Gewalt gegen Polizisten

"Irgendwann kämpfst du nur noch um dein Leben"

| Lesedauer: 10 Minuten
Michael Behrendt und Sergej Glanze

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Schläge, Tritte, Beleidigungen, Morddrohungen - Berliner Polizisten schlägt immer öfter im Einsatz pure Aggression entgegen. Und immer öfter fühlen sich die Beamten wie Freiwild, die Gewalt eskaliert. Morgenpost Online hat zwei Polizisten in Wedding begleitet - eine harte Gegend, man fackelt hier nicht lange.

Florian Söhring, 31 Jahre jung. Gebildet, eloquent, zuvorkommend. Polizeioberkommissar, Vater zweier Kinder, Kumpeltyp. Ein netter Kerl. Und ein Polizist aus Berufung. Einer, der den Ladendieb ebenso respektvoll behandelt wie die alte Dame, die er über die Straße führt. Er selbst aber ist Freiwild. Immer häufiger schlägt ihm im Einsatz Gewalt entgegen - so wie den meisten seiner Kollegen bundesweit. "Beleidigungen überhören wir schon längst", sagt Söhring und zuckt mit den Schultern. Auch die Drohungen, man werde seine Familie umbringen, nehme er mittlerweile nicht mehr wahr. Ohren auf Durchzug. Polizistenalltag.

Florian Söhring gehört zur Mannschaft des Polizeiabschnitts 36 an der Pankstraße in Wedding - eine harte Gegend, man fackelt hier nicht lange. Von den 82.114 Menschen in dem Bezirk hat mindestens jeder Zweite einen Migrationshintergrund. Im vorigen Jahr gab es 104 Übergriffe gegen Polizisten, allein in Söhrings Revier. "Die Brutalität nimmt zu", sagt der 31-Jährige.

Seine Tagesschicht beginnt heute um 12 Uhr, sie geht bis Mitternacht. Und gleich der erste Einsatz, auf den er uns mitnimmt, macht deutlich, wie unerwartet und mit welcher Wucht sich die Gewalt gegen die Männer in Uniform wenden kann. Florian Söhring, von den Kollegen nur "Flo" gerufen, will an der Grüntaler Straße einen in zweiter Reihe parkenden Autofahrer zur Rede stellen. Von der anderen Straßenseite her schreit plötzlich ein Mann, der sein Gesicht mit einer schwarzen Kapuze verdeckt: "Schlägerei, kommt mal schnell!"

Zwei Gruppen prügeln aufeinander ein, Angehörige zweier Familien und deren Freunde, insgesamt etwa 50 Männer und Frauen. Zwei Mädchen haben sich verkeilt, beschimpfen sich, reißen sich die Haare aus, treten zu. Söhring geht dazwischen, Streifenkollege Martin S. ruft Verstärkung. Mit so vielen "Kunden" kommen sie allein nicht zurecht. Das Geschrei wird lauter, die Situation unübersichtlich. Als weitere Zivilbeamte und Wagen eintreffen, versucht Söhring immer noch, die Frauen zu trennen. Nach zehn Minuten schafft er es.

Endlich herrscht Ruhe, etwas zumindest. Die Gruppen reden zwar immer noch laut aufeinander ein, jetzt müssen sie sich aber über die Schultern der Beamten hinweg anpöbeln. Allmählich gewinnt Söhring die Übersicht in dem Chaos. Allmählich wird auch klar, worum es hier geht: Eines der Mädchen wurde in ihrer neuen Schule gemobbt, und ihr großer Bruder wollte die Sache klären, mit Verstärkung. Vor der Schule traf er die Rädelsführerin und schlug die 16-Jährige. Die ist gerade zum zweiten Mal schwanger. Während sich die Streitenden jetzt wieder auf Arabisch anschreien, während die erste Verletzte ins Krankenhaus transportiert wird, sprechen Söhring und seine Kollegen mit den Lehrern. Fassungsloses Kopfschütteln. Am Abend werden die Beamten erfahren, dass sich die beteiligten Familien vor dem Krankenhaus begegnet sind. Es hat dann wieder eine Schlägerei gegeben.

Angriff auf dem U-Bahnhof

"Es geht so schnell", sagt Florian, während sein Kollege Martin S. den Wagen durch den Kiez lenkt. "Im August 2004 war ich zivil eingesetzt und sollte mit einem Kollegen Rauschgifthändler auf dem U-Bahnhof Bernauer Straße beobachten und festnehmen." Zehn Dealer seien auf dem Bahnsteig gewesen. Als Söhring und sein Einsatzpartner einen der Dealer verfolgen wollten, wurden sie als Polizisten erkannt. Es folgte eine Attacke, die beiden wurden in dem folgenden Chaos getrennt. "Einen konnte ich mir noch mit einem Fußstoß vom Leibe halten", erinnert sich Söhring, "dann sprangen die Rauschgifthändler ins Gleisbett, griffen sich Steine und bewarfen uns damit."

Die Angreifer hätten auch ihre Gürtel aus den Hosen gezogen und auf sie eingeschlagen. "Ich konnte meinen Kollegen nicht sehen, es war meine größte Angst, dass er getötet werden könnte", sagt Söhring. Irgendwann kam Verstärkung, irgendwann sah er keine Sterne mehr von den Hieben, und irgendwann kam sein Kollege. Erleichterung. Dass er sich selbst die Faustknöchel blutig geschlagen hatte, merkte Söhring damals gar nicht. "Irgendwann kämpfst du einfach nur noch um dein Leben." Was für ein Satz. Gesprochen im Dezember 2009 von einem deutschen Polizisten, Einsatzort Berlin, nicht Kundus.

Die Liste dieser Art von Übergriffen ist lang. Im Juli 2008 werden Kollegen Söhrings an der Badstraße angegriffen, als sie einen verwirrten Türken in Gewahrsam nehmen, der sich selbst verletzt hatte. Wenige Tage später attackieren 15 Personen unvermittelt ein Kamerateam an der Koloniestraße. Es kann sich gerade noch in ein Lokal retten. Als Beamte am gleichen Tag einen 17-Jährigen mit Migrationshintergrund an der Wiesenstraße festnehmen wollen, tauchen knapp 50 Menschen aus den umliegenden Häusern auf und bedrohen die Polizisten. Im Oktober muss die Polizei einschreiten, als ein Schlägertrupp nach einem Unfall auf einen Motorradfahrer eintritt. Dutzende Jugendliche stellen sich den Beamten in den Weg. Nur durch das "offensive Zeigen der Schlagstöcke" hätten sie die Menge auf Abstand halten können.

"Man erlebt die unglaublichsten Sachen", erzählt Söhring. "Einmal haben wir nachts im Kiez einen Mann festgenommen, der Autospiegel abgetreten hatte." 30 Männer kamen, um ihn zu befreien. "Als die aber mitbekamen, was der Mann getan hatte und dass einige selbst betroffen waren, kippte die Stimmung, und wir mussten den Mann schützen."

Nur noch mit Schutzwesten im Dienst

Selbst bei Routineeinsätzen kann sich Söhring inzwischen nicht mehr sicher sein, dass er unversehrt nach Hause kommt. Schon lange tritt keine Funkstreifenbesatzung mehr ihren Dienst an, ohne zuvor Schutzwesten anzulegen.

Auch beim nächsten Einsatz weiß Söhring nicht, was ihn erwartet: Um ein Uhr meldet sich eine türkische Frau bei der Notrufzentrale. An der Buttmannstraße sei es zu laut. Eine 18-Jährige feiert dort Geburtstag in einer alten BVG-Werkstatt und hat "Freunde" eingeladen - mehrere Hundert Jugendliche tanzen betrunken zu ohrenbetäubender Techno-Musik. Draußen schmeißen sie mit Bierflaschen und grölen dumme Parolen. "Und jetzt sind wir die Spielverderber", sagt Dennis M., der Florian Söhring in dieser Nacht begleitet. Der versucht gerade, gegen den Lärm anzubrüllen und fragt nach der Veranstalterin. Die junge Frau bekommt Angst vor einer Anzeige und beendet die Fete. Die Gäste sind wütend. "Schuld haben die Bullen." Söhring und sein Kollege bleiben ruhig, verbitten sich das Gepöbel.

Nach und nach ziehen die wütenden Nachtschwärmer dann ab, zischen Beleidigungen. In einem unbeobachteten Moment legen sie Scherben vor den Streifenwagen, kleben einen Antifa-Aufkleber auf die Motorhaube. "Das ging ja gerade noch gut", sagt Dennis M. und reibt sich die kalten Hände.

Zehn Minuten später eilen die beiden Polizisten zum nächsten Einsatz an der Papierstraße. Kollegen haben dort Unterstützung angefordert. Die Mieterin eines Wohnhauses soll dem Freund eines Nachbarn die Haustür vor die Nase gehauen und ihren Pitbull auf ihn gehetzt haben. Der wiederum habe gedroht, den Hund zu erschießen. Als die ersten Beamten ankommen, trägt das Tier noch keinen Maulkorb. "Die Ersten beißen die Hunde", sagt ein Kollege Söhrings und seufzt. Der Mann und die Frau zeigen sich nun gegenseitig an: wegen Nötigung, Bedrohung, Beleidigung. "Scheiß-Kanake hat sie mich genannt", schimpft der Freund des Nachbarn. "Dabei bin ich Grieche."

Söhring und sein Kollege notieren die Personalien und steigen wieder in den Streifenwagen. Nach der erfolglosen Suche nach einem betrunkenen Obdachlosen werden sie zu einer einschlägig bekannten Kneipe gerufen, die Araber regelmäßig für ihre Partys nutzen. Als die Polizisten ankommen, sitzt ein Mann zusammengesunken und mit blutender Kopfwunde am Boden, er ist zusammengeschlagen worden, die Täter sind verschwunden.

Grauen hinter verschlossener Tür

Eine Hundeführerin ist aus Sicherheitsgründen dazugerufen worden. Das Tier bellt, als die Gäste der Feier lauthals ihre Zeugenaussagen machen. "Darf ich den streicheln?", fragt eine Frau im Abendkleid. Die Beamten schauen sie ungläubig an. "Die Nacht hat begonnen", ruft Dennis M. nun - weiter geht es. Einsatz in der Pankstraße. Dort wurde einer 70-jährigen Frau von einem Nachbarn ins Gesicht geschlagen, weil sie sich über den Lärm beklagt hatte. Die Frau hat ein dickes Auge, eine blutige Lippe und empört sich entsprechend. Söhring und sein Kollege klingeln an der Tür gegenüber, die Hände an den Waffen. "Wer alte Frauen schlägt, geht auch auf Polizisten los", sagt Dennis. Doch der Nachbar ist nicht mehr da.

Der nächste Funkspruch kommt im Morgengrauen: Ein Junkie lässt den Fernseher zu laut laufen, wie so oft. Weil er die Tür nicht öffnet, kommt der Schlüsseldienst - und wenig später das Grauen: Die Wohnung ist völlig vermüllt, Schimmel, nicht nur in den Ecken. Von dem Mieter keine Spur. Die Beamten müssen nachschauen, ob der Drogensüchtige nicht doch unter den stinkenden Matratzen liegt. Der Geruch dieser Wohnung wird den Polizisten noch für Stunden in der Nase hängen. Als Söhring ins Freie tritt, sagt er: "Guten Morgen, Berlin." Feierabend.