Selbstmord

Erhängt in der Zelle - der Tod des Kurt Demmler

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Kurt Demmler war einer der bekanntesten Liedermacher der DDR - und wegen Kindesmissbrauch angeklagt. Seit August saß er in Haft, weil Fluchtgefahr bestand. Im Gefängnis in Berlin-Moabit fanden Justizbedienstete am Morgen den Leichnam Demmlers. Der Mann, dem Kindesmissbrauch in mehr als 200 Fällen vorgeworfen wurde, hatte sich erhängt.

Es war gegen 6.30, als Justizbedienstete im Gefängnis Moabit die Zelle von Kurt Demmler öffneten. Da war der Mann, den die DDR einst mit dem Nationalpreis ausgezeichnet hatte, bereits tot. Nach Informationen von Morgenpost Online hat Demmler sich erhängt. Seit August 2008 schon saß der DDR-Liedermacher in Haft. Ihm wurde Kindesmissbrauch in mehr als 200 Fällen vorgeworfen.

Daniel Abbou, Sprecher der Berliner Justizverwaltung, bestätigte Demmlers Tod, wollte aber mit Verweis auf die laufenden Ermittlungen keine Einzelheiten nennen. Allerdings habe in den vergangenen Tagen nichts darauf hingedeutet, dass Demmler womöglich seinen Selbstmord plane. Auch nach Demmlers Tod fand sich nichts, was als Hinweis in dieser Richtung gedeutet werden könnte. Ein Abschiedsbrief ist den Angaben zufolge bislang nicht aufgetaucht.

Gegen Demmler wurde seit Januar vor dem Landgericht wegen sexuellen Missbrauchs verhandelt. Seit seiner Festnahme im August vergangenen Jahres saß der Künstler in Untersuchungshaft. Mit der Vernehmung erster Zeugen sollte der Prozess heute fortgesetzt werden. Dem 65-Jährigen wurden in zwei Anklagen mehr als 200 Missbrauchstaten an sechs damals minderjährigen Mädchen vorgeworfen. Die Taten liegen zum Teil 13 Jahre zurück. Wenige Stunden nach der Todesmeldung stellte das Gericht das Verfahren ein.

Demmler soll sich zwischen August 1995 und November 1999 an insgesamt sechs Mädchen im Alter zwischen 10 und 14 Jahren vergangen haben. Zu den Übergriffen kam es laut Anklage meist bei Castings für die Formierung einer Mädchenband in Demmlers Wohnung in Prenzlauer Berg. Aber auch in seiner Villa im brandenburgischen Storkow soll Demmler die Kinder sexuell missbraucht haben. Insgesamt soll Demmler den Ermittlern zufolge 212 sexuelle Übergriffe begangen haben. Wegen Flucht- und Verdunkelungsgefahr saß der Musiker seit seiner Festnahme in Untersuchungshaft. Der Prozess vor dem Berliner Landgericht hatte am 22. Januar begonnen. Demmler selbst hatte sich zu den Vorwürfen nicht geäußert.

Gegen den Liedermacher war schon früher einmal wegen sexuellen Missbrauchs ermittelt worden. Im November 2002 wurde er deswegen zu 1800 Euro Geldstrafe verurteilt. 2007 offenbarte sich ein weiteres Mädchen. Während der Ermittlungen zur jüngsten Anklage meldeten sich weitere Schülerinnen. Demmler wurde dann am 4. August 2008 verhaftet.

Der 65-Jährige war einer der erfolgreichsten Rocktexter der DDR. Er schrieb für Nina Hagen und Gruppen wie Karat, die Puhdys oder die Klaus Renft Combo. Sein 1985 erschienenes Album „Die Lieder des kleinen Prinzen“ (nach Antoine de Saint-Exupéry) gehört zu den besten Alben in der Musikgeschichte der DDR. Zu seinen Liedern gehörten auch „Das können die Oktoberkinder“, „Irgendwer ist immer dabei“, „Jeder Mensch kann jeden lieben“ und „Komm in mein Gitarrenboot“. Demmler erhielt in der DDR mehrere Auszeichnungen, darunter der Nationalpreis.

1976 gehörte er zu den Mitunterzeichnern der Protestresolution gegen die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann aus der DDR. Demmler war auch Mitunterzeichner der Resolution der Rockmusiker und Liedermacher im Wendeherbst 1989 in der DDR und trat bei der ersten freien Massendemonstration in Ost-Berlin am 4. November 1989 auf dem Alexanderplatz auf. mb/ali/sei