer Zahlung von 300 Euro Schmerzensgeld und der Ableistung von 60 Arbeitsstunden bei einer sozialen Einrichtung verurteilt. Gegen den aus Neuruppin stammenden Mark M. wird zunächst kein Strafverfahren eröffnet. „Auf Anfrage hieß es, die Staatsanwaltschaft habe den Mann lediglich verwarnt“, erzählt Manfred Röwer. Daraufhin habe er sich im Februar 2010 beim brandenburgischen Justizminister schriftlich beschwert. Drei Wochen später kommt aus dem Hause von Justizminister Volker Schöneburg (Linke) die Antwort mit dem Versprechen, man werde den Vorgang erneut prüfen. Ein Jahr später steht auch Mark M. wegen gefährlicher Körperverletzung vor einem Jugendrichter. Am 1. April 2011 ergeht das Urteil gegen ihn: eine Geldstrafe von 30 Tagessätzen.

Gerechtigkeit sehe für ihn anders aus, das seien keine Strafen, findet Manfred Röwer. Auch Markus P. versteht nicht, dass Torben P. schon wieder frei ist.